Studie zu MusikwettbewerbenSei ein energisches Naturtalent!

Was entscheidet in Musikwettbewerben über die Güte der Kandidaten – Auge oder Ohr? Eine Forscherin weist nach: Auf den mühsam erarbeiteten Ton kommt's nicht an. von 

Die Pianistin und Wissenschaftlerin Chia-Jung Tsay

Die Pianistin und Wissenschaftlerin Chia-Jung Tsay  |  © privat

Wir wissen, dass Marie und Simon es in der Schule leichter haben als Kevin und Chantal: Mit ihren Namen assoziieren Lehrer größere Bildungsnähe und begegnen den Kindern mit größerem Wohlwollen. Aber auch die Karriere hochtalentierter klassischer Musiker wird von ganz anderen Aspekten bestimmt als vom Klang ihres Spiels – und das längst, bevor die Marketing-Maschine sie in dekolletierte Barockkleider oder schwarzgoldene Turnschuhe steckt.

Die Harvard-Absolventin Chia-Jung Tsay hat sich zähneknirschend damit abgefunden, dass wir Bücher wegen des Umschlags kaufen und Politiker wählen, weil sie kompetent aussehen. Aber wenigstens in internationalen Musikwettbewerben, fand die Psychologin, müsste doch wohl die akustische Wahrnehmung wichtiger sein als die Optik?

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Tsay dachte sich eine Versuchsreihe aus. Probanden sollten die Gewinner eines internationalen Wettbewerbes für klassische Musik erraten. Im ersten Schritt durften sie wählen, ob sie dazu eine reine Tonaufnahme anhören wollten, ein Video mit Ton oder ein stummes Video anschauen. Die überwältigende Mehrheit glaubte, die Sieger des Wettbewerbs nur mit Ton herausfinden zu können.

Die Wahl bekamen sie aber gar nicht. Der Zufall entschied, ob sie sechs Sekunden lange Videoclips der Künstler ohne Ton sahen, oder ob sie genauso lange reine Tonaufnahmen hörten. Das verblüffende Ergebnis: Anhand des bewegten Bildes wählten sie in gut der Hälfte der Fälle den richtigen von drei Künstlern aus, also weit über der Zufallsmarke von 33 Prozent. Allein anhand des Klanges kamen sie auf 25 Prozent.

Die Gewinner sind auch ohne Ton vorhersehbar

Als zusätzlich Videos mit Ton zur Verfügung standen, schnitten deren Betrachter zwar besser ab als die Hörer der reinen Tonaufnahmen, aber nicht über Zufallsniveau. Sieger waren auch hier die stummen Videos – obwohl doch die Kombination aus Optik und Akustik mehr Informationen liefert. Ob Laien oder Musiker als Probanden, ob kürzere oder längere Clips: Videos ohne Ton gaben den besten Hinweis darauf, wer den Musikwettbewerb gewonnen hatte.

Daraus lässt sich wohl schließen, dass auch die Jury selbst sich nicht primär um den Klang gekümmert hatte. Man stelle sich vor: Die würdigen Damen und Herren, die aufgeregten Wunderkindern in feierlichem Gewand das karrierebestimmende Gütesiegel "Wettbewerbssieger" aufkleben oder verweigern – sie könnten ebenso gut mit Ohropax im Konzertsaal sitzen.

Ein kleiner Trost: Es geht nicht nur um das schönste Gesicht oder den am besten sitzenden Anzug. Tsay reduzierte die Videos elektronisch auf sich bewegende Silhouetten. Immer noch erkannten die Probanden häufiger den richtigen Sieger, als der Zufall es erlauben würde. Eine flankierende Befragung ergab, dass die Bewegungen offenbar preiswürdige Interpreten-Eigenschaften wie Leidenschaft und Einsatz signalisierten.

Leserkommentare
  1. Ich will nicht, dass ein Sänger eine schöne Stimme hat, ich will, dass er mit seiner Stimme etwas Aufregendes anstellt. Gleiches gilt für Instrumentalisten. Was gibt es langweiligeres, als schöne Stimmen und schön klingende Instrumente, die tausendmal Gehörtes stereotyp repetieren? Ich will das Ungewöhnliche, das "angeboren" Andere, die Überraschung, das Raue, die Gänsehaut. Nicht Sirup tagein tagaus.

    Witzig, dass die Musikverständigen aus den Jurys das auch so sehen, zumindest unbewusst.

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    • np
    • 24. September 2013 18:50 Uhr

    @ Thomas Gern: Das haben Sie aus dem Artikel herausgelesen? Wie kann der ungewöhnliche, aufregende Gesang eine Rolle spielen, wenn die Probanden den Sieger _ohne Ton_ vorhersagen konnten? André Rieu spielt sehr exaltiert, das sieht man, was man hört, ist deshalb noch lange nicht aufregend, sondern eher Sirup.

    • np
    • 24. September 2013 18:50 Uhr

    @ Thomas Gern: Das haben Sie aus dem Artikel herausgelesen? Wie kann der ungewöhnliche, aufregende Gesang eine Rolle spielen, wenn die Probanden den Sieger _ohne Ton_ vorhersagen konnten? André Rieu spielt sehr exaltiert, das sieht man, was man hört, ist deshalb noch lange nicht aufregend, sondern eher Sirup.

    3 Leserempfehlungen
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    frage ich mich zumindest, ob er live spielt. Wenn er als Grinsekatze hüpfend und Grimassen schneiden mimisch über sich hinauswächst, wirds verdächtig.

    Also ich fand den schon immer den gewöhnlichen Musikerdarstellern zugehörig. Bei Schauspielern in etwa vergleichbar mit Christine Neubauer.

  2. frage ich mich zumindest, ob er live spielt. Wenn er als Grinsekatze hüpfend und Grimassen schneiden mimisch über sich hinauswächst, wirds verdächtig.

    Antwort auf "Für die Show spielen"
    • Rumple
    • 25. September 2013 3:12 Uhr

    Falls die Jury wirklich die Akustik ignoriert, sollte jeder Proband (wenn nur die Akustik zugänglich ist) 33% erreichen können - unter allen Umständen. Erzielen sie weniger (hier 25%), ist die Studie entweder zu klein (und damit wertlos) oder die Jury hört sehrwohl auf die Akustik, legt aber andere Massstäbe an als die Probanden.

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    • Dazydee
    • 25. September 2013 9:25 Uhr

    wenn die Gewinner halt schlechter spielen als die Konkurrenz, aber wegen ihrer Optik trotzdem gewinnen.

    Darum findet bei vielen Orchestern das vorspielen hinter Vorhang statt, da sich hier die Erkenntnis langsam durchgesetzt hat.

  3. Also ich fand den schon immer den gewöhnlichen Musikerdarstellern zugehörig. Bei Schauspielern in etwa vergleichbar mit Christine Neubauer.

    Antwort auf "Für die Show spielen"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Studie | Akustik | Musiker | Pianist | Wunderkind | Harvard
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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