Hatsune MikuDer unechteste Popstar der Welt

Die Japanerin Hatsune Miku singt Heavy Metal, Hip-Hop und Balladen. Zehntausende kommen zu ihren Konzerten. Dabei ist sie bloß ein Avatar. von 

Der japanische Popstar Hatsune Miku

Der japanische Popstar Hatsune Miku  |  © Illustration: KEI/Crypton Future Media, Inc.

Sie ist vielseitig, höchst produktiv und geht musikalisch auf jeden Fan ein. Mit ihren langen, grünen Haaren ist sie noch dazu ein Sexsymbol. Längst zählt sie zu den größten Stars ihres Landes, aber ein Interview, geschweige denn einen Skandal um sie hat es nie gegeben. Das ist die paradoxe Welt der Hatsune Miku.

Diese Person existiert nicht, jedenfalls nicht aus Fleisch und Blut. Aber als Avatar steht sie im Zentrum des J-Pop, der japanischen Popularmusik. "Wie sollte das auch anders sein?", fragt Yuki Yamaguchi. Hinter seinem Laptop in einem Café in Tokio hebt er den Kopf und zählt auf, was es zu einem Popstar braucht: "Viele beliebte Songs, ein gutes Auftreten und ein bestimmtes Appeal, oder?" Demnach ist Hatsune Miku eine der größten Ikonen überhaupt. Mehr als 100.000 Lieder hat sie schon gesungen, mit ihrer Erscheinung werben weltweit bekannte Unternehmen wie Google und Toyota. In sozialen Netzwerken hat sie mehr als eine Million Fans. Große Konzerthallen füllt sie problemlos, seit Kurzem sogar im Ausland. Nur ohne physische Anwesenheit.

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Der 21-jährige Yuki Yamaguchi gehört zur großen Miku-Fangemeinde. Auf Videoplattformen wie Nico Nico Douga oder YouTube verwaltet er sein eigenes Konto mit langen Playlists. Aus dem Stand könnte er 100 Lieder aufzählen, sagt er. "Mir gefällt das hohe Tempo ihres Gesangs. Und sie ist gut für Überraschungen. Nicht wie menschliche Künstler, die ihrem einen Stil treu bleiben." Und dann, gesteht Yamaguchi ein bisschen beschämt, sei die laut ihren Entwicklern 16-jährige Hatsune Miku eben auch kawaii, süß. Zumindest in Japan und China teilen viele diese Einschätzung. Aus diesen Ländern kommen die meisten Klicks und Likes auf YouTube und Facebook. Die beliebtesten Lieder wurden bis jetzt jeweils mehr als zehn Millionen mal angehört.


Die Idee zum Pop-Avatar kommt aus dem Musikunternehmen Crypton Media Future und basiert auf einer Technologie der Yamaha Corporation, die neben Motorrädern, Musikinstrumenten und HiFi-Produkten auch Software entwickelt. Der amerikanische Science-Fiction-Autor William Gibson deutete das Prinzip 1997 in seinem Roman Idoru an. Ein Jahr darauf entwarf Yamaha das erste Programm, mit dem Stimmen synthetisiert werden konnten. Sechs Jahre später brachte Crypton Media Future mit dieser Technik seine erste Popfigur heraus. 2007, mit dem weiterentwickelten Software-Synthesizer Vocaloid, folgte Hatsune Miku. Übersetzt bedeutet der Name in etwa "der erste Klang aus der Zukunft".

"Miku kam auf den Markt, als YouTube gerade beliebt wurde. Das war gutes Timing", sagt Kanae Muraki, Marketingchef von Crypton Media Future. Dass das schlanke, grünhaarige Mädchen zu einem Erfolg werden würde, sei ihm schnell klar gewesen. Ihre Stimme orientiert sich an der in Japan beliebten Sprecherin Fujita Saki, die aus diversen Animeproduktionen bekannt ist. "Hatsune Mikus Vorgängermodell, Meiko, hatte sich kommerziell auch schon gelohnt, aber mit der besseren Software kann die tolle Stimmgrundlage viel besser benutzt werden", sagt Muraki.

