ZEIT ONLINE: Monsieur Jaroussky, Sie haben gerade ein Album mit den Arien des großen Farinelli veröffentlicht. Man kennt seine Geschichte aus dem Kinofilm – das Kastratenopernklischee schlechthin. Ist das nicht etwas zu naheliegend?

Philippe Jaroussky: Ich hatte immer Angst, ein Farinelli-Programm aufzunehmen. Aber ich habe gemerkt, dass sein Repertoire für meine Stimme gar nicht so schlecht ist. Ich fand es eine gute Idee, damit auch einen anderen Komponisten zu entdecken. Ich benutze den Namen Farinelli, um etwas über Nicola Porpora zu erzählen. Und ich wollte mit diesem Projekt zeigen, dass Kastratenstimmen kein Wunder sind. Die Sänger mussten hart arbeiten.

ZEIT ONLINE: Wie unterscheidet sich Ihre Stimme von Farinellis Stimme?

Jaroussky: Einige Kritiker sagen: "Seine Stimme klingt überhaupt nicht wie Farinelli."

ZEIT ONLINE: Wer weiß das so genau? Carlo Broschi alias Farinelli starb 1782.

Jaroussky: Wir wissen einiges über die Qualitäten seiner Stimme. Er konnte einen sehr hohen Sopran singen und in derselben Oper eine Arie für Contralto. Und er benutzte viel öfter seine Bruststimme, als ich es tue. Ich kann nicht das gesamte Repertoire von Farinelli singen. Aber in Porporas Musik habe ich viele sehr berührende Arien gefunden und das ist das Wichtigste an diesem Projekt: Ich will, dass das Publikum fühlt, was Porpora für Farinelli empfand.

Musik - Philippe Jaroussky singt "Alto Giove"

ZEIT ONLINE: Porpora hat die virtuosesten Arien für Farinelli geschrieben. Wie haben Sie sich die erarbeitet?

Jaroussky: Es ist Gymnastik. Um diese Musik zu singen, muss man trainieren wie für Verdi, Puccini oder Wagner. Man muss diese hohen Partien 50 Mal am Tag singen, um auf der Bühne bestehen zu können.

ZEIT ONLINE: Es gibt wohl kaum ein Genre in der klassischen Musik, das so sehr auf die Artistik des Interpreten fokussiert ist. Sie treten vors Publikum und zeigen, wie man menschliche und auch männliche Grenzen überwinden kann. Fühlen Sie sich manchmal wie ein Zirkuspferd, das nur ein paar Kunststücke zeigt?

Jaroussky: Während des Konzerts reagiert das Publikum natürlich vor allem auf virtuose Arien. Die Leute schreien, drehen durch. Aber wenn ich hinterher mit ihnen spreche, reden sie von den gefühlvollen Arien, nicht den virtuosen.

ZEIT ONLINE: Das sind Effekte wie im großen Pop.

Jaroussky: Ja, und die Menschen haben eine merkwürdige Beziehung zu Kastratenopern. Natürlich wollen sie keine echten Kastraten mehr sehen, das ist passé. Aber es gibt diese Sehnsucht, sie doch wieder hören zu wollen. Diese Konzerte mit Kastratenrepertoire sind etwas ganz Besonderes.

ZEIT ONLINE: Wenn man so will, ist die Kastratenoper die erste Kunstform, die auf hormonellem Doping basierte. Durch die Kastration blieben Kehlkopf und Stimmbänder kindlich, währen der Rest des Körpers weiterwuchs. Farinelli und seine Kollegen waren ja meist sehr groß, hatten kleine Köpfe auf weichlichen Leibern, schmale Hüften und große Brustkörbe.

Jaroussky: Das hormonelle Ungleichgewicht machte sie zu Monstern. Der Vergleich mit Sportlern, die Hormone nehmen, um ihre Muskeln aufzupumpen, passt schon. Auf der Bühne wurden die Kastraten wie Götter behandelt und wie Dreck im normalen Leben. Sie brauchten diese ganzen Federn und Kostüme, um sich Respekt zu verschaffen. Sehr pathetisch mit diesem ganzen Make-up. Sie waren gefangen in einer Kunstwelt, ihr Leben fand nur auf der Bühne statt. Die meisten Kastraten sind schnell gestorben, nachdem sie mit dem Singen aufgehört haben.