Es gibt kein Bier auf Hawaii, dabei hätte Der Mann am Klavier doch so gern eins. Unter anderem mit alkoholischen Schlagern wurde Paul Kuhn, 1928 in Wiesbaden geboren, berühmt. Später sagte er dazu: "Die Bierlieder, die ich früher komponiert habe, singe ich mit Widerwillen, aber ich singe sie."

Millionen von Fernsehzuschauern haben Kuhn seit den Anfangstagen des Farbfernsehens in Erinnerung als den leicht zerknautschten Pianisten, der klassischen Samstagabendshows mit Größen wie Peter Alexander, Peter Frankenfeld und Harald Juhnke die Klangfarbe gab. Auch posthum wird er für die große Öffentlichkeit wohl nicht mehr zu der Jazzlegende, als die ihn die Nachrufe jetzt preisen – dabei tun sie es zu Recht.

Kuhn trat schon 1936 bei der Berliner Funkausstellung als Akkordeonist auf. Als Achtjähriger, der hinter seinem Instrument fast verschwand, bekam er den Spitznamen Paulchen. Der blieb auch an dem er-, aber nie besonders groß gewachsenen Musiker. Klavierunterricht mit zehn, dann Musisches Gymnasium in Frankfurt, Studium am Konservatorium in Wiesbaden. Vater Kuhn, berufslos, arbeitete als Croupier im Wiesbadener Casino. Paulchen musste mitverdienen, trat unter anderem in Weinlokalen auf.

Mit Blue Notes und Synkopen der von den Nazis als "entartet" geächteten "Negermusik" infizierte Kuhn sich 1939, als er verbotene "Feindsender" hörte. Vor Wehrmachtssoldaten im besetzten Frankreich, bei denen Kuhn im Rahmen der Truppenbetreuung spielte, musste er sich mit dem Swing noch zurückhalten. Aber nach dem Krieg wechselte das Publikum: Kuhn trat vor amerikanischen GIs auf und bekam sogar eine Anstellung beim Soldatensender AFN.

Fast täglich ging er auf Sendung mit der Band, live aus dem Studio. Er eignete sich das Repertoire und den leichten Sound von Glenn Miller an. In den fünfziger Jahren arrangierte und komponierte er Unterhaltungsmusik, dann sang er auch selbst Stimmungsschlager: Die Farbe der Liebe, Der Mann am Klavier, Es gibt kein Bier auf Hawaii. "Wenn man einen Hit landen will, muss man einiges dafür tun", wusste Kuhn, "man muss unter anderem den Geschmack des Publikums treffen. Nicht nur den eigenen." 

Musik für die Hawaiitoastfeten der Siebziger

Fernsehsendungen wie Hallo Paulchen oder Pauls Party folgten und von 1968 an war Kuhn für den Sender Freies Berlin fest gebucht: als Dirigent und Arrangeur der SFB-Bigband, die er zu einem der beliebtesten deutschen Tanzorchester machte. Mit Alben wie Tanz mit Paul Kuhn oder Pauls Pianoparty belebte er die Hawaiitoastfeten der siebziger Jahre. Dabei legte Kuhn auch an seine Show-Karriere gewisse Qualitätsstandards an: "Ich bin keiner, der so klimpert, behaupte ich mal."

1980 wurde dem SFB die Bigband zu teuer, kurz darauf kündigte Kuhns Plattenfirma Electrola seinen Vertrag, und der NDR stellte Die Gong-Show ein, in der er Nachwuchstalente präsentierte. Tanzmusik à la Glenn Miller war endgültig out. Kuhn spielte auf Vereinsbällen und Betriebsfeiern, in Festzelten und Mehrzweckhallen. Im Fernsehen war er nur noch selten zu sehen, Schlagzeilen machte er erst 1994 wieder: Steuerhinterziehung.

"Ich werde dafür bezahlt, dass ich das bringe, was die Leute hören wollen." So beschrieb Kuhn seine Karriere. Das war nicht ohne Tragik, denn "meine große Liebe ist der Jazz". Dieser Liebe widmete er sich erst im hohen Alter wieder. Im Trio mit dem Bassisten Paul G. Ulrichs und dem Drummer Willy Ketzer spielte er das Album Play it again Paul ein und ging auf Tournee. Und plötzlich war der angejahrte Bigband-Swing Kult: Als "Methusalem komplett" tourte Kuhn mit den Bandleader-Kollegen Max Greger und Hugo Strasser sowie der SWR Big Band.

Auch das Feuilleton entdeckte Kuhn. Dass ihn der große deutsche Jazzkritiker Joachim-Ernst Berendt zeitlebens ignoriert hatte, wurmte den Pianisten dann doch, obwohl er sonst recht cool mit seinem Image als Schlageronkel umging: "Ich habe ihm nichts getan. Er hätte sagen können, das ist Quatsch, was der macht, Barmusik. Das hätte mich nicht gestört." Ironie der Geschichte, dass Kuhn zu seinem 85. Geburtstag in diesem Jahr mit dem Joachim-Ernst-Berendt-Preis ausgezeichnet wurde.