Die Fans schreiben die Songs

Längst belagern zahllose Hobbyentwickler und Möchtegernmusiker die Figur, die Murakis Unternehmen für sogenannte creators freigegeben haben. Diese Gemeinde hat in den vergangenen sechs Jahren durch frei verfügbare Software Unmengen an Liedern für Hatsune Miku produziert. Texte, Melodie und manchmal auch den Videoclip denken sich die Anhänger selbst aus. Alles durch eine Art Baukastensystem, dessen Grundlage nur Mikus Stimme und ihre visuelle Erscheinung ist. Alles Weitere hängt von den Einfällen der Fans ab, entsprechend schwankt auch die Qualität der Musik.

Die kreative Freiheit ist nur insofern begrenzt, dass neue Songs durch Crypton Media Future erst freigegeben werden müssen. Raum für Tabubrüche bleibt dennoch. "Neulich habe ich ein Lied über Selbstmord gehört", sagt Yuki Yamaguchi mit großen Augen. "Ein menschlicher Sänger könnte so etwas nie bringen." Die großen Plattenfirmen würden sich für heikle Themen nicht verantwortlich zeigen wollen. Aber durch die Anonymität, die Miku mitbringt, sind auch Ausdrücke wie "Fuck you" denkbar, die in der sonstigen J-Popszene kaum vorkommen.

Da weder Miku noch ihr Management das Geringste mit der Entwicklung der Musik zu tun haben, stellt sich aber bei aller möglichen Gesellschaftskritik der Texte die Frage nach dem Künstler- und Werkbegriff. Auch im gegenüber Robotern und technischen Erweiterungen des Menschen aufgeschlossenen Japan ist dies ein Thema. "Manchmal erhalten wir Beschwerden, dass wir einen Fake-Künstler entwickelt haben", sagt Kanae Muraki. "Aber das sind Leute, die sich mit Miku nicht auskennen." Er habe nie behauptet, Hatsune Miku sei eine Künstlerin. "Wir nennen sie 'virtuelle Sängerin'. Die Kunst kommt von all den Menschen, die ihr den Input geben."

Leserkommentare
    • bnt
    • 17. Juni 2013 16:43 Uhr
    1. Idorus

    Das wäre dann ja fast ein waschechtes "Idoru" a la William Gibson, nur ohne KI - aber wie sich zeigt, brauchts die ja nicht mal um von den Fans angenommen zu werden. Naja, letztlich nur konsequent so was.

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    • Rend
    • 17. Juni 2013 16:55 Uhr

    Also ich hab gerade mit vielem gerechnet, als ich die Artikel auf der Zeit Startseite durchgescrollt bin, aber bestimmt nicht, dass mich plötzlich die Miku hier auf Zeit Online angrinst.

    Aber komisch, dass gerade jetzt darüber geschrieben wird. Miku ist doch mittlerweile ein alter Hut. Und geht mir so langsam auch teils auf den Geist (besuchen sie mal eine Convention und zählen die Masse an Miku Kostümen, nach knapp einer Stunde hat sich die Haarfarbe in ihre Netzhaut gebrannt). Miku ist im übrigen nicht das einzige Vocaloid Produkt. Gibt mittlerweile unzählige Stimmen bzw. Charaktere. Naja gut, sie ist halt die mit Abstand beliebteste.

    Hätte es gut gefunden, wenn ein bisschen mehr auf die eigentliche Vocaloid Technologie von Yamaha eingegangen wird. Aber gut, das wäre dann eher etwas für den Bereich Wissen.

    2 Leserempfehlungen
    • gojko
    • 17. Juni 2013 17:12 Uhr

    Sehr interessantes Konzept, wußte gar nicht daß auch Gesang synthetisierbar ist, und vor allem so gut!

    Und: sie bekommt mit der Zeit keine Falten und selbst die Oberweite ist frei definierbar. Daß es sie nicht in Fleisch und Blut gibt ist kein m.M. Problem, denn mit "echten" Künstlern kommt man ja auch so gut wie nie in persönlichen Kontakt.
    Bin mal gespannt, wie die Musikindustrie dann CD-Preise von 20EUR rechtfertigen will.

    Kurz und gut, ich finde es großartig.

