Kolumne Fünf vor 8:00Bröckelndes Bayreuth

Die Festspiele sind verkommen zur Mimikry ihrer selbst. Wagner präsentiert sich 2013 wie eine Mischung aus Gartenzwerg und Denkmal, findet Christine Lemke-Matwey. von Christine Lemke-Matwey

Christine Lemke-Matwey ist Redakteurin im Feuilleton der ZEIT und vertritt heute Ulrich Greiner.

Christine Lemke-Matwey ist Redakteurin im Feuilleton der ZEIT und vertritt heute Ulrich Greiner.  |  © Wolfgang Lienbacher

Bayreuth ist traditionell der Ort, an dem der Besucher nicht lange um die Erklärung der Welt ringen muss: Die passenden Metaphern dazu fallen ihm wie reife Zwetschgen in den Schoß.

2013 fängt das mit 102 Zentimetern Plastik an. 500 halb lebensgroße Richard Wagner aus Kunststoff hat der Bildhauer Ottmar Hörl in fränkischer (!) Handarbeit anfertigen lassen. Zum Festspielbeginn bevölkern sie nun die ganze Stadt, vorzugsweise den Festspielbezirk auf dem Grünen Hügel.       

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Niedlich sieht das aus, adrett, wie eine Mischung aus Gartenzwerg und Denkmal. Die Männekens stehen in Magenta, Violett und Blau, und grüßen in die Runde.   

Und man selber rätselt: Heben sie die Arme, weil es hier um Musik geht und Wagner auch Dirigent war? Ein eher mittelprächtiger übrigens.

Oder schlagen sie die Hände über den Köpfen zusammen, weil die Festspiele sich mal wieder, schon wieder, immer wieder in der Krise befinden?

2013 feiert die Musikwelt Richard Wagners 200. Geburtstag. In Bayreuth sieht das so aus, dass es intern jede Menge Querelen gibt: um die Stiftungssatzung der Festspiele, um eine Rüge des Bundesrechnungshofs, um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit.    

Und extern fast nur Baustellen: Wagners privates Domizil, das Haus Wahnfried, in dessen Garten der Meister begraben liegt, wird umfassend renoviert, Wiedereröffnung frühestens 2015. Am heutigen Freitag erfolgt die Grundsteinlegung für den umstrittenen An- und Neubau.       

Und auch das Festspielhaus, herrje, präsentiert sich eingerüstet: Die Fassade bröckelt, das Ausmaß der Schäden ist noch nicht abzuschätzen. Aber teuer wird es, und dauern wird es.     

Ja, spinnen die denn, die Oberfranken? Die Welt zu Gast bei Wagner, dem Leuchtturm deutscher Kultur – und man kann froh sein, wenn einem nichts auf den Kopf fällt?

Abgesehen davon, dass der Revoluzzer Richard W. das Unfertige, Provisorische, Notdürftige eher geliebt hätte, liefert die Plane, die das Festspielhaus-Gerüst seit ein paar Tagen ziert und bedeckt, fraglos die ergiebigste Metapher von allen. Diese Plane nämlich tut so, als sei nichts.

Bis in die kleinste Gesteinspore, ins letzte Farbpartikel hinein bildet sie die Fassade nach, eins zu eins, in unversehrtem, heilem Zustand, versteht sich. Wer's nicht weiß, merkt's erst, wenn er davor steht.

Und was heißt das nun? Nichts Gutes. Es heißt, dass das Festspielhaus von Weitem zwar noch so aussieht wie das Festspielhaus, dass es sich dabei aber längst um eine Illusion, um eine Ausgeburt unserer Fantasie und unseres Wahns handelt.    

Es heißt, dass die Bayreuther Festspiele nur mehr Mimikry mit sich selber treiben. Bezieht man das auf die Kunst, könnte einem vor dem Jubiläums-Ring des Nibelungen, über dem sich heute Abend der Vorhang hebt, angst und bange werden.  

