Queer-Pop : Voll schwule Musik, oder was?

Haben Menschen jenseits des heterosexuellen Mainstreams andere Geschmäcker? Gibt es queere Popmusik? Ein neuer Sampler sucht nach Antworten und scheitert ganz bewusst.
Das Berliner Chanson-Duo Princessin Hans © J.Jackie Baier

Eigentlich sind unsere Ohren noch naiv. Dass die Coverprincess Birdy kaum volljährig ist und die Popqueen Madonna über 50, muss man schon wissen. Hören kann man es kaum. Ob ein Künstler aus Kenia stammt oder Kassel, Klavier spielt oder sampelt, gute Manieren hat oder schlechte Zähne – all dies muss übers reine Klangerlebnis hinaus vermittelt werden. Sonst ist es bloß Musik.

Folglich klingen die sechs Südamerikanerinnen Kumbia Queers in vielen Ohren erst mal nur nach Karneval und die norwegischen Hungry Hearts ihrem Namen nach wie stumpfer Eurodance, Sookee aus Berlin dagegen nach geladenem Straßen-Hip-Hop oder Princessin Hans wie ein Gaukler im Hauptstadtvarieté. Dann aber gräbt man tiefer, sucht Bilder, Links und Videos oder besser: hört den Sampler tender to all gender – schon bekommen die Hungerherzen und Eurotanzformationen, Rappenden und Thronfolgerinnen ein Gesicht. Gestalt. Bedeutung. Das Album kompiliert ja nicht bloß den Sound einer Szene, es sammelt die Menschen dahinter. Sie sind allesamt queer. Irgendwie.

Womit wir beim Problem wären. Denn queer, das ist das Modewort alternativer Liebes- und Leibesentwürfe im Kosmos körperlicher Selbstdefinition. Queer hat Abweichungen vom heterosexuellen Mainstream um Präfixe von trans- bis inter- erweitert. Queer ist somit ein Begriff, der Klarheit schafft und sie gleichsam beseitigt.   

Was soll da bloß queere Musik sein, deren Existenz der Sampler konstatiert? Ob Songs queer sind, hängt schließlich vom Sound ab oder denjenigen, die ihn liefern, manchmal gar von beidem, manchmal von keinem oder wahlweise: von Wohnort, Eltern, Arbeitsplatz, Stammbar und so etwas Banalem wie Geschmack. Queere Musik ist also alles, vieles, nichts. Je nach Perspektive, Intention, Haltung, Lust und Laune.


Um etwas Ordnung ins Chaos zu bringen, böten sich drei Unterscheidungskriterien an: Queere Musik stammt von Menschen, die von der heterosexuellen Norm abweichen, George Michael etwa. Sie bringt deren Träume, Forderungen, Probleme zum Ausdruck wie Judy Garlands Somewhere over the Rainbow und Gloria Gaynors I Will Survive. Oder sie gefällt einfach einem queeren Publikum. Das lässt sich Mai für Mai beim Eurovision Song Contest bestaunen, seit ihn Abba 1974 im Discofieber gewannen und zwei Jahre später die repressionsfrei hedonistische Stimmung auf dem Tanzflur mit Dancing Queen vertonten – dem Evergreen der lesbischwulen Partyszene. Das Lied ist nüchtern betrachtet etwa so gay wie Abba selbst, also weniger als beispielsweise R.E.M., die immerhin einen schwulen Sänger haben.

Weder das eine noch das andere, weder Michael, Gloria, Abba, geschweige denn R.E.M. wird man jedoch auf den Partys von Hugs and Kisses hören, dem queerfeministischen Magazin, das den Sampler kuratiert hat. Das DJane-Kollektiv aus Hamburg und Berlin spielt alternative Stile: Indie, Electronica, solche Sachen. Werden die von queeren Feministinnen gemacht – gut. Wenn nicht – auch egal! Mikrokosmisch korrekt ist, was gefällt. Auch in der Partyszene brechen die Grenzen zwischen Hetero und Homo dank wachsender Gleichstellung auf, die Szenen werden durchlässiger.

