Benjamin Griffey alias Casper wurde 1982 in Extertal bei Lemgo als Sohn einer Deutschen und eines US-Amerikaners geboren. Am 27. September erscheint sein drittes Album "Hinterland". © Sony Music

ZEIT ONLINE: Casper, es gibt eine Einstiegsfrage, die sich aufdrängt, wenn man Sie interviewt, die man aber eigentlich nicht stellen kann.

Casper: Da bin ich aber gespannt.

ZEIT ONLINE: Gut, wagen wir es: Sind Sie schwul? Oder, im Hip-Hop-Duktus: Bissu schwul?

Casper: Das ist als erste Frage tatsächlich gar nicht so doof. Denn das ist der Vorwurf aus der Rap-Szene, den ich mir ständig anhören muss, den ich aber gar nicht als Vorwurf empfinde. Es kommt ja immer wieder: "Der ist doch schwul! Was der macht, ist doch alles schwul!" Ich denke mir aber: Erstens ist das für mich keine Beleidigung. Und zweitens, selbst wenn ich schwul wäre, was ist denn das Problem?

ZEIT ONLINE: Die Frage "Bist Du schwul?" hat in diesem Zusammenhang ja mehrere Ebenen. Da wird nur oberflächlich nach Homosexualität gefragt. In Rap-Zusammenhängen bedeutet das in erster Linie: "Du bist ein schlechter Rapper!" Insgesamt aber ist es vor allem homophob.

Casper: Ja, bei mir kommen beide Ebenen zusammen. Zum einen das im Rap relevante Schimpfwort. Zum anderen muss ich aber auch irgendetwas an mir haben, dass sich 15- bis 19-jährige Hip-Hop-Fans in den Kommentaren unter YouTube-Videos den Kopf darüber zerbrechen, ob ich denn eventuell Männer lieben könnte und wie schlimm das wäre. Vielleicht liegt es daran, dass ich dieses Casper-Ding als Einladung an alle verstehe. An meiner Musik soll jeder teilhaben können, sie soll nicht limitiert sein, nicht nur für Metal-, Punk- oder Rap-Fans, nicht nur für Dicke oder Dünne, für Hübsche oder Hässliche. In meinen Songs soll sich jeder wiederfinden können. Ich stehe krass gegen Sexismus, Homophobie oder sonstiges Randgruppen-Bashing. Ich frage mich zwar auch, woher die Faszination rührt, und ich weiß, dass die Hip-Hop-Szene sehr homophob ist, aber ich finde, es sollte keinem Hörer meiner Musik wichtig sein, ob ich jetzt auf Männer oder Frauen stehe.

ZEIT ONLINE: Bei YouTube wird auch darüber diskutiert, ob Sie überhaupt ein Rapper sind. Zum Titelsong Ihres neues Albums Hinterland schreibt einer: "Der Deutsch-Rap-Gott ist back".

Casper: Oh, Gott! (peinlich berührt)

ZEIT ONLINE: Und jemand anders: "Ich will den alten Casper wieder, der noch Rap gemacht hat."

Casper: Das geht mir als großem Musik-Fan genauso. Oft kommt ein Künstler mit einer Platte raus, die ich für die beste halte, die er je gemacht hat. Aber dann entwickelt der sich weiter, entdeckt neue Einflüsse, verlässt seine Genre-Schublade. Dann denke ich als Fan auch: Ach, komm, warum bist Du nicht wie früher? Ich verstehe den Vorwurf. Aber es interessiert mich, meine Komfortzone zu verlassen, aktuelle Einflüsse aufzunehmen, ob das jetzt Gaslight Anthem, Conor Oberst oder der frühe Bruce Springsteen sind, Tom Petty oder Counting Crows. Da will man natürlich gucken, ob man das alles zusammen gerührt bekommt mit A$ap Rocky oder Kendrick Lamar. Das ist für mich als Künstler viel spannender, als das, was ich schon gemacht habe.


ZEIT ONLINE:
Hinterland ist wirklich kein Rap mehr.

Casper: Richtig, es macht nicht Bum-Tschack, ich bumse keine Mütter, fahre nicht in der Limousine herum und schlürfe auch keinen Champagner. Ich mache zwar eher Sprechgesang, als dass ich tatsächlich gut singen kann. Aber wenn man diese Platte einem Franzosen vorspielte und sagte, "Das ist der größte deutsche Rapper", dann würde der antworten: "Das ist doch kein Rap!" Wie ich meine Musik erarbeite und sie schreibe, das ist immer noch stark im Rap verwurzelt. Schon weil ich nie ein Instrument gelernt habe. Ich habe mich nicht mit einer Gitarre auf die Veranda gesetzt, ein bisschen herumgezupft, dazu gesungen und der Song war geschrieben. Stattdessen habe ich mit den Produzenten zuerst einen Beat gebaut, den ich im Kopf hatte und dann darauf meinen Text geschrieben – das ist derselbe Ablauf wie bei einer Hip-Hop-Produktion.

ZEIT ONLINE: Dann kommt aber Hinterland heraus und hört sich eher an wie eine Gitarrenrockplatte, klingt eher nach Bruce Springsteen als nach Jay-Z. Ist das nicht absurd?