Musik und Gottesdienst gehören zusammen wie Jesus und Maria. Wo gebetet wird, wird gesungen, oft sogar beides zugleich. Um ihre Gemeinde mit Liedern und Liedtexten einzuschwören, bezahlt die katholische Kirche in Deutschland im Jahr pauschal rund 180.000 Euro: Über die urheberrechtliche Nutzung der Gemeindelieder besteht ein Rahmenvertrag mit der VG Musikedition, einer Rechteverwertungsgesellschaft für Noten- und Musikverlage.

Durch einen Zufall kam nun allerdings ans Licht, dass die katholische Kirche Beitragszahlungen in Millionenhöhe nicht geleistet hat. Die VG Musikedition bat 872 Gemeinden in Deutschland um freiwillige Auskunft über die genutzten Noten für den Gemeindegesang. Die Befragten lieferten allerdings irrtümlich auch Belege für honorarfrei genutzte Chornoten, die gar nicht mit dem Rahmenvertrag abgegolten sind: Die repräsentative Umfrage ergab, dass 2011 und 2012 jährlich rund 700.000 Chor- und Orchesterwerke illegal kopiert wurden.


Dadurch sei den Notenverlegern, Komponisten und Textdichtern pro Jahr ein finanzieller Schaden von bis zu fünf Millionen Euro entstanden, sagte Christian Krauß, der Geschäftsführer der VG Musikedition, auf Anfrage von ZEIT ONLINE. Die tatsächliche Summe sei aber wesentlich höher, weil die Daten ja nur zufällig mit erhoben wurden.

Aus den Angaben der katholischen Gemeinden lässt sich schließen, dass für Kirchenchöre und Instrumentalensembles meist jede Stimme nur einmal gekauft und anschließend beliebig vervielfältigt wurde. Heinz Stroh vom Deutschen Musikverlegerverband fügt hinzu: "Schon jetzt müssen wir leider feststellen, dass sich einzelne Verlage aus dem kirchenmusikalischen Bereich zurückgezogen haben, andere kämpfen um ihre Existenz."

Der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) sieht sich unfähig, gegen die Urheberrechtsverletzungen seiner Gemeinden vorzugehen. Zwar hat der VDD den Liedervertrag mit der VG Musikedition stellvertretend für seine Mitglieder geschlossen. Nun könne er aber aufgrund der dezentralen kirchlichen Strukturen und der rechtlichen Selbstständigkeit der Gemeinden keine effektiven Maßnahmen zur Vermeidung der Rechtsverstöße ergreifen. Dafür müssten doch die Kirchenmusiker vor Ort selbst haften.

Die VG Musikedition prüft nun alle juristischen Schritte, ob gegen den VDD, die 27 Bistümer oder die 872 Gemeinden. Aber eigentlich geht es der Verwertungsgesellschaft nicht um die nachträgliche Bestrafung, sondern um eine zukunftsträchtige Lösung. "Dass die Verantwortungsträger in der katholischen Kirche offensichtlich nicht dazu bereit sind, ernsthaft eine für Komponisten und Textdichter unhaltbare Situation zu verändern", findet der Deutsche Komponistenverband bedauerlich. Man erinnert sich an Zeiten, in denen der einst großzügigste Mäzen der Welt seine Künstler schützte, förderte und zu ästhetischen Höchstleistungen trieb.

Update vom 16. August: Nach Veröffentlichung dieses Artikels hat der VDD in einer schriftlichen Stellungnahme noch einmal ausdrücklich betont, er habe "in den vergangenen Jahren mit den Verwertungsgesellschaften gemeinsam die Pfarreien und kirchlichen Einrichtungen" über die Rechtslage in Kenntnis gesetzt und "unmissverständlich auf das Verbot von Chorkopien hingewiesen". Über Chorkopien bestünden "keine Verträge des VDD mit der VG oder den Musikverlagen. Dementsprechend liegt die Frage nach ggf. illegalen Chorkopien nicht in der Verantwortung des VDD".