Umstrittener "Tannhäuser"Jüdische Gemeinde nimmt Wagner in Schutz

Eine umstrittene Düsseldorfer Operninszenierung stellt Tannhäuser als Nazi dar. Ein jüdischer Sprecher hält die Assoziation Wagners mit dem Holocaust für ungerecht.

Elena Zhidkova (Venus) und Daniel Frank (Tannhäuser) in der Düsseldorfer Inszenierung

Elena Zhidkova (Venus) und Daniel Frank (Tannhäuser) in der Düsseldorfer Inszenierung  |  © Hans Joerg Michel/Deutsche Oper am Rhein

Die jüdische Gemeinde in Düsseldorf hat die umstrittene Tannhäuser-Inszenierung der Rheinoper als "geschmacklos" kritisiert. Während der Premiere am vergangenen Samstag hatte bereits das Publikum mit lauten Buhrufen reagiert, einige Zuschauer verließen den Saal. Die Interpretation des Regisseurs Burkhard C. Kosminski sorgte mit drastischen Nazi- und Holocaust-Szenen für Aufregung.

 

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Der jüdische Gemeindedirektor Michael Szentei-Heise sagte nun, Wagner sei zwar ein "glühender Antisemit" gewesen. Aber dem Komponisten dies "auf der Bühne so um die Ohren zu schlagen, halte ich für nicht legitim".

Wagners grundsätzliche politische Einstellung spiegele sich nicht in seiner Musik und auch nicht im Libretto. "Wagner hatte mit dem Holocaust nichts zu tun", sagte Szentei-Heise. Dem Komponisten werde mit der Düsseldorfer Inszenierung "unrecht getan". Eine Absetzung verlange die jüdische Gemeinde aber nicht. Szentei-Heise sagte: "Es kommt mir komisch vor, Wagner verteidigen zu müssen".

Der Regisseur Burkhard C. Kosminski, Intendant des Mannheimer Schauspiels, verlegt in seiner ersten Operninszenierung die sagenhafte Handlung um Tannhäuser im Venusberg und den Sängerkrieg auf der Wartburg in die Zeit des Nazi-Regimes und der Entstehung der Bundesrepublik.

Schon während der Ouvertüre sinken nackte Darsteller zu Boden in einem Kreuz aus gläsernen Würfeln, die sich mit Nebel füllen. Der Venusberg, bei Wagner Ort der hedonistischen Liebe, wird zum Schauplatz einer brutalen Erschießungsszene. Venus in Nazi-Uniform und ihre SS-Schergen ermorden eine Familie und zwingen Tannhäuser dazu, ebenfalls zu töten.

Kosminski hat Wagners romantische Oper, die sich um den Konflikt zwischen exzesshafter und keuscher Liebe dreht, mit NS-Motiven verschränkt, um daran das Thema von Schuld und Sühne zu bearbeiten. Ihn bewege die Frage, wie man mit Tätern und Opfern umgehe und aus einer Welt des Schreckens heraus eine neue Ordnung konstituiere, sagte er. Die Inszenierung habe schon während der Probenzeit im Ensemble heftige Diskussionen ausgelöst, berichteten Beteiligte.

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Leserkommentare
  1. neben dem Ökofaschismus- mit dem neudeutschen grünen Herrenmenschen- gibt es längst den Kulturfaschismus
    neudeutscher Prägung-

    Kunst muss verstören,irritieren uswusw
    also etwa die Wirkung hervorbringen wie ein Tritt ins Gemächt-
    dann ist es Kunst-sonst nicht-
    unsere Vorfahren wussten von all dem nix-

    oder anders gesagt: solche regisseure verkörpern genau das,
    was sie angeblich bekämpfen wollen

    7 Leserempfehlungen
  2. Man kann es mit dem selbstkritischen Aufarbeiten der NS-Zeit auch übertreiben - spätestens wenn die jüdische Gemeinde einlenkt.

    Wagners (zugegebenermaßen widerliche) politische und gesellschaftliche Einstellung ist zwar keineswegs zu bestreiten, sie wäre jedoch wahrscheinlich nicht mehr als eine kleine Fußnote geblieben, hätten nicht die Nationalsozialisten selbst den Mann zu eine Galionsfigur des Antisemitismus hinauf-glorifiziert.

    Wagner nun bedingungslos und ausschließlich darauf zu reduzieren wäre in meinen Augen ein nachträglicher Triumph der Nazis, den ich persönlich ihnen ganz und gar nicht gönnen möchte.

    3 Leserempfehlungen
    • gooder
    • 06. Mai 2013 18:23 Uhr

    Was hällt denn der Stiftungsrat der Richard-Wagner-Stiftung in Bayreuth von der geschmacklosen Inszenierung?

