Jetzt gaaanz vorsichtig. Bloß keinen Fehltritt. Es wird gleich um zwei der gefährlichsten Minenfelder der Musik gehen: Richard Wagner und Jazz. Beide haben fanatische Anhänger, deren Militanz sich zwar in ihren Ausprägungen unterscheidet aber kaum in ihrer Intensität. Also ganz, ganz behutsam…

Ach was, dies ist sowieso ein Himmelfahrtskommando. Sagen wir's so: Der Tristanakkord ist die Blue Note der europäischen Kunstmusik. Wagner bricht die Dur-Moll-Harmonik auf und erschließt den chromatischen Tonvorrat, der Jazz bringt aus afrikanischen Systemen stammende Zwischentöne hinein. Leitmotive sind die sichere Basis im endlos wogenden Meer der Wagnerschen Melodienströme, wie das Thema eines Jazzsongs Halt gibt in halsbrecherischen Improvisationen. Wagner verleiht den Nachgeborenen die Lizenz zum ungehemmten Solo, wenn er in einem Aufsatz fordert, dass der Musiker sein Innerstes nach außen stülpt und "das Unaussprechliche selbst", das "Verschwiegene zum hellen Ertönen bringt, und die untrügliche Form seines laut erklingenden Schweigens ist die unendliche Melodie". Jazz und Wagner sind Brüder. Dass sie in der Praxis so selten Verbindungen eingehen, liegt also weniger an der Musik als an den verhärteten Ansichten vieler Anhänger. Aber nicht erst im Wagner-Geburtstagsjahr zeigen die Fronten leichte Risse. 

Dieter Ilg © Till Broenner

Der Bassist Dieter Ilg hat schon Volkslieder verjazzt und Giuseppe Verdis Oper Otello, jetzt nimmt er sich den Parsifal des Verdi-Zeitgenossen Wagner vor. Ausgerechnet das esoterisch-frömmelnde Bühnenweihfestspiel, das nach dem Wunsch des Meisters eigentlich nur in Bayreuth im Festspielhaus aufgeführt werden darf, soll im düsteren Jazzclub erklingen? Eher nicht: Ilg und sein Trio (Rainer Böhm, Piano und Patrice Héral, Drums) verwandeln das Material in lichten, luftigen, kammermusikalischen Festival-Jazz, kaum kellerkompatibel. Melodielinien, die im Original irgendwo im Orchester versteckt liegen, werden zu prominenten Riffs, monumentale Momente wie das Parsifal-Motiv zu spielerischen Vertraulichkeiten. Im Zaubergarten schwebt Klaviermelancholie und der "reine Tor" groovt auf der Suche nach dem Gral. Mit Wagner unterwegs nennt Ilg sein Album im Untertitel. Das ist zum einen ein Zwinkern in Richtung des Ritter-Roadmovies aus dem Mittelalter, mit dem Wolfram von Eschenbach die Vorlage für Wagners Oper lieferte. Es könnte aber auch die Zeitreise der Wagnerschen Musik meinen. Ilg lässt sich von seinem geschichtlichen, literarischen und musikalischen Wissen die spontane, improvisierende Herangehensweise nicht verderben. Wie schon die Volkslieder, so führt er auch Wagner aus historischem Schatten in zeitgenössisches Licht. Nicht umsonst tupft das Trio zum Schluss die Hoffnungshymne eines Komponisten auf Saiten und Felle, den Wagner wie kaum einen anderen bewunderte: Beethovens Freude schöner Götterfunken

Dieter Ilg: Parsifal  – Mit Wagner unterwegs (ACT)

 

Für den Drummer Eric Schaefer ist Wagners Walkürenritt erklärtermaßen ein Allgemeinplatz der Popkultur, bei dem jeder Hörer die Hubschrauber aus Coppolas Film Apocalypse Now im Ohr habe. Dabei ließe sich auch an die Verfolgungsjagd aus Blues Brothersdenken, die im Absturz der Neonazis endet. So frech und frei fliegen jedenfalls die Interpretationen Schaefers ab. Man kennt ihn aus dem Trio [em] mit Michael Wollny und Eva Kruse, einer intelligenten Ikonoklastencombo, die sich alles musikalisch aneignet, was nicht bei eins-zwo auf den Bäumen ist. Who is afraid of Richard W.? ist Schaefers erstes eigenes Album beim Label ACT. Den Trompeter Tom Arthurs, den Keyboarder Volker Meitz, den Bassisten John Eckhardt und kilobyteweise Elektronik hat er dazu geholt. Seine Herangehensweise erklärt er so: "Als Kind habe ich What's Opera, Doc? geliebt: Der Ring in zehn Minuten mit Bugs Bunny und Elmer Fudd im Zeichentrickformat – wenn man solch einen kleinen humoristischen Hau weg hat und dennoch mit Liebe zur Sache dabei ist, dann kann man die Walküre so interpretieren, wie wir das hier gemacht haben." Nämlich als Dub-Song. Schaefer heißt den Großmeister respektlos willkommen im Club, jagt ihn durch psychedelische Trockeneis-Nebel, gürtet Siegfried im Reggae-Rhythmus und lässt Isolde im Liebestod final chillen. Manches wirkt beliebig, als hätte er die Wagner-Versatzstücke auch ganz anders spielen oder sich für seine stilbrüchigen Songs eine andere Vorlage suchen können. Witzig ist es trotzdem. Und ein Humorbad tut Wagner gut.

Eric Schaefer: Who is afraid of Richard W.? (ACT)