Musikerin Mary OcherDie Freiheit der Andershörenden

Kein Gott, keine Nation, keine Angst: Die Berliner Songwriterin Mary Ocher veröffentlicht ihr mutiges zweites Album. Nadine Lange hat sie getroffen. von Nadine Lange

Ein Selbstporträt der Künstlerin

Ein Selbstporträt der Künstlerin  |  © Mary Ocher/Wikimedia Commons

Auf kleinen Füßen wandert der Buchstabe A über das rechte Handgelenk von Mary Ocher. Sie hat das Tattoo selbst entworfen und es sich vor einigen Jahren in Berlin stechen lassen. Wird sie nach der Bedeutung gefragt, gibt sie gerne mal Quatsch-Antworten und behauptet, das A stehe für Anything oder Arsehole. Heute ist sie gnädig und verrät, dass es für Anarchie und Anarchismus steht.

"Mit 16 oder 17 Jahren habe ich gemerkt, dass das die Ideologie ist, mit der ich mich am meisten identifiziere", erklärt Ocher, die sich mit ihren wasserstoffblonden Haaren, der riesigen Brille und ihrer Achtzigerjahre-Lederjacke deutlich vom handelsüblichen Anarcho-Punk abhebt. Nicht minder ernst ist es ihr allerdings mit der Anarchie. Sitzt man der 26-Jährigen eine Stunde lang gegenüber, in der sie keinen einzigen Schluck trinkt und stets aufrecht auf der Stuhlkante hockt, versteht man, dass ihre Interpretation des Begriffs sich weniger um Zügellosigkeit oder die Abschaffung staatlicher Institutionen dreht, als vielmehr um individuelle, gelebte Freiheit. Die Freiheit von Konventionen und die Freiheit zur Selbstbestimmung, was immer auch die Freiheit der anderen mit einschließt. "Ich möchte hierarchische Strukturen nicht als gegeben nehmen. Wenn ich mit anderen zusammenarbeite, versuche ich nicht zu viel Kontrolle zu übernehmen, sondern ihnen die Freiheit zu geben sich auszudrücken".

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Eine sehr harmonische Zusammenarbeit hat sie gerade hinter sich: Ihr zweites, Ende nächster Woche erscheinendes Solo-Album Eden hat sie mit dem kanadischen Produzenten King Khan in dessen Berliner Heimstudio aufgenommen. Es ging quasi wie von selbst, erzählt Mary Ocher. Schicht für Schicht arbeiteten sich die beiden vor, grübelten über die beste Instrumentierung, luden Gastmusiker ein. Das Ergebnis ist eine schillernde Lo-Fi-Singer-Songwriter-Platte, deren Spektrum von fragilen Pianoballaden über rumpelige Rocksongs bis hin zu einem epischen Synthesizer-Experiment reicht. Genauso unberechenbar wie das Soundkonzept ist auch Ochers Gesang, der aus grollenden Tiefen plötzlich in kreischige Höhen schießen kann, um im nächsten Song wieder sanft wispernd daherzukommen.


"Als Kind habe ich billige MTV-Musik gehört. Ich mochte R'n'B-Sängerinnen wie Whitney Houston und Mariah Carey – die Ladys mit den großen Lungen. Heute finde ich Yoko Ono und Meredith Monk interessanter", sagt Ocher. Sie betont, dass sie nie gleich klingen wolle und immer den bestmöglichen Ausdruck für den jeweiligen Text suche. Worum es darin geht, ist oftmals nicht sofort ersichtlich, denn sie tendiert zu assoziativ-poetischen Lyrics. "The android sea/Knows not to beg for anything/ Like humans do/ Don't punish me for what I want", heißt es etwa in Android Sea. Vielleicht geht es darin um die Verlorenheit des Menschen, vielleicht aber auch nur um Albträume.

Leserkommentare
  1. "(...) die sich mit ihren wasserstoffblonden Haaren, der riesigen Brille und ihrer Achtzigerjahre-Lederjacke deutlich vom handelsüblichen Anarcho-Punk abhebt."

    ... aber dadurch bestens in der homogenen Hipster-Masse optisch wie musikalisch verschwindet.

