Als Meik Schwalm zu singen anhebt, in der hohen Stimmlage eines Tenors und vom Klavier begleitet, säumen 13 schwarz gekleidete Männer die Bühne. In T-Shirts und kurzen Hosen stehen sie da, mit durchgedrücktem Kreuz und verschränkten Armen. Masken verdecken zur Hälfte ihre Gesichter.

Schwalm ist Ende 30, ein Schlaks mit dunklen Locken und starkrandiger Brille. Er singt Franz Schuberts Krähe, ein düsteres Lied, in dem der Vogel als Todessymbol über dem lyrischen Ich kreist. "Krähe, lass mich endlich seh'n / Treue bis zum Grabe!", ruft der einsame Wanderer hinauf, den Stab in der Hand, auf dem Weg aus der Stadt.

Die Männer neben Schwalm können ihre Stadt nicht verlassen. Nicht einmal den Raum, in dem sie stehen, um in die Berliner Junisonne hinauszutreten. Ihr Schlafplatz ist eine Gefängniszelle, sie sind Insassen der Jugendstrafanstalt Plötzensee.

Als Schwalm verstummt, setzen Beats ein und die 13 Männer treten in die Mitte der Bühne. Mukkie beginnt zu rappen, er fragt: "Kennst du das? Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach." Er erzählt vom Wunsch, treu zu bleiben. Sich selbst, der Freundin, den Gesetzen. Und von all den Versuchungen, die immer wieder dazwischenkommen. Drogen, Frauen, Gewalt. 

Schwalm steht in zweiter Reihe, er nickt im Rhythmus der Beats und tritt zum Refrain wieder nach vorn. Seine helle Kopfstimme erklingt, diesmal unterlegt mit Hip-Hop und Versatzstücken aus Schuberts Klaviervorlage.

"Fusionen" nennt Jörn Hedtke die Mischung aus klassischer Musik und Rap. Hedtke, ein drahtiger Kerl, ist der Mann hinter dem Projekt winterREISE. Seit dem vergangenen Jahr arbeiten die Jugendlichen der JSA mit Schuberts Liederzyklus von 1827. Abwechselnd verarbeiten sie ihn in Filmen, Theaterstücken und Songs. Alle drei Monate steht ein anderes der 24 Lieder im Mittelpunkt und wird "geremixt". Jede Arbeitsphase, "Modul" genannt, besteht aus 20 Stunden pro Woche. 

Von Crossover zu Crossculture

Hedtke selbst kommt vom Hip-Hop. In den nuller Jahren hat er unter dem Pseudonym Kronstädta drei EPs aufgenommen, er hat Reggae und Crossover gemacht, mit Nina Hagen und H-Blockx zusammengearbeitet. Im Auftrag des Goethe-Instituts reiste er bis nach Neuseeland, um Workshops für Deutsch-Schüler zu veranstalten. Immer häufiger zog es ihn auch ins Gefängnis. Im Jahr 2005 startete er ein Hip-Hop-Projekt in Plötzensee, aus dem die Band GittaSpitta entstand. Im Frühjahr ist ihr erstes Album erschienen.

"Es war mir aber irgendwann zu wenig, nur das zu machen, was die Jungs erwarten", sagt Hedtke heute. Die meisten Strafgefangenen hören ohnehin Hip-Hop, viele rappen in der Freizeit. Hedtke geht es darum, den Horizont der Delinquenten zu erweitern. So kam er vom Crossover zu Crossculture, zur Verbindung von Hochkultur und Jugendkultur. Die Leitung der winterREISE teilt sich Hedtke mit dem Projekt aufBruch, das Theaterinszenierungen in die Berliner Gefängnisse bringt. Auch dort stehen Häftlinge auf der Bühne. 

Jörn Hedtke könnte vom Alter her der Vater seiner Schützlinge sein. Er nennt sie Jungs, sie rufen ihn Krone. Einer der Rapper, die Schubert mit ihm in die Gegenwart transportieren, nennt sich Onig. Er ist 17, heißt eigentlich Gino. Auf der Bühne lässt er in Hip-Hop-Manier die freie Hand durch die Luft fliegen und ruft dazu ins Mikrofon: "Ich will alles, ich will immer, immer mehr." Sein lyrisches Ich erliegt im Kaufrausch den Verlockungen der Konsumwelt und der Luxusmarken: "Maserati, BMW, Apple, Armani / Ferrari, Breitling, Bruno Banani." Onigs Gesichtsmaske glänzt schwarz, um den Hals baumelt ein silbernes Kreuz, während er rappt.

Nach dem Auftritt steht er bei seiner Mutter und trinkt Saft aus einem Plastikbecher. Seine Maske hat er abgenommen, sie hat rote Druckspuren und Schweiß hinterlassen. Warum er im Gefängnis sitzt? Darüber wolle er nicht reden. Ein Satz wie einstudiert. Nur so viel: Mit 15 sei er zu drei Jahren und sieben Monaten verurteilt worden, mehr als die Hälfte der Zeit ist inzwischen um.

Schon am vorigen Hip-Hop-Modul hat Gino teilgenommen. Jetzt habe er aber mehr Technik drauf, versichert er. "Letztes Mal habe ich nur im Takt gerappt, diesmal erst in half time, dann in double time." Mehr Silben pro Satz also. Auch seine Reime seien heute besser, früher habe er nur "nass" auf "krass" und "blass" gereimt. "Das mit den Marken muss man erst mal hinbekommen."