Bruce Springsteen hat ein neues Album gemacht, High Hopes heißt es und ist so überraschend wie ein Langlaufurlaub. Dass die Platte ein Sammelsurium aus Coverversionen, aufpolierten Antiquitäten und Liegengebliebenem ist, muss man gar nicht wissen, man hört es gleich. So unverkennbar wie unerträglich ist hier derjenige am Werk, den sie aus unerfindlichen Gründen den Boss nennen.

Ein Springsteen-Fan ist treu und reibt sich angesichts dieses öligen Gestöhnes wohlig den Schmerbauch. Ehrliche Arbeit! Schweiß! Vier-vier-tel-takt! Ja! Aus den Lautsprechern fließt seit jeher ein Kleister, den selbst die teuren Boxen im zielgruppengerechten SUV nicht zum Guten filtern können. Musikalisch mit einem Fuß in der Steinzeit und dem anderen in einer überdimensionierten Mehrzweckhalle, wie Abzählreime aufs Mitgrölen hinkomponiert. "One two three four" und dann alle zusammen und ganz laut! Akustisches Käsefondue.

Alles scheppert und ächzt, und wenn mal nicht ein überkandidelter Gospelchor oder ein gestauchtes Saxofon den Gehörgang verkleben, dann ist es neuerdings die Gitarre von Tom Morello. Ja, dem Tom Morello, der einst mit den Wutbürgern von Rage Against The Machine an amerikanischen Flaggen zündelte. Er unterlegt Springsteens käsiges Genörgel nun mit einem Brett aus wurstigen Mackersoli.

Die Realität ficht einen Boss nicht an

Wie naiv muss man eigentlich sein, um Springsteens Schüttelreime für annähernd sozialkritisch zu halten? "Alter, weißte nicht, heute muss man für alles zahlen? Fies!" Und diese kruden Geschichten von Amerika, die er sich seit vierzig Jahren zusammenträumt: die ehrliche Arbeiterklasse, die von universellem Humanismus getriebene Nation, die bedingungslose Freiheit. Es ficht einen Boss nicht an, dass die Arbeiterklasse längst an Burgern erstickt ist oder zumindest heillos verarmt, dass die Nation nur noch militärisch auf dicke Hose macht, und dass sich die bedingungslose Freiheit bisweilen in Form eines pfundigen Schulmassakers manifestiert.

Aber Bruce Springsteen merkt nichts. Wieder und wieder kocht er sein Süppchen auf. Er ist ein bedingungsloser Sozialromantiker, die Rauhfasertapete unter den Stadionrockern – so verlässlich wie das alljährliche Dinner For One oder die State of the Union Address seines Buddies Barack Obama. Daran anschließen kann jeder, dessen Musikgeschmack nur ausreichend ruiniert ist. Und das sind viele. Die im Bibelschmalz getränkten Fahneneide sind simpel mitzuschwören. Gewerkschafter, Einwanderer, Demokraten, Volker Kauder, Tea-Party-Trottel, alle dürfen mitmachen, im Springsteen-T-Shirt (mit amerikanischer Flagge, klar) werden sie sich alle irgendwann im Nirvana treffen.

Es heißt, nach 9/11 habe er aufhören wollen zu singen. An einer Ampel habe ein Kerl ihm zugeraunt "Bruce, we need you now". Betört von solch pestiger Kumpelhaftigkeit nölt Bruce eben weiter. Eine schöne Geschichte, die das Ekelerregende an diesem Traum von Amerika illustriert: Selbstverständlich sind es nie die Amerikaner selbst, die verhindern, dass er Wirklichkeit wird. Und so ist Springsteen seit 2001 mehr als zuvor Trostspender, darf unentwegt die vom Raubtierkapitalismus, den bösen Arabern und dem internationalen Terrorismus, ja ganz allgemein vom Weltgeist geschundene amerikanische Seele streicheln.

Eine lange, erfolgreiche Karriere, sicherlich zwanzig Alben. Möge dem Boss bald mal einer an der Ampel zuraunen: "Hömma, Bruce. Lass gut sein!"