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    • Rend
    • 17. Juni 2013 17:43 Uhr

    hahaha, das ist ja mal lustig. Ich finde es sowieso wunderlich, dass es dutzende Vocaloid Stimmen auf Japanisch gibt, einer der schwersten Sprachen überhaupt, aber keinen einzigen für Englisch konzipierten Vocaloid. Ich meine klar, Yamaha ist japanisch, aber dass man da nie ein Export Produkt entwickelt hat, irgendwie schade.

  2. ist mein musikalischer Geschmack weitestgehend irgendwann in den 70ern stehen geblieben. Und wenn ich das so sehe und höre mit Recht....

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    Genau! Die guten alten Zeiten von Boney M. ....

    Nun hat man halt die Darsteller und die Sänger durch synthetische Protagonisten ersetzt. So viel Unterschied macht das auch nicht. Es geht letztlich nur um die Show, die abgeliefert wird.

    • Visier
    • 17. Juni 2013 17:39 Uhr

    Ich habe jetzt auch zu ersten mal von so etwas gehört. Und obwohl ich es doch in erster Linie amüsant finde ist mir die Idee gar nicht so unsymphatisch! ..zumindest wenn man es dem typischen europäisch/amerikanischen POP-Mainstream der letzten Jahre gegenüberstellt.
    Anfang der 90er Jahre war die Musikwelt auch geschockt als die ersten Rave-Dj´s auf den Löchern krochen, Als Kraftwerk ende der 70er als Roboter auf die Bühne traten.. Ich denke das hier ist nur ein weiterer Schritt der musikalischen Evolution.
    Das es natürlich niemals das Potential eines Kate Melua Konzerts, die Energie eines AC~DC Autrittes oder die Tradition eines Buena Vista Social Clubes erreichen wird ist absehbar ...das schafft eine Yvonne Catterfeld aber auch nicht!

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    • Rend
    • 17. Juni 2013 17:43 Uhr

    hahaha, das ist ja mal lustig. Ich finde es sowieso wunderlich, dass es dutzende Vocaloid Stimmen auf Japanisch gibt, einer der schwersten Sprachen überhaupt, aber keinen einzigen für Englisch konzipierten Vocaloid. Ich meine klar, Yamaha ist japanisch, aber dass man da nie ein Export Produkt entwickelt hat, irgendwie schade.

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    Japanisch ist nicht so schwierig wie allgemein angenommen. :)

    Die Phonetik ist sehr einfach, auf einen Konsonanten folgt immer ein Vokal (außer bei "n" am Ende eines Wortes). Das macht die Aussprache sehr einfach. Es gibt auch keine Melodie-Akrobatik wie im Chinesischen, wo die Tonhöhe die Bedeutung eines Wortes mit bestimmt.

    Außerdem lernt jeder Japaner in der Schule (bzw. im Kindergarten) zunächst die phonetischen Schriften Hiragana und Katakana. D.h. jeder Japaner kann alles was er sagen will jederzeit in phonetischer Schrift aufschreiben. Sowas kann ein Computer relativ gut umsetzen.

    Beim Englischen wäre das schon schwieriger. In dem Satz "Eat enough fish" klingen das "gh" und "f" gleich, werden aber völlig anders geschrieben. Natürlich gibt's auch Lautschrift fürs Englische (haben wir ja alle in Schule fleißig gelernt), aber wer erinnert sich nach Jahren der Nichtnutzung noch daran?

    Kurzum, ein japanischer Satz in Hiragana (oder auch in lateinischer Umschrift - Romaji) kann ein Computer eins zu eins in Laute umsetzen. Weitere Intelligenz ist nicht nötig. In anderen Sprachen ist's komplizierter...

    • Cinzya
    • 23. Juni 2013 20:38 Uhr

    Natürlich existieren schon Vocaloids aufgebaut auf der englischen Sprache.
    Bevor Miku Hatsune überhaupt erschien, existierten nur englische Vocaloids.
    Auch Miku selbst wird demnächst auf Englisch erscheinen.

    https://www.youtube.com/w...
    https://www.youtube.com/w...

  3. Genau! Die guten alten Zeiten von Boney M. ....

    Nun hat man halt die Darsteller und die Sänger durch synthetische Protagonisten ersetzt. So viel Unterschied macht das auch nicht. Es geht letztlich nur um die Show, die abgeliefert wird.

    2 Leserempfehlungen
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  • Schlagworte Popstar | Gorillaz | Japan | Software | Tokio | William Gibson
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