Vielleicht ist es ja hier das Epizentrum eines Bebens, das die Subkulturen ganzer Stadtlandflussgebiete hinwegfegt. Vielleicht befindet sich das Auge eines Sturms, der das trübe Sein des Undergrounds unterm Schein glitzernder Massenevents begräbt, hinter dieser Hauswand. Sie steht zwischen zwei Institutionen der Reeperbahn und somit für vieles, was die Stadt so toll, so furchtbar macht. Zwischen zwei Häusern des Schmidt-Theater ragt die pinkweiße Fassade empor. Hamburger Gründerzeit, stolze Architektur. Doch statt des Etagenklubs Cocoon, der im umliegenden Aberwitz für etwas Off-Art gesorgt hatte, ist dahinter nun – nichts. Nur Wiese, Abfall, Ödnis. Wie in der frischen Baulücke am benachbarten Rockschuppen Docks, der vor allem Flatrate-Partys veranstaltet. Symbolischer geht’s kaum.

Denn Hamburg – die Pop- und Beatles-Stadt, die Rock-, Punk- und Schul-, die Brotedelayblumfeldzitronenschamonibegemann-Stadt der 1.000 "Läden, Schuppen, Kaschemmen", wie sie Christoph Twickels gleichnamiger Interviewband rühmt – dieses Hamburg ist mindestens hinfällig, zusehends hirntot, demnächst verblichen?

Es mag Zweckpessimismus sein, den subkulturellen Untergang am Elbestrand nur laut genug zu beklagen, damit er doch nicht erfolgt. Aber nun wurde gleich neben der trügerischen Hausattrappe ein weiterer Grabstein der lokalen Independentkultur gesetzt: Dort, wo das berühmte Molotow jungen Bands von My Bloody Valentine über die White Stripes bis zu The Hives eine erste Bühne bot, entsteht die nächste Edelimmobilie fürs ortsübliche Plastikentertainment. Kurz vor Weihnachten wurden die umkämpften Esso-Häuser wegen angeblicher Einsturzgefahr geräumt und das Molotow gleich mit. In einer Nacht- und Nebelaktion. Nach 25 Jahren.

Städte verändern sich stetig

Das könnte man so hinnehmen. Klubs kommen, Klubs gehen wie ihre Gäste, und bevor eine Band namens Metallica das Docks vor 20 Jahren den "verdammt besten Klub der Welt" nannte, befand sich darin das verdammt älteste Kino im Land. Städte sind Orte dauernder Veränderung. Wie Bodenversiegelung und Frühstau ist ihr Umbau ein urbanes Strukturmerkmal. Doch Hamburg macht keinen Wandel durch, "Hamburg ist hermetisch", wie es Tino Hanekamp ausdrückt. "Eine verkaufte Stadt, wo nichts Wildes mehr wachsen kann." Er muss es wissen.

Mitte des vorigen Jahrzehnts, als es noch Restluft, Raum und Mietpreise gab, um im Strasscollier der Massenbespaßung echte Perlen zu fischen, hat der Mittdreißiger Kiezinstitutionen wie das Uebel & Gefährlich eröffnet. Doch wo Hanekamp das elektroalternative Klubtriumvirat aus Phonodrome, Click und Echochamber noch ohne größeren Widerstand um die plüschig-illegale Weltbühne erweitern konnte, steht nun eine Privatklinik. Die Liste der ersatzlosen Streichungen ließe sich fortführen. Das Kir, in dem die Sisters of Mercy ihre Weltkarriere starteten: ein Wohnblock. Onkel Pö, wo der deutsche Jazzrock bis in die Achtziger Selbstbewusstsein tankte: Kettenrestaurant. Powerhouse, Spielfeld berühmter DJs: Luxushotel. Madhouse, das Disco-Denkmal in Citynähe: Edelkaufhaus. Hafenklang-Exil, Off-Art-Eldorado auf Zeit: Ikea. Und die nächsten auf der Abschussliste: Astrastube, Fundbureau, Hasenschaukel, selbst das gute alte Logo. Das Siechtum, wie Hanekamp es nennt, grassiert. Doch das größte Loch, meint Sven Herwig, "reißt das Molotow".

Die Mitte fällt weg

Und auch er muss es wissen. Wenn aufstrebende wie etablierte Bands mittlerer Kategorie einen Ort für 300 Gäste suchten, war der Klub erste Adresse. "Das fehlt jetzt", sagt Herwig in seiner Dependance des britischen Beggars-Labels, an dessen Wänden goldene Schallplatten von Adele zeigen, wie Indie funktioniert: Masse finanziert Klasse. Das war in Hamburg nicht anders, früher. Durch die Planierung mittelkleiner Hallen wie dem Molotow und mittelgroßer wie der Ernst-Merck-Halle fehlen jedoch Kapazitäten: Was bleibt in der Mitte – zwischen knapp über Punkrock im Störtebeker und deutlich unterm Stadionpop in der O2 World?

Einst war die Klubszene stolz, dass Blockbuster von Turner bis Cocker mangels Großhalle einen Bogen um Hamburg machten. Jetzt, sagt Hanekamp, gehen coole Band "notgedrungen nach Leipzig oder Berlin, weil es hier keine neuen Räume für Klubs mit experimentellerem Ansatz gibt". War Hamburg früher oft Pflichttermin, belegen viele Booker die Stadt heute nur, wenn sie günstig auf der Route liegt.