Davon konnte indes noch keine Rede sein, als die fünffache Mutter Diana Ross 1982 sang, was seinerzeit nur wenige wagten: I'm Coming Out. Deshalb bildete ihr Biotop, die Disco, seinerzeit den Resonanzboden wachsender Consciousness homophiler Lebenswege. Denn so ernst, schmerzhaft, zuweilen tödlich die Emanzipation abseits der Tanzfläche verlief, bot der kollektive Hedonismus auf Zeit Fluchtort, Klassenraum und Spaßventil zugleich. Unterm Stroboskop, so schien es, feierten alle gleich, unterhalten von Künstlern, die ihre Geschlechterrollen zusehends offensiv spielten. Von den kernigen Village People bis zum femininen Boy George, von Frankie Goes to Hollywoods Hardrockgestus bis zum muskulösen Kirmespop à la Right Said Fred spielte die sexuelle Orientierung unter Lichtorgeln zwar bloß eine Hauptrolle im Gestus, selten im Inhalt, immerhin aber gab es nun auch in den Charts schwule Projektionsflächen.

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Queer - neues Wort, altes Thema

Musik gefällt mir - meistens ganz spontan.

Erst im Nachhinein finde ich sehr häufig heraus, dass die Menschen, die sie komponieren, produzieren oder ihre Texte schreiben, sich selbst als homo- oder bisexuell bezeichnen. Teilweise verzichten sie auch ganz auf Etiketten (wie Mika lange Zeit, der sich selbst als "not picky" beschrieb).

Warum der intuitive Hang zu Musikern und Musikerinnen, die nach diesem Artikel als queer gelten? Ich persönlich kann es häufig am Text festmachen. Mir gefällt die Perspektive, aus der geschrieben und letztlich gesungen wird. Viele Selbstverständlichkeiten werden auseinandergenommen. Altes erscheint in neuem Licht - was anders vielleicht ein abgedroschenes Liebeslied wäre, ist jetzt, von Frau zu Frau, ein großes Bekenntnis.

Auch die Performance spielt für mich eine große Rolle. Schillern die Geschlechterrollen? Frauen, die Macho-Gesten übernehmen (E-Gitarre a.k.a. Phallusprothese); Männer, die Make-Up und Kleider tragen. All das kennt man spätestens seit Patti Smith und David Bowie; es hat nichts an Reiz verloren, bloß der Name ist anders. Man nennt es jetzt queer.

Versuch einer Deutung

"..bloß der Name ist anders. Man nennt es jetzt queer."

Und genau das ist der Punkt: Auch bei der inflationären Verwendung des Begriffs "queer" geht es nicht um Inhalte, sondern um - Sie sagen es ja bereits - Performanz. Zu fragen wäre als, was durch die Verwendung des Begriffs "dargeboten" oder "zur Schau gestellt" werden soll. Ich meine, es geht vor allem um einen Akt der ideologischen Selbstüberhöhung, der durch die vermeintliche (!) Deutungshoheit gegenüber anderen (und auch hier haben wir es mit einer altbekannten binären Opposition zu tun, nämlich der von Eingeweihten bzw. Wissenden und Nicht-Eingeweihten bzw. Unwissenden). Queerness ist also eher eine ideologische Kategorie als eine das Wissen betreffende.

Ich habe allerdings noch nie erlebt, dass man über diese Dinge spricht (moralische Selbstüberhöhung, epistemische Inbeschlagnahme usw.), wenn man sich der Frage nach der Relevanz konstruktivistischer Paradigmen als Teil der Selbst- und Fremdkonstruktion widmet (Wissende sagen natürlich "Identität" und "Alterität", wie sollte man sich sonst gegenüber den Unwissenden abgrenzen).

Immun gegen Kritik

Wenn ich an die Queer-Studies im Rahmen der Gender-Studies denke, dann ist das wohl ein Trend, der in ein paar Jahrzehnten als "Marotte des frühen 21. Jahrhunderts" abgetan werden wird. Er bezeichnet so viel, dass er am Ende nichts mehr bedeutet. Sie beschreiben sehr eloquent, "worum es geht" - ich selbst bin mir nicht so sicher, ob ich darauf eine passende Antwort geben kann. Wie gesagt, der Begriff ist eigentlich recht unbrauchbar.

