Electronic Dance Music : Die vereinigten Raver von Amerika

Europäischer Techno wurde aus der Subversion geboren. Jetzt entdecken die USA das Megageschäft mit der Electronic Dance Music und Ibiza hat das Nachsehen.
Feiernde Massen während des Electric Daisy Carnival in Las Vegas 2011 © Richard Brian/REUTERS

Las Vegas ist vorbereitet. An diesem Wochenende werden Hunderttausende Partywillige die Stadt stürmen. Hier kennt man sich aus mit Menschenmassen, die ein paar Tage lang mal einfach die Sau rauslassen wollen. Diesmal dürfte es in der Wüstenmetropole aber noch etwas schriller zugehen als sonst. 72 Stunden lang wird dort der Electric Daisy Carnival abgehalten, ein Monsterrave wie die Loveparade in ihren besten Zeiten.

Die glitzernde Kunststadt, die man bis vor Kurzem noch mit dem Rat Pack und dem aufgedunsenen Elvis assoziierte und in der Céline Dion für viel zu viel Geld vor Leuten mit viel zu viel Geld auftritt, hat sich in den vergangenen Jahren neu erfunden. Auch Dank des Electric Daisy Carnival. Elektronische Tanzmusik ist gerade das Ding in den USA, der neue Hip-Hop meinen viele, der neue Rock sowieso. Und das Zentrum des unerwarteten Phänomens, das da binnen zwei Jahren gigantische Ausmaße angenommen hat, ist nicht New York, nicht Los Angeles und schon gar nicht Detroit, der Geburtsort des Techno, sondern die Glückspielstadt Las Vegas.

 

Wenn es stimmt, was der amerikanische Musikjournalist Kerri Mason behauptet, der glaubt, elektronische Tanzmusik sei in den USA inzwischen "größer als sie es je in einem anderen Land war", dürfte Las Vegas damit London und Berlin als bisherige Weltzentralen dieser Musik abgelöst haben. Auch auf der Partyinsel Ibiza merkt man, dass in den USA gerade das Geschäft mit der elektronischen Tanzmusik völlig neu aufgerollt wird. Das Pacha, der Klub der Klubs auf der Insel, in dem sich jeden Sommer die bekanntesten DJs der Welt zu atemberaubenden Gagen die Klinke in die Hand drücken, gab gerade in der New York Times bekannt, die Gagenexplosion in der DJ-Branche nicht weiter mit anfeuern zu wollen. 100.000 Dollar pro Auftritt eines Superstar-DJs soll hier auch weiterhin die Schmerzgrenze sein. 

Die fetten Gagen gibt's in den USA

Das Forbes Magazine hat im vergangenen Jahr jedoch eine Liste der Electronic Cash Kings erstellt: Demnach bekommt der holländische Trance-DJ Tiesto, der Anführer dieser Liste, inzwischen bis zu 250.000 Dollar pro Auftritt. Tiesto, der im vorigen Sommer noch regelmäßig im Pacha auflegte, wird Ibiza in diesem Jahr deswegen meiden, weil er woanders einfach besser bezahlt wird. Etwa im Hakkasan in Las Vegas. 

Das Hakkasan ist ein neuer Nightclub, an dem sich zeigen lässt, welche Dimensionen die elektronische Tanzmusik in den USA inzwischen angenommen hat. 100 Millionen Dollar hat der Bau des gigantischen Ladens gekostet, hier soll Klubkultur der Nobelklasse stattfinden. Stars der Szene wie Steve Aoki, Calvin Harris oder eben Tiesto legen regelmäßig tagsüber in der Poolanlage auf oder nachts im Klub, der zugleich Edelrestaurant und Rave-Tempel für Tausende Besucher ist.

Aus europäischer Sicht ist das, was gerade in den USA passiert, noch nicht wirklich zu fassen. Vor Jahrzehnten hat man elektronische Tanzmusikspielarten wie Acid, House und Techno aus Amerika hierher importiert und daraus die Klubkultur entwickelt, wie wir sie heute kennen. Amerikanische DJs aus Chicago oder Detroit, die daheim nebenher als Gabelstabler arbeiten mussten, wurden in Europa zu Stars. Überhaupt wurde hier das Modell Star-DJ überhaupt erst etabliert, auch wenn die Disco-Ära in den frühen achtziger Jahren in New York bereits bekannte Plattendreher hervorgebracht hatte. Trance, Electronica, Minimal-Techno und Dubstep wurden allesamt in Europa zu maßgeblichen Genres, während in den USA Hip-Hop und weiterhin Rock regierten. Und beinahe über Nacht ist alles anders in den USA, es ist so, als sei man aus einem zwanzigjährigen Dornröschenschlaf erwacht und nun aber umso hungriger darauf, eine verspätete raving society zu werden. Amerikanische Superstars wie Rihanna oder Kanye West lassen sich bei ihren Musikproduktionen von dem französischen DJ David Guetta unter die Arme greifen, und das neue Album von Daft Punk eroberte auch in den Billboard Charts die Spitzenposition.  

Der dritte Sommer der Liebe

Bekloppte Looks, Drogen, all das, was man in Europa bereits seit den frühen Massenraves Anfang der neunziger Jahre kennt, hält nun Einzug auf Großtanzveranstaltungen wie dem Electric Daisy Carnival oder dem Ultra Music Festival in Miami. Nach dem Second Summer of Love, wie man die Periode in England Ende der achtziger Jahre nannte, als Acid House eine ganze Generation unter Drogeneinfluss zu einer neuen Musik tanzen ließ, steht in Amerika nun der dritte Sommer der Liebe an. Nur geht es jetzt vor allem um die Liebe zum Geld.

