Punkband NRFBDilettier it yourself!

Der Punkveteran Jens Rachut wirft mal wieder eine "Nuclear Raped Fucked Bomb" auf den Mainstream. Wie funktioniert der professionelle Dilettantismus heute? von 

Jens Rachut (zweiter von links) und seine Soldaten des Dilettantismus

Jens Rachut (zweiter von links) und seine Soldaten des Dilettantismus  |  © Kerstin Behrendt

Wer will schon sagen, was vernünftig ist. Nie Fünfe grade sein zu lassen, aber den lieben Gott 'n guten Mann? Beim anständig sein anständig zu verknöchern? Anders gefragt: Ist es klug, immer alles richtig machen zu wollen und so die ewig gleichen Fehler zu begehen – anhaltende Erfolglosigkeit, Ignoranz zu ernten, ignoriert zu werden? In der Musik ist das weder klug noch vernünftig. Sonst wären ja a) alle Kreativen Millionäre und b) alle Einfallslosen verarmt.

Weil es jedoch umgekehrt läuft, weil Kreativität meist spurlos im Ozean der Einfalt verrinnt, gibt es Kreative wie Jens Rachut mit Bands wie NRFB. Er scheint das Alternative-Kürzel DIY als Dilettier it yourself auszuschreiben: konfuse Klänge von Kennern. Geschwister im Geiste hat er einige. Sie heißen Hans Unstern, HGich.t oder Andreas Dorau und könnten allemal besser, wenn sie nur wollten. Sie heißen Die Heiterkeit, Grether-Schwestern oder Mary Ocher und können das, was sie tun, eher nicht besser, haben aber Spaß: an atmosphärischer Verstörung oder sinfonischem Müll, gruseliger Harmonie, genialer Disharmonie oder alles in einem wie Rachuts Antiakronym für Nuclear Raped Fuck Bomb, in dem der Diskurspunkveteran Wohlgesinnte wie Mense Reents (Huah!) und Thomas Wenzel (Goldene Zitronen) zu einer Superband des Wahnsinns sammelt.

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Nach ihrer EP, deren akustischer Eindruck 2011 dem Geräusch von Fingernägeln auf einer Schultafel irritierend nah kam, veröffentlicht das Sextett aus Hamburg nun sein Debütalbum. Und wer Trüffelbürste hört, wird seinen Begriff von Lied überdenken. Im ersten – Beelzebub – peitscht statt Gesang eine zweigeschlechtliche Proklamation ins militärische Schlagzeug. Verglichen mit dem Stück Hälfte des Gehirns klingen die baugleichen DAF wie heitere Kammermusik. Und wenn Rachut sein Dackelbluterprobtes Vulgärjapanisch in die Quatschpercussion von Fotoapparat wirft, gipfelt die Dada-Prosa im Aberwitz: "Die Gänse ziehen über Japan / und suchen einen Ort für die Rast / Japan ist voll doch in Osaka / gibt es 'ne Wiese mit Platz / sie bleiben auch nur ein paar Tage / es ist eng und auch sehr voll." Besser ließe sich derlei Rocknihilismus kaum auf den Punk bringen.


Denn ständig schwankt er zwischen Reduktion und Übermaß. Wenig davon bleibt länger als eine Schocksekunde im Kopf; nichts will greifbar, schön, von Wert gar sein. Diese Art DIY pflegt die unbedingte Hässlichkeit, sie will abstoßen und nicht mal damit anziehen. Hier geht es um Massengeschmacksverkehrung als Daseinsgrund, der unablässig in viel zu hohen, tiefen, schiefen Stimmen kulminiert, die den leisesten Anflug instrumenteller Virtuosität nur so lange zulassen, bis Rachut Parolen wie Kill Mainstream darüber bellt.

Da fragt sich: Ist der Mord am Mahlstrom ernst gemeint oder auch bloß ein Stück Spaßkultur? Kommt-sowohl-als-auch-drauf-an.

Von Heidi Kabel bis Eurodance

Pop hat schließlich eine Tradition versierter, besser: professioneller Dilettanten. Er beginnt bei singenden Wirtschaftswundermimen wie Willy Millowitsch und Heidi Kabel, deren ostentative Unmusikalität als Beleg ihrer Bodenhaftung vermarktet wurde. Findet seine Fortsetzung im Schlaghosenschlager, der den ersten BRD-Krisen ein quietschbuntes Anita-Samba-Hossassa unterjodelte. Potenziert sich im debilen Reimzwang der Neuen Deutschen Welle, die beim Hitparade-Playback sogar den Blick in die Kamera verpatzt. Steigert all dies im Dictionary-Duktus des Eurodance, dessen PC-Sound hornyhornyhorny neue Kosten-Nutzen-Dimensionen erreicht. Nun also landet er auf den Ruinen der Hamburger Schule, wieder zuhaus im Punk, wo das Nichtwollen eine kurze Affäre mit dem Nichtkönnen hatte.

Der Punk war seinerzeit zwar ein Versuch, das Flachwasser der Discowelle unterm radikalen Bruch aller Hörgewohnheiten trocken zu legen. Dass Regelverachtung nicht vor Rendite schützt, hat allerdings selbst die geschäftstüchtigsten Punkerfinder überrascht und dürfte die Simplifizierung des Pop sogar forciert haben. Fortan wurde billig immer lukrativer, was in der Technoära den alten Menschheitstraum erfüllte, aus Scheiße Gold zu machen – womit wir beim zentralen Unterschied zu Rachut nebst Mitstreitern wären.

Denn während Malcom McLarens Sex Pistols mit ihren Fuckfingern doch bloß Viervierteltakte droschen und Ballermannhits zwar dämlich, aber eingängig sind, entkoppeln sich NRFB komplett von der Harmonielehre – und haben vielleicht Spaß, aber kaum Erfolg. Das macht den neuen DIY wahrhaft renitent. Wenn das Gratismagazin Intro den dissonanten Electrotrash des Kunsthochschulprojekts HGich.t als "eines der beschissensten Alben des Jahrzehnts" kritisiert, führt das nämlich anders als bei einst Hubert Kah nicht zur Absatzsteigerung. Rachuts irrwitziges Kommando Sonne-nmilch, Hans Unsterns kratzende Hauptstadtlyrik, der infantile Proberaumpop von Die Heiterkeit, Neokarneval der Marke Jeans Team oder das nicht nur textlich debile Kasperpoptheater von Guaia Guaia, oft produziert von trotzigen Labels wie Staatsakt und Buback – all das mag Nischen beschallen; kommerziell ist es unverwertbar und gerade darum in Zeiten vermeintlicher Perfektion ein mutiges Bekenntnis zum Dilettantismus.

Pure Vernunft darf niemals siegen, singen die gereiften Ich-Botschafter Tocotronic und wissen genau, dass sie es auch nie wird. Sonst stünde Lady Gaga dort, wo ihr Name hinführt: weit abseits der Aufmerksamkeit. Und NRFB auf der Stadionbühne.

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Leserkommentare
  1. Wie kommt der Mahlstrom in den Text?

  2. Einfach nur herrlich!

  3. täuschen über die akustische schwäche leider nicht hinweg ... mit dem hörbeispiel gewinnt die combo m.e. keinen blumentopf.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Heidi Kabel | Punk | Tocotronic | Willy Millowitsch | Japan | Hamburg
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