"Ich habe alles gesagt, was ich auf einem Album sagen will." Das gab Robbie Williams noch vor drei Jahren in dem Dokumentarfilm Look Back, Don’t Stare bekannt, als er vorübergehend wieder zu Take That gehörte. Sein neues Solo-Album Swings Both Ways zeigt nun, wie es klingt, wenn er trotzdem weitermacht. Er wiederholt den Ausflug ins Swing-Genre und bleibt auf verkaufssicherem Boden: Swing When You're Winning aus dem Jahr 2001 ist nach wie vor das meistverkaufte Album in Williams' Karriere. Alle lieben Robbie mit Big Band.

Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft erleben wir noch dazu die Neuauflage eines zweiten Marketing-Gags. Die legendäre Rivalität zwischen Robbie Williams und Gary Barlow, seinem einst verhassten Bandkollegen, flammt wieder auf. Beide sind jetzt bei Universal unter Vertrag und der britische Ableger der Plattenfirma schickt nun auch Barlows erstes Soloalbum seit 1999, Since I Saw You Last, in den Wettstreit um die Chartskrone. Wer der Stärkere von beiden ist, scheint in Deutschland klar zu sein – hier hat Universal die Veröffentlichung gleich auf Ende Januar 2014 verschoben, um sie nicht im adventlichen Robbie-Swing-Spektakel untergehen sehen zu müssen. In Großbritannien aber wird es eine spannende Partie.

Nach dem Ende von Take That im Jahr 1996 sollte Gary Barlow, der einzige "echte" Musiker und Songwriter der Boygroup, in Elton Johns Fußstapfen treten. Seine ersten beiden Singles landeten auch auf Platz 1, aber seine damalige Plattenfirma BMG wollte den Durchbruch in den USA, schickte ihn dort auf Tingeltour, zwang ihn zu musikalischen Kollaborationen und peinlichen Auftritten. Währenddessen nutzte Robbie Williams dessen Abwesenheit in Europa und brachte Schlagzeilen, mit denen ein weicher Saubermann wie Barlow nicht mithalten konnte. Als sich abzeichnete, dass Robbie das Duell gewinnen würde – spätestens mit Angels – ließ die Musikindustrie Gary fallen wie eine heiße Kartoffel. Niemand wollte mehr mit ihm arbeiten.

Erst nach der Wiedervereinigung von Take That 2010 konnte er seinen öffentlich beschädigten Status wiederherstellen. Bestätigung kam von höchster Stelle: Die Queen betraute ihn 2012 mit der Organisation ihres Konzerts zum 60. Thronjubiläum im Garten des Buckingham Palace. Viele sahen schon die Schwertleite auf Barlows Schultern. Für den Ritterstand mochte es dann doch noch zu früh sein, aber der Mann ist wieder im Geschäft. Er singt für die britischen Truppen in Afghanistan und verdingt sich als Juror der Talentshow X Factor. Er schmiegt sich so dicht ans britische Volk, dass er nie wieder tief fallen kann.


Ein Drama nach Shakespeare

Den Handlungsbogen des Barlow-Williams-Dramas hätte selbst Shakespeare nicht besser choreografieren können. Akt I, Exposition: Robbie und Gary arbeiten zu Take-That-Zeiten scheinbar friedlich nebeneinander; insgeheim drängt sich Robbie in den Vordergrund. Akt II, Komplikation: 1995 wird er aus der Band geworfen, es folgt sein Drogenabsturz; ein Jahr später lösen sich Take That auf. Akt III, Peripetie: Das Glück des vermeintlichen Helden Gary schlägt um; Williams gewinnt das erste Duell und lässt keine Gelegenheit aus, seinen Opponenten öffentlich zu degradieren. Akt IV, Retardation: Während Williams zum internationalen Superstar aufsteigt, wird Barlow zur persona non grata. Akt V, Auflösung: Auf die Wiedervereinigung von Take That ohne Williams 2005 folgt die kathartische Aussöhnung zwischen Robbie und Gary auf Augenhöhe 2010/11, kulminierend in ihrem selbstreflektierten wie selbstironischen Duett Shame, einem höchst erfolgreichen Take-That-Album mit Williams inklusive Tournee (Progress). Schluss: Alle umarmen sich.