    3 Leserempfehlungen
  2. als auch intelligent.

  3. ...dass sie eine durchaus interessante Geschichte hat. Jedenfalls ganz anders als der sonstge Mainstream-Müll, der uns den ganzen Tag beschallt und nur kommerziell ausgerichtet ist. Dabei ist es vollkommen egal, ob es sich dabei um Pop, Punk, HipHop oder was auch immer handelt...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... denn die Dame verfolgt keine kommerziellen Interessen? Sie macht das wohl nur zum Spaß oder fürs Gemeinwohl?!

    Wer es nötig hat, sich auf solch eine Art "von der Masse" abzuheben, nur um damit im Grunde genommen in der "Hipstermasse" wieder aufzugehen, der hat wohl künstlerisch-musikalisch nicht genug zu bieten, um allein durch "gute" Musik zu glänzen. Dann braucht es eben den Versuch aufzufallen über "wasserstoffblonde Haare, Riesenbrille, Makeup usw.".

    Inszenierung anstatt Substanz sozusagen

    Einfach mal ein paar Videos auf Youtube anhören , erst von ihrer ersten LP War Songs und danach mal eine der Live Aufnahmen .

    Ich mag "Künstlerinnen oder Künstler " nicht , die im Studio jede Menge Hall und andere technische Nettigkeiten hinzufügen und live wird dann aus einer Stimme ein Stimmchen .

    Was ihren Stil angeht , da finden sich durchaus Anklänge berühmter Vorbilder , wie einer jungen Kate Bush , Annie Lennox oder auch in Richtung punkiger Siouxsie and the banshees(Frühwerke).
    Aktueller und auch kommerzieller(welch böses Wort) könnte man auch Tori Amos dazu nennen , mit dem Unterschied das diese Künstlerin auch live mit ihrer Stimme gekonnt jonglieren kann , hingegen da bei Frau Ocher ne Menge auf der Strecke bleibt .

    Nebenbei angemerkt , von Kunst ohne Kommerz kann kein Künstler leben , es sei denn er möchte verhungern .

  4. ... denn die Dame verfolgt keine kommerziellen Interessen? Sie macht das wohl nur zum Spaß oder fürs Gemeinwohl?!

    Wer es nötig hat, sich auf solch eine Art "von der Masse" abzuheben, nur um damit im Grunde genommen in der "Hipstermasse" wieder aufzugehen, der hat wohl künstlerisch-musikalisch nicht genug zu bieten, um allein durch "gute" Musik zu glänzen. Dann braucht es eben den Versuch aufzufallen über "wasserstoffblonde Haare, Riesenbrille, Makeup usw.".

    Inszenierung anstatt Substanz sozusagen

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    Antwort auf "Mit dem Unterschied..."
    • mieeg
    • 04. Juni 2013 18:36 Uhr

    ...auch diese junge Dame hat es noch nicht so ganz verstanden: Gott ist immer um uns, in uns und über uns. Da hilft weder lautes Geschrei noch helfen bunt gefärbtes Haar oder bunte Fensterglasbrillen. Auch Kreuz schwingede Hände über dem Kopf können Gott nicht schrecken. Auch ein durch die Stadt fahrender Bus mit der Behauptung es würde ihn nicht geben hilft dagegen. Gott hat lediglich in verschiedenen Gegenden der Welt bei verschiedenen Religionsgemeinschaften verschiedene Bezeichnungen - und N I E M A N D ist ohne die Liebe Gottes. Auch nicht in Berlin...

    • 29C3
    • 04. Juni 2013 18:59 Uhr

    ... wanted to try to make a film without a script...
    ... allways found experience from other people interesting...
    ... wanted to be an actor...

    Ich finde die Videos eine glatte Null, Zero, ein gähnendes Nichts.
    Die Musik aber hat hier und da etwas zu bieten.

    Aber dieses Ich... Ich... Ich...

  5. ... ein Minikozert von ihr in einem Plattenladen zu sehen, und habe mir sogleich die neue CD gekauft. Das eine wie das andere ein Hochgenuß! Eine der intensivsten Platten seit langem.
    Zu schade, daß heutzutage so viele talentierte Künstler, die sich etwas "schräg" geben, sogleich als Hipster diffamiert werden - es ist so einfach wie billig, und scheint den Leuten das selbstzufriedene Gefühl zu geben, hipper als die Hipster zu sein.

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