Leuchtend violette Bougainvillea, roter Hibiskus und hohe Bananenstauden, dahinter das Meer. In seinem Garten auf Sardinien, fernab des Konzertbetriebs, fand Claudio Abbado Zeit zur inneren Einkehr und zur Begegnung mit anderen. Oft zog er sich in die Natur zurück, um die Stille zu suchen, der er auch in der Musik nachlauschte.

Im Konzertsaal schätzte er besonders ein Publikum, das nach einem Werk wie etwa Gustav Mahlers Neunter Sinfonie, die im Pianissimo verebbt, vor dem Applaus gemeinsam mit dem Dirigenten innehielt. Interviews gab er nicht gern, und wenn er überhaupt in der Öffentlichkeit das Wort ergriff, dann meist, um sich in Italien für den Erhalt der Kultur in Krisenzeiten, für besseren Musikunterricht an Schulen und für den Schutz der Umwelt einzusetzen. Wer ihn persönlich kennenlernen durfte, erlebte aber auch einen ganz anderen Menschen, der wortreich, lebendig und mit feiner Ironie erzählen konnte.  

Schon als kleines Kind in Mailand fand Claudio Abbado zur Musik. Sein Vater war Geiger und unterrichtete am Konservatorium, seine Mutter spielte Klavier und schrieb Kinderbücher. Frühe Erinnerungen an Trios von Schubert, Brahms und Beethoven, die der Vater mit seinen Freunden aufführte, prägten seine Vorstellung von einem Zusammenmusizieren, das auf gegenseitigem Zuhören basierte. Dieses Ideal von Kammermusik, das ihm zur Grundlage des menschlichen Zusammenlebens überhaupt wurde, setzte er später auch als Chef großer Orchester um, an der Mailänder Scala, in London und Chicago oder bei den Wiener und Berliner Philharmonikern.

Meister des leisen Dialogs

In seinem Leben wollte Claudio Abbado nie Grenzen akzeptieren, weder geografische noch gedankliche. Er öffnete das traditionsreiche Mailänder Opernhaus Ende der sechziger Jahr für Studenten und Arbeiter, denen er auch durch Konzerte in Fabriken zeitgenössische Musik näher bringen wollte. An der Berliner Philharmonie verband er Konzerte mit Lesungen, Theaterstücken und Filmvorführungen, um in der Umbruchzeit nach dem Mauerfall ein neues Musikpublikum zu gewinnen und einen Dialog zwischen verschiedenen Kulturinstitutionen anzuregen.

Besonders eng war sein Verhältnis zu seinen Jugendorchestern oder anderen Neugründungen wie dem Mahler Chamber Orchestra, dem Lucerne Festival Orchestra und dem Orchestra Mozart in Bologna. Beobachter der Proben wurden Zeugen einer intensiven Kommunikation, die über Blicke und Gesten ablief und mit wenigen Worten auskam. Abbado war es stets ein Anliegen, so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Sein Orchestra Mozart brachte Musik nicht nur zu kranken Kindern in die Hospitale, sondern auch hinter Gefängnismauern: In seiner Wohnung in Bologna steht ein kleines Segelschiff, das ihm dankbare Häftlinge aus Streichhölzern gebastelt hatten.

Claudios Vision

Seine Musiker waren eine eingeschworene Gemeinschaft. Als vor Kurzem bekannt wurde, dass das Orchestra Mozart wegen der Streichung privater und öffentlicher Zuschüsse bis auf Weiteres alle Tätigkeiten einstellen musste, wurde hinter den Kulissen sofort nach einer Lösung gesucht. "Wir wollen das Orchester retten und Claudios Vision weiter in die Welt tragen", erklärten einige Musiker. Zu dem Zeitpunkt war ihr Mentor bereits sehr krank und konnte nicht mehr öffentlich auftreten.

Als er während seines letzten Konzerts im vergangenen August beim Lucerne Festival mit ergreifender Intensität Schuberts Unvollendete und die schon zum Jenseits hindeutende Neunte Sinfonie von Bruckner dirigierte, kündigte sich bereits ein Abschied an. Die Hoffnung, dass er wieder ans Pult zurückkehren würde, haben viele seiner Freunde und Anhänger bis zuletzt nicht aufgeben wollen.

Claudio Abbado war einer der herausragenden Dirigenten seiner Zeit, ein großer Erneuerer und Orchestergründer, der die europäische Musikkultur mit seinem Feinsinn nachhaltig geprägt hat. Im Alter von 80 Jahren ist er am 20. Januar in Bologna im Kreis seiner Familie gestorben.