BushidoDer Vollkaskogangster

War da was? Ein renditebewusster Hip-Hopper hat mal wieder was Fieses in den Orkus der Erregungsgesellschaft gerappt. Jan Freitag erregt sich mit, nur ganz kurz, ehrlich. von 

Ach, armer Ritter vom Rüpelrap. Ist das wirklich der Weg des Kriegers? Kaum blinkt dein Bling Bling bloß noch blass blass, kaum braucht die Villa in Berlins Speckgürtel größere Plasma-Screens, kaum wird dieser Mainstream mit all seinen Bambis und Bundestagspraktika und Verbündeten, die Deine Texte sonst in den Arsch ficken, öde und leer, da musst du mal wieder zünftig, um im Rektum deines holprigen Versmaßes zu bleiben, schwule Integrierer dissen, uncoole Politisierer erschissen und blonde Opfer auf Oliver Pocher reimen, also böse sein, krass sein, Staatsfeind Nr. 1 sein und – STOPP!

Reden wir von etwas anderem als dem durchkalkulierten Sprachdurchfall eines Videos, dessen Titel Stress ohne Grund suggeriert, es gehe mal nicht ums Geldverdienen. Denn der unartige Kriegswegkrieger dahinter tut ja doch bloß, was er immer tut, um der Bild so tief in die feuchte Unterhose zu greifen, dass selbst der sexy Bürgermeister einer armen Hauptstadt nach dem Richter ruft. Reden wir anlässlich des gefühlt 961., nun ja, Skandals aus den Marketingabteilungen rappender Herkunftsneuköllner und derer, die es gern wären, lieber von Hip-Hop. Reden wir von Bigotterie und dem Boulevard. Reden wir vom Grenzland zwischen Dissidenz und Debilität. Aber um all der Kriegsgötter Willen – reden wir nicht von: Bushido.

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Denn was ist geschehen? Nichts Neues, außer dem tradierten Ablaufsplan ritualisierter Erregungskurven der Aufmerksamkeitsökonomie. Und die gleichen sich wie eine Königshochzeit der nächsten. Christoph Daum kokst vorm Spiel? Er ruft die Bierzeltschreiber der Bild an. Boris Becker treibt's in der Besenkammer? Er ruft die Schlüpferschnüffler der Bild an. Christian Wulff zu Guttenberg verliert an Zuspruch? Er ruft die Fahrstuhlführer der Bild an.

PR fürs Label und die Biografie

So dürfte es auch beim Unaussprechlichen gewesen sein. Weil seine – fraglos krasse, bald erscheinende Autobiografie – ein bisschen PR braucht und sein – überraschend witzig benanntes – Label ersguterjunge ein wenig davon für dessen Debütanten Shindy. Weil selbstreferenzielle Keiforgane auch im Sommerloch weitergrölen müssen. Weil da zwei zusammenkommen, die zusammengehören wie Klobürste in Abflussrohr, allerdings beide von dem, worum es hier eigentlich geht, Null Ahnung haben: Gangsta-Rap.

Denn der hat seit den Tagen von NWA und Run DMC eine Funktion, die weit übers Schiefhalten polierter Handfeuerwaffen hinausgeht. "CNN der Schwarzen" hat Chuck D von Public Enemy den Hip-Hop mal genannt und damit auch in seiner kriminellen Ausprägung vor allem Kommunikation gemeint: zur Beschreibung systemischer Ungleichheit im Land der Freiheit, als Newsdesk der dazugehörigen Revolte, vor allem aber als Ventil, diesen Kampf mit Worten statt Taten auszufechten und falls das nicht klappt, den Worten Taten wenigstens wirklich folgen zu lassen.

Viele Krieger der ersten Stunde von Notorious B.I.G. über 2Pac Shakur bis hin zu einem der fünf Crossover-Rappern von Bodycount haben diesen Weg mit dem Leben bezahlt, statt ihn bloß im Künstlernamen zu führen. Andere Thugs wie Ice T oder Eminem können ihre Ankunft in der Mehrheitskultur wenigstens mit wahren Ghetto-Biografien grundieren. Und wer sich mal in die Keller deutscher Jugendklubs begibt, wird dort zahllose Jungs meist migrantischen Ursprungs hören, die zwischen Sozialarbeit, Bewährungsstrafe und Knast ihren Traum von der S-Klasse vorm eigenen Puff herausrappen.

Das Dilemma des hiesigen Gangstaraps

Aber Aggro Berlin? Die Schmiede hat den maskierten Bildungsbürger Paul Hartmut Würdig erschaffen, der als Sido musikalisch respektabel seinen Block besang, statt Haftstrafen (geschweige denn Schusswunden) aber doch nur Fernsehauftritte sammelt. Oder B-Tight, anders als das pfälzische Dorfkind Tony D wenigstens von der Westcoast, aber als Promiboxer bei Sat1 gestrandet. Oder Fler, der weit leidenschaftlicher an seiner Heimkindlegende bastelt als an fließenden Reimen. Das Dilemma des hiesigen Gangstaraps war und ist nun mal vier Jahre nach dem Ende des Labels mehr denn je, dass der Wedding ein echt hartes Pflaster sein mag, aber eben nicht Southeast L.A. Dass seine Existenzberechtigung also seit Moses Pelhams hessischer Ghettoattitüde durch Inszenierung statt Erlebnis entstand, dass da manches Messer gewetzt wurde, mancher Konkurrenzkampf promoted, die kriminelle Energie aber eben doch auf exzessives Kiffen und gelegentliche Rempeleien reduziert blieb.