Frank Castorf, Langzeit-Chef der Berliner Volksbühne und Virtuose der Dekonstruktion, inszeniert. Befragt, welche Bedeutung Wagners Musik für ihn habe, gab er auf der gestrigen Bayreuther Pressekonferenz zwei Dinge zu Protokoll: Erstens, dass er das Gähnen des Drachen Fafner so fürchterlich ansteckend komponiert finde. Und zweitens, dass sich Wagners Modernität für ihn vor allem in Francis Ford Coppolas Apocalypse Now zeige (die Sache mit dem Walkürenritt zum Hubschrauberangriff).     

Mehr sagte Castorf nicht. Die angereisten Wagnerianer werden sich wappnen müssen. Und die amtierenden Festspielleiterinnen auch. Denn ihr Schicksal hängt am Erfolg oder Misserfolg dieses Rings. Im Herbst verhandeln sie über eine Verlängerung ihrer Verträge.

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Leserkommentare
  1. "Die Festspiele sind verkommen zur Mimikry ihrer selbst. Wagner präsentiert sich 2013 wie eine Mischung aus Gartenzwerg und Denkmal, findet Christine Lemke-Matwey."

    Eine Übersicht über die Bayreuther Gartzenzwerge und deren Gestaltungsvielfalt : http://www.stern.de/kultu...

    4 Leserempfehlungen
    • bvdl
    • 26. Juli 2013 8:22 Uhr

    Was auf den ersten Blick natürlich lächerlich klingt, ist allerdings wahr: Leute wie Castorf missverstehen eine Oper als "Schauspiel mit Musikbegleitung". Und das liegt daran, dass sie selbst meist keinen Zugang zu klassischer Musik haben und keine musikalische Ausbildung. Privat hören Sie Pop/Rock oder Volksmusik. Und dann tun sie das, was sie können: ein Schauspiel inszenieren. Die Musik ist und bleibt ihnen fremd.

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    • hairy
    • 26. Juli 2013 9:57 Uhr

    Dass Castorf keine Noten lesen kann?

    Ich kann Noten lesen und finde, dass es durchaus Zeit wäre, mal aus dem Ring eine Kammerspielversion zu machen. Samt massiver Umarbeitung/Ausdünnung von Libretto/Partitur res. Orchester natürlich. Alles 2/3 kleiner/kürzer... Wäre eine schönere Herausfordung, ob Wagner auch in Klein funktioniert...

    @ bvdl: Volle Zustimmung. Ein Trauerspiel, was bei modernen Inszenierungen da oft veranstaltet wird, fern von Inhalt oder Musik... und ich lehne Regietheater nicht pauschal ab.

    Wenn Castorf für solches Gemurkse noch zigtausende hinterher geworfen bekommt, dann muss man sich nicht über knappe Finanzen beklagen.

  2. "Bröckelndes" Bayreuth ist ein ziemlicher Euphemismus - tatsächlich sind wesentliche Gebäudeteile bereits eingestürzt und die relevanten Wagnerinterpretationen finden bereits seit Jahren nicht mehr in Bayreuth statt.
    In der FAZ Besprechung über Daniel Barenboims konzertanter Ring in London ist das Meiste dazu gesagt - http://www.faz.net/aktuel... -.
    Bei Richard Wagner geht es
    1. um Musik
    2. um Musik
    3. um Musik
    Musik ist Wagners Mittel, Handlung auszudrücken. Ohne Musik ist die Handlung seiner meisten Opern unerträglich. Darum ist hier eine Herangehensweise vom Schauspiel her von vorneherein zum Scheitern verurteilt.
    Wenn man Richard Wagner "entstauben" will - woran ja in Bayreuth seit nunmehr 60 Jahren mal mit mehr, mal mit weniger Elan gearbeitet wird - dann ist der Weg über konzertante Aufführungen vor 5000 und mehr Zuhörern bestimmt nicht der schlechteste.

