Er dirigierte Spitzenorchester in aller Welt und setzte sich früh für die Musikvermittlung an junge Menschen ein: Gerd Albrecht, langjähriger Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper, ist tot. Albrecht sei am Sonntag im Alter von 78 Jahren nach langer Krankheit in Berlin gestorben, teilte sein Büro mit.

Der 1935 in Essen geborene Musiker setzte sich sehr für zeitgenössische Musik ein. Nachdem er 1988 die musikalische Leitung der Hamburgischen Staatsoper übernahm, brachte er zusammen mit dem Intendanten Peter Ruzicka vielgelobte Neuproduktionen auf die Bühne. Dazu gehörten etwa Robert Wilsons Parsifal-Inszenierung, die Neuentdeckung von Franz Schrekers Schatzgräber und Uraufführungen etwa von Wolfgang Rihms Eroberung von Mexiko und Helmut Lachenmanns Das Mädchen mit den Schwefelhölzern.

Das Gespann Albrecht/Rudzicka verschaffte der Hamburgischen Staatsoper nach Meinung von Kritikern wieder einen internationalen Ruf. Die Welt bescheinigte der Arbeit der beiden Wagemut und intellektuellen Biss.

Spontan zum Chefdirigenten gewählt

Auf einer Japan-Tournee 1991 wurde Albrecht von den Mitgliedern der Tschechischen Philharmonie spontan zum Chefdirigenten gewählt. Die Entscheidung für einen Deutschen galt als politische Sensation. "Ihr seid doch wahnsinnig", soll Albrecht zu den Musikern nach der Wahl gesagt haben. Doch schon bald teilte sich das Orchester in Gegner und Befürworter Albrechts. Auch in den Medien war die Entscheidung umstritten. Dem Festkonzert der Philharmonie zum 100. Gründungsjubiläum blieben der damalige Präsident Václav Havel und Ministerpräsident Václav Klaus demonstrativ fern. 

Vor dem Hintergrund der Grabenkämpfe und der nationalistischen Töne entzog das Prager Kulturministerium Anfang 1996 Albrecht die künstlerische Kompetenz für das Orchester. Ende Januar gab der Dirigent seinen Rücktritt bekannt.  

Jüngster Generalmusikdirektor Deutschlands

Begonnen hatte Albrechts Karriere mit 22 Jahren als er den Dirigierwettbewerb in Besançon gewann. Mit 27 Jahren wurde er in Lübeck Deutschlands damals jüngster Generalmusikdirektor. Danach folgten Leitungspositionen in Kassel, an der Deutschen Oper Berlin sowie beim Tonhalle-Orchester Zürich. Von 1997 bis 2007 war er Chefdirigent des Yomiuri Nippon Symphony Orchestra in Tokio und leitete von 2000 bis 2004 zusätzlich das Dänische Radio-Sinfonieorchester Kopenhagen. Er dirigierte das Bundesjugendorchester und war bei Festivals, etwa in Salzburg, Luzern und Edinburgh, zu Gast.  

Die Musikvermittlung an Kinder und Jugendliche war für Albrecht eine Herzensangelegenheit. 1967 wurde er für seine Erklärkonzerte im Fernsehen mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. Albrecht dirigierte und moderierte zudem zahlreiche Fernsehfilme und CDs für Kinder und Jugendliche und schrieb Kinderbücher. 1989 gründete er die Hamburger Jugendmusikstiftung, die seither Nachwuchstalente fördert. Albrecht initiierte auch die Klingenden Museen in Hamburg und Berlin, die Kindern Musik nahebringen.