Die ideologische Schlagseite bemerke ich auch; in der Literatur wird alles queer-gelesen, weil das angeblich Potentiale hervorkehrt, die sonst ungesehen bleiben. Bis dato finde ich den Erfolg solcher Methoden bescheiden. Ihr Zugang ist oft anachronistisch. Trotzdem entziehen sich solche Lesarten (noch) der Kritik - einerseits, weil "queer" gerade hip ist, andererseits, weil das Wort alle Facetten der Menschheit zu subsumieren scheint, die jemals diskriminiert wurden. Sagen Sie mal was dagegen, ohne sofort den Mief von Intoleranz auf sich zu ziehen.

Popkulturell bin ich dem Begriff noch zu selten begegnet, um irgendwelche Einschätzungen über seinen Ideologiegehalt abzugeben. Auf dem Hintergrund meiner Erfahrungen im Rahmen der Erzähltheorie schätze ich aber, dass Sie mit ihrem Verdacht recht haben.

Danke auch für das Angebot eines Verbes; es ist mir nicht gelungen, es sinnvoll zu ergänzen :)

Zustimmung und Verb

"Trotzdem entziehen sich solche Lesarten (noch) der Kritik - einerseits, weil "queer" gerade hip ist, andererseits, weil das Wort alle Facetten der Menschheit zu subsumieren scheint, die jemals diskriminiert wurden. Sagen Sie mal was dagegen, ohne sofort den Mief von Intoleranz auf sich zu ziehen."

Das unterschreibe ich zu 100%, zumal mir das viel leichter fällt, als es selbst so klar und treffend zu formulieren.

Als Verb habe ich gerade nur eine ziemlich schwache Passivkonstruktion im Angebot ("inszeniert werden soll"). Ich hoffe, das ist für den Augenblick gut genug.

@ 9 Zossh

Zit.: "Es ist schön, dass wir soweit sind offen über diese Songs zu sprechen, es ist schade, dass wir uns nun da wir Teil des Ganzen sind wieder abgrenzen müssen."

Wieso denn, wenn man sich nicht selbst kategorisiert? Musik ist wie im letzen Absatz des Artikels angedeutet Geschmackssache. Berührt sie drüber hinaus, wird sie dem was geben, der auf den Inhalt achtet und nicht auf die Verpackung. Kategorien? für wen sind die?

Die Musik in der Musik

"Als musikabhängiger, offener, schwuler Mann möchte ich anmerken, dass Leitfiguren natürlich eine Rolle darin spielen seine Identität anzuerkennen. Es macht einen Unterschied ob Freddie Mercurie singt oder Bruce Springsteen."

Da haben Sie ganz sicher Recht. Ich wundere mich nur häufig darüber, dass offenbar die Mehrheit der Musikabhängigen die Musik hauptsächlich zum Zwecke der Identifikation mit diesen von Ihnen so genannten "Leitfiguren" konsumiert.

Dadurch verschwindet oft die Musik hinter dem Identifikationsprozess. Das triff vor allem auf Genres zu, die ganz gezielt als Identifikations- und Projektionsflächen bestimmter Populär- oder Subkulturen produziert und konsumiert werden (Stichwort: "schwule" Musik). Es geht also primär um Etikettierungen, sowohl auf Seiten der Musik (Objekt) als auch der Rezeptionsgemeinschaft (Subjekt).

Zwischen den Genres gibt es da meiner Ansicht nach sehr große Unterschiede. Ich höre zum Beispiel ebenso gerne Bach und Beethoven wie diverse andere Dinge, und zwar vor allem deshalb, weil in der "klassischen" Musik eben gerade nicht die Identifikation mit einem bestimmten "Lifestyle" im Vordergrund steht, sondern die Freude an der musikalischen Durcharbeitung verschiedener Motive, Figuren, Ideen, Themen usw. Natürlich gibt es auch Lifestyle-Klassik wie Sand am Meer. Aber man kann klasische Musik eben _auch_ aufgrund ihrer "innermusikalischen" Qualitäten rezipieren. Versuchen Sie das mal mit Lady Gaga, Scooter oder Bushido.