Schlagerstar vorm Teleprompter: Heino in Berlin © Tim Brakemeier/dpa

Ja, die Idee, den Schlagersänger Heino Popsongs von den Ärzten bis Rammstein singen zu lassen, war super. Mit dem im Frühjahr erschienenen Album Mit freundlichen Grüßen wurde das popkulturelle Zeichen, das Heino auch als Spießer-Ikone schon verkörperte, einfach umgedreht – und eine Reihe feiner Fragen aufgebracht: Worin besteht die Differenz zwischen Pop und Schlager? Gibt es überhaupt einen eindeutigeren Popstar als Heino, der schon so lange larger than life ist, mehr Projektionsfläche als Sänger, mehr Image als Interpret, bei dem Blondhaar und Sonnenbrille wichtiger sind als einzelne Lieder?

Nicht zuletzt: Was ist heute, da auch die von Heino gecoverte Jugendkultur in die Jahre gekommen ist, überhaupt noch spießig? Bereits 2002 bemerkte der Essayist Max Goldt, es sei eigentümlich, dass Spießer noch immer mit "dem bereits zu Tode karikierten 'röhrenden Hirsch' über dem Sofa" dargestellt würden.

Hochtrabend ließe sich sagen: Bei der Verwirrung, dass Spießigkeit heute ganz anders auftritt als auf Abziehbildern einer vergilbten Kulturkritik, setzt auch der popsingende Heino an. So wird er zur künstlerischen Intervention, über die noch wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben sein werden. Und das ist für alle, die das Nachdenken über Kultur nicht allein der Opernkritik überlassen wollen, eine gute Sache.

Eitelkeit und Larmoyanz

Die Frage ist nur: Muss Pop-Heino auch weiter auftreten? Denn er ist ja trotzdem immer noch Heino, ausgestattet mit dieser durch kein Jota Selbstironie aufgelockerten Kombination aus Eitelkeit und Larmoyanz, aus "Das ist das Geheimnis meines Erfolgs" und "Meine Kritiker sind nur neidisch". Das ließ sich zuletzt in zahlreichen Interviews bestaunen, in denen er sich gern als Erlöser jener "jungen Leute" inszenierte, die ihn angeblich mehr lieben als jeden sonst, nur nicht sein altes Liedgut.

An diesem Montag ist der Ifa-Sommergarten auf dem Berliner Messegelände allerdings nur zur Hälfte gefüllt. Was Heino seinem Publikum bietet, hat auch nichts von der Leichtigkeit des Plattencoups. Allein wie dessen kommerzieller Erfolg in der Ansage ausgeschlachtet wird, wie alles das Meistverkaufte, Größte, Erfolgreichste ist! Echt Heino eben, nicht das Popphänomen, sondern schlicht der in die Jahre gekommene Schlagersänger, Stammvater der Michael Wendlers dieser Welt, derer, die ihren musikalischen Erfolg und ihre Lebensleistung über CD-Verkäufe quantifizieren, um zu dem Ergebnis zu kommen: "Ich bin der Beste."

Musikalisch ist nicht viel los. Es gibt einen zum Ende des zweistündigen Sets zunehmend Richtung Schlager tendierenden Mix aus Pop-Covern und Heino-Klassikern. Die Band spielt nett, Bläser und Backgroundsänger können was und haben Spaß. Der Meister steht meist starr im schwarzen Mantel und mit goldener Kette in der Bühnenmitte. Die Augen hinter der Sonnenbrille kleben am Teleprompter, der von den Stage-Kameramännern einmal zu oft hastig überschwenkt wird, als dass der angestrengte Blick Heinos nach vorn-unten als Zeichen der Versunkenheit durchginge. Ebenfalls abgelesen: die Moderationen, mit denen Heino sich einmal mehr als Prahlhans präsentiert, der überall zuerst war und alles schon gemacht hat, bevor es "die Rocker" gemacht haben. Dem, um es auf gut Deutsch zu sagen, nicht nur Rammsteins Sonne aus dem Hintern scheint.

Gehhilfen der Autosuggestion

Interessanter ist das Publikum, eine illustre Mischung aus gesetzteren Herrschaften und urbanen Ironikern. Während der Lieder wird mit dem Handy gefilmt – man will das wohl alles weniger erleben, als es später zu "haben". Allein in den Liedpausen entwickelt sich mit "Heino"-Sprechchören eine bemerkenswerte Aktivität – ebenfalls wunderbarer Stoff für kulturwissenschaftliche Studien: über den Star als Katalysator von Selbstinszenierung, als Vorlagengeber für narzisstische Kreativität. Wieder und wieder macht Heinos "Danke, liebe Freunde!" voll Genugtuung die Runde. Da hält sich einer für einen gefeierten Künstler, ist aber nur Sklave derer, die ihn für ihre Zwecke benutzen? Nicht nur der Fan, auch der Star braucht die Gehhilfen der Autosuggestion.

Der Abend bietet auch schöne Sachen. Etwa das knackige Groteskrock-Brett von Knorkator, nach eigener Aussage Deutschlands "meiste Band der Welt" – welch sympathischer Superlativ! Zu Beginn des Abends wird das Brett einem Auditorium vor die Füße geknallt, dessen abendliches Rock'n'Roll-Erlebnis auf diese Weise nicht auf einen Karaoke singenden Schlagerstar beschränkt bleibt. Mit Heinos Coverprogramm geht außerdem die Erkenntnis einher, dass die deutsche Popmusik einige schöne Lieder hervorgebracht hat. Herbert Grönemeyers Was soll das? tut es ganz gut, mal frei heraus vom Bariton der Nation gesungen zu werden.

Und dann sind da noch die Paare im Publikum, die die Leere im Garten zum Disco-Foxen nutzen. So sichtlich seit Jahrzehnten miteinander vertraut, wie da manche umeinander kreisen, da muss man erstmal hinkommen. Mit oder ohne Heino.

Erschienen im Tagesspiegel