FilmmusikWagner, der Vietcong-Schreck

Für einen richtigen Filmkomponisten wurde Richard Wagner 100 Jahre zu früh geboren. Doch sein Einfluss auf heutige Soundtracks ist unbestritten. von 

Hubschrauber-Angriff mit Wagner-Beschallung: Filmplakat zu Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now"

Hubschrauber-Angriff mit Wagner-Beschallung: Filmplakat zu Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now"  |  © Studio Canal/Arthaus

Die Melodie kennt jeder: Sie beginnt mit Streichern. Schicht für Schicht peitschen sie sich empor, bis mächtige Hörner hineinjagen wie Fanfaren vorm Jüngsten Gericht – dann kulminiert der Walkürenritt in einem gewaltigen Orchestercrescendo. Acht Geisterwesen sind es, die in Richard Wagners zweitem Teil des Ring des Nibelungen zum berühmten Schlachtruf himmelwärts reiten. Acht Helikopter sind es zur selben Melodie in Francis Ford Coppolas Apokalypse Now. Bevor die Flugformation ein vietnamesisches Dorf in Feuer badet, dreht Lieutenant Colonel Bill Kilgore die Lautsprecher auf. "I use Wagner", sagt er, "it scare’s the hell out of the slopes".

Wagner, der Vietcong-Schreck, der Ring als Soundtrack – Coppola gelang die brillante Vertonung einer brillanten Szene. Wie kein zweites Thema der Klassik zählt der Walkürenritt zum akustischen Standardrepertoire der verschiedensten Genres: In der Wochenschau intonierten die Nazis 1941 die Landung auf Kreta. In Bryan Singers Operation Walküre fast 70 Jahre später Bomben auf Stauffenbergs Landsitz. Die Blues Brothers begleitet er auf der Flucht vor Neonazis und in Nobody die Desperados im Westernkampf. Dramen von Fellini, Serien wie Simpsons, Ballerspiele à la Far Cry 3, ja selbst die Empfängnisverkündung in Billy Wilders Komödie Eins, zwei, drei bedienen sich des Walküren-Zitats.

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"Wagner ist der erste Filmkomponist der Geschichte", sagt Sabine Sonntag. Die Opernregisseurin und Dozentin an der Musikhochschule Hannover hat über Wagner und die Oper promoviert. "Die Emotionalität seiner Werke lässt Text und Ton interagieren wie bei keinem Komponisten zuvor und danach."

Mit Lohengrin hatte Wagner 1850 das durchkomponierte Singspiel erfunden: Arien, Chöre, Sätze, Zäsuren verwob er darin zu einer Art Klangteppich, der später den Kintopp der Stummfilmära ebenso prägte wie die Blockbuster von heute. Grund dafür sei vor allem das Leitmotivische an Wagners Werken, sagt Sonntag. Wagners Werke haben nicht nur die Filmmusik bis tief in die Sechzigerjahre geprägt, sondern Generationen von Filmkomponisten wie John Williams (Star Wars, Harry Potter) oder Hans Zimmer (König der Löwen, Piraten der Karibik) beeinflusst. Wer also den pausenlosen Bombast überm Herrn der Ringe beklagt (der dem Ring der Nibelungen auch dramaturgisch verteufelt ähnelt), sollte sein Protestschreiben also nach Bayreuth schicken.

Oder ein kleines Dankeschön.

Leserkommentare
    • 29C3
    • 22. Mai 2013 9:59 Uhr
    4 Leserempfehlungen
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    Da gibt es eine Fortsetzung der Szenen mit den Tänzerinnen... Ich halte auch diesen Film für einen der besten aller Zeiten. Man kann garnicht anders als dem Captain Willard cm um cm auf dem Fluß zu folgen und ist baff über die grünen und menschlichen Höllen, die durchwandert werden. Und die Musik neben dem Hubschraubergeknatter bereitet das Inferno vor mit Napalm und MGs..

    • 3zu2
    • 22. Mai 2013 10:13 Uhr

    ...rocks!

  1. Da gibt es eine Fortsetzung der Szenen mit den Tänzerinnen... Ich halte auch diesen Film für einen der besten aller Zeiten. Man kann garnicht anders als dem Captain Willard cm um cm auf dem Fluß zu folgen und ist baff über die grünen und menschlichen Höllen, die durchwandert werden. Und die Musik neben dem Hubschraubergeknatter bereitet das Inferno vor mit Napalm und MGs..