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    Die wagnerschen Opern auf konzertante Aufführungen zu reduzieren, würde ihnen allerdings meiner Meinung nach in keinster Weise gerecht; mehr noch, sie würden die Opern ganz wesentlicher künstlerischer Elemente berauben. Wagners Opernkonzept war das Konzept des Gesamtkunstwerkes - sie sind ein Textgewebe aus Musik, Libretto und szenischer Darstellung. Keines dieser Elemente kann isoliert stehen - ich würde dabei sogar so weit gehen, dass ich die rein musikalische Rezeption einer Wagner-Oper für schwer erträglich halte; das mindeste, was ich für den Hörgenuss benötige, ist das Libretto, das ich in meinem heimischen Ohrensessel auf jeden Fall in der Hand habe, denn der Gesang ist oft schwer verständlich. Das "Kopftheater" inszeniert sich dann allerdings von selbst.

    Ich stimme zu, dass zeitgenössische Inszenierungen oft sperrig und schwer verdaulich, ja sogar anstößig sind; aber gehört das nicht zum Wesen der wagnerschen Musik dazu, die schon polarisierend bis ins Extrem war?

    • Chilly
    • 26. Juli 2013 10:39 Uhr

    daher greift mir Ihr Ansatz mit der absoluten Betonung der Musik etwas zu kurz. Nicht zuletzt Wagner selbst sah sich auch ganz maßgeblich als Dichter und trug auch in die Partituren vergleichsweise viel Regieanweisungen ein. Hieraus kann man erkennen, dass es ihm eben um mehr ging, als nur seine Musik spielen zu lassen.

    Was Ihre Kritik an so manchem Regiseur angeht, so teile ich Ihre Auffassung insoweit durchaus. So manche sehen hier primär die Inszenierung im Focus und haben kein Gefühl für die Sänger und die Musik insgesamt. Es zeigt sich aber, dass die wirklich dauerhaft im Gedächtnis bleibenden Inszenierungen es schaffen, diese Elemente wie Dichtung, Regie, Musik und Gesang unter einen "Hut" zu bekommen. Ich bin daher sehr gespannt, wie es Castorf gelingen wird.

    CHILLY

    Sie mögen ja der Meinung sein, dass es bei Wagner nur um Musik geht. Der Komponist jedenfalls war vollkommen anderer Meinung (Stichwort: Gesamtkunstwerk).

    Ich freue mich, dass es etliche Reaktionen auf meinen Beitrag gegeben hat. Um zunächst eines richtig zu stellen: "Konzertante" Aufführung ist zwar der in diesem Fall gebräuchliche aber doch auch etwas missverständliche Begriff für Aufführungen mit (sichtbarem) Orchester,´und mit Sängern (Solisten und Chor). Ein Bild also wie bei der Aufführung eines Oratoriums. So hat es die Staatsoper Berlin in dieser Woche in der Royal Albert Hall in London dargeboten. Und Leute, denen sonst bei dem bloßen Gedanken an 4-5 Stunden Oper am Stück schon schlecht wird, waren hell begeistert!
    Mit den Auffassungen über eine (von mir nicht gemeinte) Variante mit nur Instrumentalmusik, ohne Gesang, gehe ich völlig einig.
    Ja, aber das Gesamtkunstwerk. Wenn es in gleicher Qualität für alle Komponenten gelingt - wunderbar. Ich habe es in meinem Leben bisher zu fünf Aufführungen in Bayreuth geschafft. Dem Anspruch "Gesamtkunstwerk" wurden dabei vielleicht zwei wirklich gerecht - musikalisch aber waren die fünf sämtlich alleroberste Sahne.

  3. ist einem nicht nachvollziehbar, wie Frau Lemke-Matwey zu der Erkenntnis gelangt ist, dass Wagner nur ein mittelprächtiger Dirigent gewesen sein soll. Offenbar verfügt sie über Tonkonserven aus der Wagnerzeit, die die literarischen Quellen widerlegen. :-)

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    • hairy
    • 26. Juli 2013 9:57 Uhr

    Dass Castorf keine Noten lesen kann?

