Startenor Rolando VillazónWarum Verdi heute wichtig ist

Der größte Opernkomponist der Geschichte fordert von seinen Sängern viel und gibt dem Publikum alles. Vor 200 Jahren wurde Verdi geboren, wir brauchen ihn wie eh und je. Ein Gastbeitrag von Rolando Villazón

Der mexikanische Tenor Rolando Villazón veröffentlichte im November 2012 ein Album mit Verdi-Arien.

Der mexikanische Tenor Rolando Villazón veröffentlichte im November 2012 ein Album mit Verdi-Arien.  |  © Harald Hoffmann/DG

Vor 200 Jahren wurde Giuseppe Verdi geboren. Bis heute gibt es wohl keinen Komponisten, dessen Opern häufiger aufgeführt wurden. Er war einer der vielseitigsten Künstler, den die Welt je sah, und gleichsam der italienischste von allen. Oft stand er in der Kritik, und doch zählt er zu den Favoriten fast jedes Opernliebhabers.

Wer noch nicht viel über Oper weiß, kann diese faszinierende Welt mit Verdi entdecken. Seine Meisterwerke können den Zuhörer zu einem treuen Anhänger dieser wunderbaren, lebenden und atmenden Kunstform machen. Die Verbindung von Gefühl, dramatischem Rhythmus, musikalischer Brillanz und technischer Herausforderung war selten so vollendet wie in Verdis Musik.

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Dass Verdi auch heute noch modern und populär ist, liegt aber wohl vor allem an seinem innigen Wunsch, das Publikum zu erreichen. Er wollte weder uns Zuhörer beeindrucken, noch war sein oberstes Ziel, Musikwissenschaftlern oder Kritikern zu imponieren. Nein, er diente dem Drama, wollte den Gefühlen seiner Charaktere eine Musik geben. Und er wollte uns fühlen lassen.

So hatte er keine Angst, populäre Weisen zu verwenden oder auch unkomplizierte, sogar simple Rhythmen. Aber er versah sie mit einer genialen Orchestrierung, mit reichen und innovativen harmonischen Konstruktionen und wunderschönen Melodien.

Taumelnd mit den Bühnencharakteren

Andere Komponisten, vor allem in der Schule des Verismo, gaben Emotionen oftmals eine eher eindimensionale musikalische Richtung, um das Publikum in Erregung zu versetzen. Verdis Charaktere hingegen haben stets viele Facetten, sind nicht selten mehrdeutig. Er suchte nach besonderer Tiefe. An einen seiner Librettisten schrieb er: "In den Themen, die Sie vorschlugen … kann ich die Vielfalt, die mein verrücktes Hirn begehrt, nicht finden." Das Libretto entbehrte der notwendigen Komplexität. Und Schwarz-Weiß-Malerei war das Letzte, was Verdi wollte.             

Deshalb können wir Rigoletto im ersten Akt abstoßend finden und im letzten Akt mit ihm weinen. Deshalb haben wir kein Mitgefühl mit König Philipp II. – bis er seinen großen Monolog Ella giammai m'amo singt und wir endlich in die Seele dieses schrecklichen, zerrissenen Vaters blicken. Deshalb sind wir völlig verzaubert von Alfredos Liebe für Violetta im ersten Akt der Traviata und genauso entsetzt, wenn wir seine selbstsüchtigen Handlungen im dritten Akt sehen.

Verdi geht in seinen Kompositionen von einem intensiven emotionalen Moment zum nächsten. Er tut es auf so geniale Weise, dass unsere Herzen und Gehirne diese Momente automatisch verbinden und die Geschichte gemeinsam mit ihm erzählen. Durch seine Musik können wir die innere Reise seiner Charaktere nachvollziehen. Vor Verdi haben Komponisten viele Stücke geschrieben, die lediglich das Talent der Interpreten ausstellen sollten – spektakuläre Koloratur, beeindruckende Höhen. Verdi jedoch setzt jedes dieser Mittel des Belcanto in einem unbedingt dramatischen Sinn ein.

Er weigerte sich, einem Dogma oder einer strengen Schule zu folgen und erschuf so seinen eigenen Stil: "… und wenn ich etwas Unregelmäßiges schreibe, dann ist es, weil die strenge Regel mir nicht gibt, was ich will, weil ich nicht alle Regeln, die wir bis jetzt hatten, für gut erachte". Das heißt jedoch nicht, dass Verdi von seinen Vorgängern nichts gelernt hat. "Geht zurück zu den Alten – das wird Fortschritt sein!", schrieb er an den Musikverleger Giovanni Ricordi.

Leserkommentare
    • JaLoWe
    • 10. Oktober 2013 13:58 Uhr
    1. Danke

    Mit seinem Gastbeitrag macht Herr Villazon Lust auf Verdi und seine Opern. Danke dafür.

    2 Leserempfehlungen

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  • Schlagworte Giuseppe Verdi | Chaos | Komponist | Oper
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