    Antwort auf "Apocalypse Now"
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    • 29C3
    • 22. Mai 2013 19:50 Uhr

    Und ob...

  2. warum es für Merkel und sonstige Führer der Politik und Wirtschaft solch eine Pflichtveranstaltung ist, in Bayreuth aufzutauchen. Ist es die Gewalt der Musik, die sie auch gerne hätten? Zieht die Gelegenheit Abendkleider mitsamt Inhalt zu zeigen in den Bann? Oder einfach nur eine lästige Tradition wo es lediglich darauf ankommt, zu zeigen, dass man Kartenbesitzer ist. Sozusagen der VIP-Stempel inclusive voraussichtlicher Heiligsprechung? Und dann könnte an sich fragen, warum diese Festspiele, Betonung liegt auf fest, wie fester Käse nicht auch für das Volk freigegeben werden, z.B. per Videoleinwand in den Städten mit Feuerzeuggeschwenke. Dann geht wahrscheinlich das Exclusivfeeling verloren, dass sich die Führer der Welt mit dem dortigen Auftauchen erkaufen.

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  3. Ich bin beileibe kein Opernfan aber die Aussage: "der Film bietet seit seiner Vertonung nun mal Möglichkeiten, die sich Wagner [...] sehnlich gewünscht hätte" finde ich gewagt bin anmaßend.

    Der Film, produziert mit ausreichenden Mitteln, prösentiert in einem THX-Zertifizierten Kino mag qualitativ an die gute Inszenierung einer Oper herankommen aber die Realität sieht anders aus. Man muss Glück haben, wenn der Subwoofer nicht klappert oder dass der Film überhaupt in dem richtigen Pegel und mit optimaler Ausleuchtung präsentiert wird, von der Qualität der Soundanlage ganz zu schweigen.

    Ich kann mir nicht vorstellen, das Wagner seine Werke anstatt in einem akustisch perfektionierten Raum mit eigener Orchester-Unterbühne, also einem Opernraum, lieber in einem muffigen Kino mit verzerrtem Sound präsentieren würde mit zusätlichem Expolisions-Gewitter und Motorengeräuschen und "uffs" und "aahs". Das brauchte Wagner alles nicht, denn die Musik übernahm auch weitestgehend das Sounddesign.

    Trotzdem danke für den Artikel. Als Medienkomponist lese ich sowas gerne auch wenn es Standardwissen ist.

    3 Leserempfehlungen
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    ... es geht hier weniger um den Film als Medium, sondern die damit verbundenen Kulturtechniken zum Einen und den filmspezifischen Effekten zum Anderen. Zweifellos hätte Wagner weiterhin Opern geschrieben (oder vielleicht auch ein ganz neues Genre des Films entdeckt, wer weiß?), aber sicherlich hätte ihm so manche Kulturtechnik, die erst mit dem Film aufkam (bestimme Arten des Sehens, Warhnehmens, der Selbstwahrehmung, der Narration...), ganz gut in den Kram gepasst.
    Wagner und sein 'Gesamtkunstwerk' (obwohl er das Wort hasste) wird genau deswegen im Kunstgeschichtestudium gerne mal mit dem Stummfilm 'Metropolis' von Fritz Lang verglichen - und als recht unwissender Student kam ich damals aus dem Staunen kaum mehr raus ;-)

    Aber ich stimme Ihnen völlig zu - Wagner in einem stickigen, muffigen Provinzkino ist wahrlich schwer vorstellbar!

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    Antwort auf "Man fragt sich aber"
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    aber es ist die Frage, ob ein Herr A.H. z.B. Schlager von Andrea Berg gehört und mitgeklatscht hätte. Bei Wagner ist schon ein besonderer Saft drin...

    • 29C3
    • 22. Mai 2013 10:59 Uhr

    Aber in diesem Fall hat der Regisseur selbst die Entscheidung getroffen. Sie können allerdings gerne wegschauen oder die Botschaft ablehnen, das bleibt Ihnen überlassen.

  5. aber es ist die Frage, ob ein Herr A.H. z.B. Schlager von Andrea Berg gehört und mitgeklatscht hätte. Bei Wagner ist schon ein besonderer Saft drin...

    • 29C3
    • 22. Mai 2013 10:59 Uhr

    Aber in diesem Fall hat der Regisseur selbst die Entscheidung getroffen. Sie können allerdings gerne wegschauen oder die Botschaft ablehnen, das bleibt Ihnen überlassen.

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