    Eine Leserempfehlung
  3. Taugt solch eine Inszenierung (ich habe sie nicht gesehen, kenne also nur Beschreibungen aus Artikeln) wirklich zu einem Skandal?
    Eher doch liest sich das, wie ein vom Regisseur wohl kalkulierter Aufreger im "Wagner Jahr". Vielleicht mit der Hoffnung, dereinst in der, mit Verlaub, Provinz ähnlich gefeiert zu werden, wie Patrice Chéreau ob seines "Jahrhundertring" in Bayreuth.

    Bemerkens- und begrüßenswert finde ich die Reaktion der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf. Wagner war bestimmt (ich liebe übrigens seine musikalischen Werke) ein unangenehmer Zeitgenosse, mit teils wirren bis unsäglichen Ansichten, in vielen Schriften nachzulesen.

    Das ausgerechnet der Tannhäuser, abgesehen vom immer gerne für alle Interpretationen dienenden Vorspiel (was für ein menschlicher Aufruhr!), zu solcher Bühnendeutung führte, ist ein wenig überraschend - aber höchstens, wenn man so will, ein Düsseldorfer Skandal; mit nachvollziehbarer Ermangelung barbusiger Rheintöchter, welche vielleicht in einer kommenden, "kritischen" Aufführung des "Rheingold" sich als Expertinnen des Waterboarding darstellen (müssen).

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  4. Jede Inszenierung ist ja letztlich legitim. Nur ist Wagners Beziehung zur NS-Zeit schon dermaßen lange kein Geheimnis mehr, nichts Neues mehr... in den 60ern oder 70ern wäre eine solche Inszenierung interessant, vielleicht sogar notwendig gewesen, mittlerweile aber, im Jahr 2013 angekommen... haben wir bereits dutzender, hunderter dieser Wagner-Nazi-Inszenierungen gesehen, daß es richtiggehend unorginell, ideenlos, epigonenhaft wirkt. Die Nazi-Keule eben - "Die zieht immer", mag Kosminski sich gedacht haben. Oder vielleicht hält er sich auch für total progressiv und mutig, das wäre dann traurig.

    3 Leserempfehlungen
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    • FranL.
    • 06. Mai 2013 19:54 Uhr

    Stimmt, langweilig, langweilig, langweilig. Wer vor siebzig Jahren eingefroren und jetzt wieder aufgetaut wurde, mag Wagnerinszenierungen mit Nazianspielungen für aufregend und provokant halten, aber mittlerweile ist das so abgestanden, langweilig und unoriginell wie der röhrende Hirsch über Omas Sofa. Man kann auch nicht mehr behaupten, daß Wagners Antisemitismus unter den Teppich gekehrt wird, manchmal ist man schon dankbar dafür, wenn sich ein Autor oder Regisseur der Musik dieses Komponisten widmet (wie Loriot einmal sagte, war Wagner nicht nur Politiker sondern nebenbei auch Komponist). Kann es wirklich im Sinne der jüdischen Opfer und deren Nachkommen sein, wenn der Holocaust als Provokationsvehikel eines überforderten Regisseurs mißbraucht wird?

    • FranL.
    • 06. Mai 2013 19:54 Uhr

    Stimmt, langweilig, langweilig, langweilig. Wer vor siebzig Jahren eingefroren und jetzt wieder aufgetaut wurde, mag Wagnerinszenierungen mit Nazianspielungen für aufregend und provokant halten, aber mittlerweile ist das so abgestanden, langweilig und unoriginell wie der röhrende Hirsch über Omas Sofa. Man kann auch nicht mehr behaupten, daß Wagners Antisemitismus unter den Teppich gekehrt wird, manchmal ist man schon dankbar dafür, wenn sich ein Autor oder Regisseur der Musik dieses Komponisten widmet (wie Loriot einmal sagte, war Wagner nicht nur Politiker sondern nebenbei auch Komponist). Kann es wirklich im Sinne der jüdischen Opfer und deren Nachkommen sein, wenn der Holocaust als Provokationsvehikel eines überforderten Regisseurs mißbraucht wird?

    2 Leserempfehlungen
  5. Diese Inszenierung ist vielleicht das Vorspiel für das Auftreten von Meese in Bayreuth.

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    • Mari o
    • 09. Mai 2013 2:56 Uhr

    genau,Wagner braucht jetzt Meese.aber er wird auch ihn zugrunderichten.
    egal,Kunst kennt kein Erbarmen

    • Mari o
    • 09. Mai 2013 2:56 Uhr
    8. Meese

    genau,Wagner braucht jetzt Meese.aber er wird auch ihn zugrunderichten.
    egal,Kunst kennt kein Erbarmen

    Antwort auf " Meese light"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, raw
  • Schlagworte Musik | Einstellung | Intendant | Komponist | Liebe | Mannheimer
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