    Ich kann Noten lesen und finde, dass es durchaus Zeit wäre, mal aus dem Ring eine Kammerspielversion zu machen. Samt massiver Umarbeitung/Ausdünnung von Libretto/Partitur res. Orchester natürlich. Alles 2/3 kleiner/kürzer... Wäre eine schönere Herausfordung, ob Wagner auch in Klein funktioniert...

  4. Wagner war gerade auch als Dirigent von immensem Einfluss auf nachfolgende Musikergenerationen, selbst auf jene, die ihn nicht mehr selbst erlebt haben. Angesichts dessen en passant von Mittelprächtigkeit zu sprechen, ist verfehlt.

  5. "Die Festspiele sind verkommen zur Mimikry ihrer selbst. "

    Mimikry ist der evolutionsbiologisch bedingte Effekt, dass eine Art A sich in ihrer äußeren Erscheinung einer anderen Art B so angleicht, dass sie von einer dritten Art C optisch nicht mehr von Art B separiert werden kann, was Art A evolutionär fitter macht, z.B. weil schwarz-gelb gestreifte Schwebefliegen von Fressfeinden mit gefährlichen Wespen verwechselt und deshalb gemieden werden. Diese Strategie ist in der Natur höchst erfolgreich.

    Die wackere Zeit-Feuilletonistin Lemke-Matwey zeichnet hier also ein Bild, in dem die Wagnebastion Bayreuth sich zuerst schizophren aufspaltet und die Zweitversion dann versucht, der Erstversion so ähnlich zu werden, dass die beiden nicht mehr voneinander unterscheidbar sind. Vielleicht um sich feindselig gesinnten Musikkritikern gegenüber zu tarnen und zu schützen, weil Sie das Original, das sich selbst kopierend ein Original zu sein vorgibt, nicht mehr vom eigentlichen Original unterscheiden können? Mhm, ob das wirklich gemeint ist...?

    Lemke-Matwey sieht sich einem Hagel reifer Pflaumen ausgesetzt, die ihr wie überalterte Metaphern in den Schoß fallen; welch Unglück, dass überreifes Obst oft hässliche Flecken hinterlässt. Aber vielleicht hilft dagegen, sich erst über die genaue Bedeutung schlau klingender Begriffe zu informieren, bevor man sie über das Manuskript verstreut.

    3 Leserempfehlungen
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    ... ersten Gedanken. "Wer eine Menge großer Worte gebraucht, will nicht informieren, sondern imponieren." (Oskar von Miller)

  6. Die wagnerschen Opern auf konzertante Aufführungen zu reduzieren, würde ihnen allerdings meiner Meinung nach in keinster Weise gerecht; mehr noch, sie würden die Opern ganz wesentlicher künstlerischer Elemente berauben. Wagners Opernkonzept war das Konzept des Gesamtkunstwerkes - sie sind ein Textgewebe aus Musik, Libretto und szenischer Darstellung. Keines dieser Elemente kann isoliert stehen - ich würde dabei sogar so weit gehen, dass ich die rein musikalische Rezeption einer Wagner-Oper für schwer erträglich halte; das mindeste, was ich für den Hörgenuss benötige, ist das Libretto, das ich in meinem heimischen Ohrensessel auf jeden Fall in der Hand habe, denn der Gesang ist oft schwer verständlich. Das "Kopftheater" inszeniert sich dann allerdings von selbst.

    Ich stimme zu, dass zeitgenössische Inszenierungen oft sperrig und schwer verdaulich, ja sogar anstößig sind; aber gehört das nicht zum Wesen der wagnerschen Musik dazu, die schon polarisierend bis ins Extrem war?

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  • Serie Fünf vor 8:00
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Richard Wagner | Frank Castorf | Kunststoff
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