Warum das alles gerade jetzt in den USA passiert, darüber wird viel gerätselt. Vielleicht, weil eine hedonistische Partykultur ablenkt von den Problemen in einem Land, das sich in wirtschaftlicher und sozialer Dauerkrise befindet. Vielleicht, weil es nach dem jüngsten Hype um schlurfige Bands wie Mumford & Sons mal wieder Zeit wird für eine Musik, die einfach rockt, auch wenn sie rein elektronisch ist.

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Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Der Hype

Jaja, und die wilden Scheunen-Goaparties, bei denen alle 3 Tage lang durchtanzen. Die Stories kennt mittlerweile jeder, und das ist der Punkt: die Medien lieben Techno, das Berghain taucht in jedem zweiten Feuilletionartikel und wahrscheinlich in jedem Berlin-Reiseführer auf. Jeder Tourist will da unbedingt rein, weil es ja so unglaublich underground ist. Dieser Hype wird halt irgendwie aus Imagegründen aufrechterhalten, und damit die Sache noch einen Zacken cooler wird, nennt man Techno dann auch noch gleich "subversiv", obwohl er nie eine andere Message als reines hedonistisches Abfeiern hatte. Was auch von der Industrie von vornherein erkannt wurde, aktuell scheinbar nun auch in den USA erkannt wird. Und daß es da irgendwo eine "Szene" gibt, die sich für etwas besseres hält, gibt es in jeder Musikrichtung.

Wowereit

Nun als damlas Berliner, LP besucher und meist SPD Wähler kann ich mich noch recht gut an die Aussagen von Wowereit (und seinem Gesichtsausdruck) zum Weggang der LP erinnern.
Berlin braucht die LP nicht und die Besucher würden kaum Geld bringen und den Tiergarten voll pinkeln. Hat er nicht ganz Unrecht.
Und das Techno-Hörer oft unpolitsch sind und eher eine kleine Gruppe, auf die es bei Wahlen nicht ankommt. Auch da hat er Recht.
Gemerkt habe ich es mit dennoch.

Nuja, ganz so stimmt das nicht

Wowereit setzte sich zu Beginn seiner Amtszeit für den Beibehalt der Loveparade in Berlin ein http://www.faz.net/aktuel... während die Berliner Technoszene sich schon Mitte der 90er weitgehend zurück gezogen hatte. Großartig fand ich sie vor allem auf dem Kudamm und vielleicht noch die ersten zweidrei Jahre auf der Straße des 17. Juni - danach ging die Tendenz schon arg in Richtung Kirmestechno, ebenso die Mehrzahl ihrer Besucher. Dazu muß man sich nicht mal den höchst zweifelhaften Initiativen selbsternannter 'Tiergartenschützer' anschließen.

Das traurige Überbleibsel ist nicht nur im durch Geldmacherei und organisatorischem wie behördlichem Vollversagen verursachten Duisburger Drama zu besichtigen, sondern auch in überbezahlten Phänomenen wie im Artikel beschrieben. Auf Deutschland bezogen: auch in den Haltungen der Marushas der Republik http://saschalobo.com/201... auaweia.

Die Generalisierung der Medien

Dass das Berghain unter Ausnahme läuft, habe ich erwähnt, zumal es in jedem Genre einen Überflieger gibt, der auch über den Tellerand hinaus die Menschen begeistert. Ob das nun Musik ist oder Extremsport, Malerei oder Architektur. Vom Butan, dem (ehem.) u60, dem Palazzo & Co haben aber die Wenigsten überhaupt etwas gehört, dabei sind viele dieser Clubs bereits seit den 90er Jahren legendär.

Wer davon auszugeht, dass richtiger Techno sozialverträglicher Mainstream wäre, nur weil er immer wieder in den Medien diesen Begriff liest, hat einfach weit gefehlt. Elektronische Musik wird kommerziell, weil es der neue Trend ist. Mittlerweile begreifen das selbst die Amis, die haben vor wenigen Jahren noch HipHop und Crunk gefeiert, bevor der Trance und Kommerzhouse kam.

Wer elektronische Musik aber als Elektro bezeichnet, oder jedes "stupide Geballer" als Techno, sollte bei diesem Thema besser nicht zu laut sein. 80% dieser sogenannten "Raver" marschieren aus einem normalen Technoclub rückwärts wieder raus, weil sie diese "langweilige Monotonie" nicht ausstehen können. Diese Reaktion allein beweist schon, wie weit entfernt man von Techno ist. Ohne melodische Synthesizer und kreischende Kiddies geht bei den meisten nämlich garnichts.

wie man hier wieder versucht alles zu überhöhen

als ob man in Dtld nicht zum Feiern in die Clubs geht sondern im Atelier zum Häppchen den DJ bewundert...

und irgendwann mal auf der guten alten Loveparade damals in Berlin gewesen ?
wenn das kein Spektakel für die Massen war, dann weiß ich auch nicht...
vllt gibt es ne Chance das soetwas in den USA überlebt - in Dtld wurde es ja leider gegen die Wand gefahren.

im Übrigen würde ich mich da gar nicht so sehr aus dem Fenster lehnen - in Dtld gibt es auch Städte, die noch nie etwas gesehen haben, was man in Großstädten als Club bezeichnet ;)

p.s. unter Electric Daisy Carnival verstehe ich nichts anderes als ein Festival & neben den ganzen Rockfestivals gibt es auch schon seit fast 20 Jahren die großen electrofestival ala nature one, sonnemondsterne, melt, fusion und und und andere sowie viele kleine bis vllt 4000 Besuchern, die man so nur kennt, wenn man in der Nähe wohnt. man muss nicht gleich das Rad neu erfinden.... in dem Sinne viel Spass auf den Sommerfestivals :)