Frank Castorf ist wahrscheinlich noch immer neidisch. Denn was 1976 bei den Bayreuther Festspielen los war, blieb dem Berliner diesen Sommer verwehrt: ein echter Skandal

Wagner-Vereine aus Heidelberg und Mannheim forderten damals mit Unterschriften-Aktionen die Absetzung der Inszenierung und drohten den Festspielen mit Geldentzug. Nach den Aufführungen gab es Trillerpfeifkonzerte, angeblich wurden auch Stinkbomben geworfen. Und Wolfgang Wagner, der damalige Leiter der Festspiele, erhielt Morddrohungen.

Ausgelöst wurde das alles von dem 31-jährigen Franzosen Patrice Chéreau, den damals in Deutschland kaum einer kannte. Der Dirigent Pierre Boulez hatte ihn gebeten, Wagners Opernzyklus Der Ring des Nibelungen zum 100. Jubiläum der Uraufführung zu inszenieren. Zuvor hatten bereits drei andere Regisseure abgelehnt.

Chéreau verlegte die Handlung aus dem mythologischen Niemandsland ins frühindustrielle 19. Jahrhundert, also in die Entstehungszeit dieser Oper. Er schuf damit eine Parabel auf den Schrecken des Kapitalismus – und modernes Regietheater, wie man es bis dahin in der Oper noch nicht gesehen hatte.

Eine klare Regiehandschrift war revolutionär

Fabrikschlote ragen in den Bühnenhimmel, Werksräder drehen sich und die Protagonisten kämpfen nicht gegen Götter, sondern gegen die Gesetze des Marktes. Heute, da Opernregisseure Wagners Tannhäuser schon mal ins Konzentrationslager schicken, überrascht eine solch klare Regiehandschrift niemanden mehr. Damals war sie revolutionär.

Die Wucht der Inszenierung, ihre Bedeutung für die Wagner-Rezeption, lässt sich von Nachgeborenen mittels Videoaufnahmen nur erahnen. Da sieht man erst einmal jede Menge Nebel. Und dann die siebziger Jahre. Wenn die Zwillingsgeschwister Sigmund und Sieglinde in der Walküre endlich übereinander herfallen – er mit Palästinenser-Tuch, sie im weißen Walle-Kleid – dann riecht das auch nach Hippietum und den Ideen von sexueller Befreiung, die Chéreau früh eingesogen hatte. 

Fünf Jahre war sein Ring in Bayreuth zu sehen. So legendär wie die Buhrufe am Anfang wurde der 80-minütige Applaus nach der letzten Vorstellung. 

Dabei führt Patrice Chéreau mit dem Ring bloß fort, was er in Frankreich schon seit Jahren veranstaltet hatte. Das politische Theater war seine Welt. Geboren 1944 als Sohn eines Maler-Ehepaars inszenierte er bereits zu Schulzeiten erste Stücke. 1966, zwei Jahre vor den Pariser Studentenprotesten, übernahm er das Théâtre de Satrouville, eine kleine Spielstätte am Stadtrand von Paris, und machte es zu einem Laboratorium für engagierte Kunst. Da war er 22 Jahre alt und galt bereits als Wunderkind.

Hollywood-Angebote lehnte er ab

Dreigleisig schoss er voran: Chéreau inszenierte Filme, Opern und Theaterstücke. Das Genre schien ihm dabei kaum einen Unterschied zu machen. "Ich erzähle Geschichten mit Schauspielern", beschrieb er in einem Interview seine Arbeit.

Dass er nicht nur Regisseur war, sondern auch Theaterdirektor, Autor (von Drehbüchern) und Schauspieler, erinnert an alte Meister wie Shakespeare. Dessen Hamlet, den Chéreau 1988 beim Festival d'Aix-en-Provence inszenierte, wurde einer seiner großen Schauspielerfolge. Und noch etwas anderes hat er von Shakespeare gelernt: dass sich große Kunst und ein großes Publikum nicht ausschließen.

Als Filmregisseur erntete er 1994 mit Die Bartolomäusnacht begeisterten Zuspruch von Zuschauern und Kritikern. Beruhend auf dem Roman La reine Margot von Alexandre Dumas, erzählt der Film von einem Massaker an Hugenotten im ausgehenden 16. Jahrhundert und von den erotischen Verstrickungen und Intrigen im Hintergrund.

Es folgten Angebote aus Hollywood: Immer waren es Kostümfilme und immer sollten sie blutig sein. Chéreau lehnte ab. Er widerstand der Versuchung, einen Erfolg mit einem ähnlichen Projekt zu wiederholen. Er drehte nie wieder einen Historienfilm. Stattdessen suchte er sich neue Herausforderungen.  

Intimacy im Jahr 2000 bestand zum großen Teil aus Sexszenen. Es hätte ein Flop werden können. Stattdessen gewann der Film die Berlinale. Und vor zwei Jahren inszenierte Chéreau zum ersten Mal ein Theaterstück in London, mit nur begrenzten Englischkenntnissen. Immer gab es etwas Neues, das er ausprobieren wollte. 

In einem Interview sagte er vor einigen Jahren: "Ein Resümee, das war's, was ich zu sagen hatte, ein Ende, nein, das gibt es nicht. Das einzige Ende ist der Tod, und der erwartet uns alle." Am Montag ist Patrice Chéreau im Alter von 68 Jahren gestorben.