Da kann Anis Mohamed Youssef Ferchichi, geboren in der Beamtenstadt Bonn, noch so mit Gewalt fuchteln und werbewirksam am sinistren Abou-Chaker-Clan klammern (was auch der ZEIT grad eine Geschichte wert war) – Deutschland ist Conscious-Rap-Land ist Spaß-Rap-Land ist Poesie-Rap-Land ist dank Cro, Casper, Käptn Peng ein Rap-Land ohne Hip-Hop-Gestus. Da wirkt jeder Hassreim bloß wie jener Kanal, den ihr letzter Fabrikant angeblich tagein tagaus glotzt: Bushido ist RTL ist Bild ist Bushido – geübt darin, auf den Trümmern der Würde anderer Rendite zu erzielen. Ein Vollkaskogangster, das ist dein Weg, armer reicher Krieger.

Änderung vom 31.7.2013: Nur ein Mitglied der Band Bodycount - nicht wie ursprünglich im Artikel beschrieben drei - starb eines gewaltsamen Todes. Die anderen beiden erlagen einem Krebsleiden.

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Leserkommentare
    • Llisa
    • 17. Juli 2013 9:57 Uhr

    Mehr braucht man nicht mehr zu sagen.

    23 Leserempfehlungen
    • neu3
    • 17. Juli 2013 10:05 Uhr

    einem solchen Schwachsinn gegenüber ist wohl die beste und einzige Antwort.
    Was damit bezweckt wird ist klar: Any promotion is good promrtion!
    Warum wird diese "Aktion" einfach nicht mit Nichtbeachtung bestraft?
    Jedes Medium, welches darüber schreibt (auch Sie, liebe Zeitredakteure; und in dem Fall ich wohl auch) geben dadurch eine Plattform. Also lassen wir es in der Versenkung verschwinden und wenden uns wieder dem Leben zu.

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    Entfernt. Wir würden uns über konstruktive Kommentare, auch Kritik, freuen. Danke, die Redaktion/sam

    2." Ignoranz
    einem solchen Schwachsinn gegenüber ist wohl die beste und einzige Antwort.
    Was damit bezweckt wird ist klar: Any promotion is good promrtion!
    Warum wird diese "Aktion" einfach nicht mit Nichtbeachtung bestraft?"

    überlgen Sie bitte nochmal,würden Sie genauso reagiren wenn zb Sarrazin oder zb pro köln zum morden aufrufen würden,nur um PR zu machen für ihre Sache!

    • shtok
    • 17. Juli 2013 11:49 Uhr

    die sich jedoch mit dem dt. pc GM Mainstream zu diesem Thema deckt. In fast allen dt. Leitmedien wird versucht die Morddrohungen des Herrn Anis Mohamed Youssef Ferchichi aka Bushido zu relativieren. Einige setzen jedoch noch einen drauf und präsentieren Herr Ferchichi nicht mit seinem neuen Aussehen inklusive Rauschebart, da scheint die Angst vor Assoziatonen mit den geliebten Freidensaktivisten aus dem Nahen und Mittleren wohl zu groß zu sein.

    Ignoranz ist hier vollkommen falsch, Herr Ferchichi und sein dt.-griechischer Protege Michael Schindler aka Shindy stossen Morddrohungen gegen dt. Politiker aus und verunglimpfen Politiker wegen ihre sexuellen Ausrichtung.

    Wenn autochone Dt. so etwas von sich geben würde, wäre die Polizei gleich vor Ort und Stelle (http://www.zeit.de/digita...).

    Wenn solche Zeitgenossen wie Frei.Wild als Tiroler anscheinend dt. national angehauchte Musik machen und auch noch beim Echo in der Kategorie Alternativ National nominiert sind, stehen die versammelte Betroffenheitsindustrie und die so politisch korrekten Musiker wie MIA, Kraftklub etc sofort auf der Matte. Hier herrscht das Schweigen im Walde oder Relativierungen wie die Ihre werden gebracht. Achja Herr Ferchichi ist übrigens mehrfacher Echo Gewinner Pharisäertum der feinsten dt. Sorte.

    Oder wie es Boris Johnson letzten Monat gut ausgedrückt hat, 'Great supine protoplasmic invertebrate jellies' .

    Solange Menschen wie Sie und ich den Artikel anklicken wird es Leute geben, die ihn schreiben.
    Aber wir sind ja noch schlimmer, wir halten es für notwendig einen Beitrag zu schreiben um damit indirekt Anis Mohamed Youssef Ferchichi aufzuwerten.

  1. ...alle, aber auch wirklich alle.
    So spielt man das Medienklavier - Gratulation an Bushido.
    In seinem inkriminierten Song nimmt Bushido die erwartete Aufmerksamkeit vorweg: "Ich mach Schlagzeilen, yeah!"
    Und auf N24 sagte er selbst "Aus Sicht eines Geschäftsmannes ist die ganze Geschichte super gelaufen".
    Dabei ist "Don't feed the troll" jetzt wirklich fast jedem ein Begriff...

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  2. 4. [...]

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  3. 5. [...]

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  4. Ich halte anderen, die sich über die Existenz von Artikeln aufregen, gerne entgegen, sie mögen sie doch einfach nicht lesen. Aber nachdem nun seit drei Tagen über diesen kleinkriminellen Sangesbruder berichtet wird, sollte es doch einmal gut sein.

    Wir tun uns und der Welt den größeren Gefallen, wenn wir ihn und seine Lieder ignorieren und ansonsten die Justiz ihren Job machen lassen.

    5 Leserempfehlungen
  5. Nicht darüber berichten funktioniert nicht. Oder glaubt das jemand ernsthaft? Selbst ich trage ja mit diesem Kommentar meinen Teil dazu bei. Das weiß eben auch Bushido.

    Und ich weiß gar nicht, ob man Schwulenhass und Aufruf zum Mord einfach so unkommentiert lassen sollte. Würde man nicht darüber berichten, würde eine andere Fraktion fragen, warum man es unkommentiert lässt. So oder so, Bushido hat seine Aufmerksamkeit. Man nennt es auch die Quadratur des Kreises.

    6 Leserempfehlungen
  6. und Beleidigungen und Drohungen bleiben strafbar; auch wenn sie angeblich nur aus PR-Gründen getätigt wurden.

    Nur mal so zum Vergleich: würde man auch bei einer rechtsextremen Band, die ähnliche Äußerungen tätigt, sagen: "Tja, das ist halt das, was deren Publikum verlangt."? Doch wohl, zurecht, nicht. Man würde doch mindestens ein Strafverfahren anstrengen, wenn nicht sogar umgehend ein Verbot fordern.

    Also, warum nicht Anis Mohamed Youssef Ferchichi (ich weigere mich ein ehrenwertes japanisches Wort für so einen zu benutzen) nicht mit der vollen Härte des Gesetzes verfolgen? Ein Knastaufenthalt würde einerseits ein Zeichen setzen, das ein solches Verhalten nicht geduldet wird, und andererseits dieser Person mal etwas Street Credibility verleihen. Das wäre doch ein Win-Win-Ergebnis.

    28 Leserempfehlungen
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    Vielleicht WILL der Typ in den Knast, wegen seinem Gangster-Image, das dem Gymnasiasten aus gutem Hause ja noch fehlt.

    (ich weigere mich ein ehrenwertes japanisches Wort für so einen zu benutzen)"

    Da frage ich mich immer, ob es in Japan nicht noch jemanden gibt, der was auf die Geschichte der Samurai hält und Anus ähmmm Anis mal zur Rechenschaft zieht den Weg des Kriegers so zu beleidigen.

    Auch wenn Anis Strategie aufging, alles Geld der Welt ist es nicht Wert, sich selbst so ein Armutszeugniss mit einem so geistlosen Text auszustellen.

    Ich glaube am meisten könnte man Anis beleidigen und treffen, indem man einfach unsachlich sagt "du bist dumm Junge!"
    Dumm ist der der dummes tut.

    ......zu "meiner Zeit" waren es u.a. "Die Toten Hosen" und "Die Ärzte" die die Jugend verdorben haben und schuld am Verfall der Gesellschaft waren.

    Und ich bin ein glücklich verheirateter Vater mit zwei Kindern geworden :-)

    Dem ist nichts hinzuzufügen

    seine Namensgebung hat mich auch geärgert, aber was er sonst so von sich gibt empfinde ich eher als irrelevant, weil viel zu schlecht und viel zu offensichtlich auf Posing abgestellt.
    Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass den jemand (nach Ende der Pubertät) noch ernst nimmt. Deshalb muss er ja die dicken Geschütze auffahren, damit noch jemand hinhört.
    Keine fünf Jahre mehr bis zum Dschungelcamp...

    Sie haben völlig recht, die Lösung ist aber eine wesentlich einfachere:

    Man berechne, wie viel Geld die Nase mit dieser Promo-Aktion verdient (CD-Verkäufe, etc.) und gibt einfach eine Strafe, die wesentlich höher ist als die Einnahmen. Dann hört der Herr bald auf, denn beim eigenen Geld kennt der Pseudo-Gangster keinen Spaß.

    Wir reden hier immerhin über einen, der erst Lieder klaut und dann 15-jährige wegen Downloads abmahnt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bushido | Hip-Hop | Oliver Pocher | Berlin
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