Johnny Cash 1985, kurz nach den Aufnahmen zu "Among The Stars" © Ron Keith/Sony

Johnny Cash und seine Frau June Carter Cash waren Sammler. Sie hoben alles auf, sagt ihr Sohn John, Bilder, Zeitungsausschnitte und Stapel über Stapel von Acht-Spur-Bändern. Elf Jahre nach dem Tod von Johnny Cash erscheint jetzt ein "neues" Album des Country-Helden: John Carter Cash hat in den Archiven Aufnahmen aus den achtziger Jahren gefunden, die er den Fans nicht vorenthalten will.

ZEIT ONLINE: Herr Carter Cash, warum braucht die Welt ein weiteres Johnny-Cash-Album?

Carter Cash: Wenn ich auf meinem Dachboden einen unbekannten Van Gogh finden würde, würden Sie mich wohl nicht fragen, ob die Welt den braucht.

ZEIT ONLINE: Nach dieser Logik müssten Sie alles veröffentlichen, was es gibt.

Carter Cash: Um Gottes willen, nein. Es liegen ganze Alben in den Archiven, die nie herauskommen werden. Allein aus den Sessions mit Rick Rubin für die American Recordings ließen sich noch mehrere Box Sets zusammenstellen – aber wozu? Wir werden Aufnahmen nur dann veröffentlichen, wenn sie etwas ausdrücken, das auf diese Weise noch nicht ausgedrückt wurde. Wenn sie durch ihre Schönheit hervorstechen. Wenn sie Bestand haben.

John Carter Cash © Rick Diamond/Getty Images

Die Aufnahmen für Out Among The Stars wurden zwischen 1981 und 1984 im Studio der Plattenfirma Columbia eingespielt und landeten im Tresor, als Columbia Cash 1986 hinauswarf. Offenbar bekam das Label Angst vor der eigenen Courage: Während die Country-Pop-Welle über Nashville rollte und andere Genre-Veteranen auf Crossover-Kurs gingen, brachte es Cash mit einem Traditionalisten des Country zusammen, dem Produzenten Billy Sherill. Die Aufnahmen wurden nie veröffentlicht.  

ZEIT ONLINE: Wodurch hat Out Among The Stars Bestand?

Carter Cash: Zum Beispiel haben meine Eltern nach langer Zeit wieder ein energiegeladenes Duett aufgenommen. Mein Vater war voller Leben. Er war mein bester Freund und so sehr in meine Mutter verliebt wie seit Jahren nicht.

Baby Ride Easy, das Duett, musste für das Album nachbearbeitet werden: June war damals zu weit weg vom Mikrofon. Ihre Tochter Carlene sang deshalb jetzt den Refrain neu ein. Es ist einer der herausragenden Songs auf dem Album, so wie I Drove Her Out Of My Mind, eine schwarzhumorige Suizidballade über einen Verlassenen, der im geklauten Cadillac über die Klippen rast, mit dreckiger Lache und selbstironischem Himmelstor-Chor. Call Your Mother ist ein vor Sarkasmus triefender Appell, die Geliebte solle ihre Eltern über das Scheitern der Beziehung informieren. I’m Moving On singt Cash im Duett mit Waylon Jennings, eine Vorahnung auf die Highwaymen, jene Kollaboration mit Jennings, Kris Kristofferson und Willie Nelson, die die schwächelnden Karrieren der vier Country-Outlaws nach 1985 wieder in Schwung brachte. Und Rock'n'Roll Shoes lässt die Zusammenarbeit mit Carl Perkins wieder aufleben. Einige Parts wurden für die Veröffentlichung ergänzt, zum Teil mit den Musikern von damals.


ZEIT ONLINE:
Sie waren ein Teenager, als die Aufnahmen entstanden. Wie erinnern Sie Ihren Vater zu dieser Zeit?

Carter Cash: Er wusste, wer er war. Er hat viel gelacht, viel Zeit mit Freunden verbracht, aber auch hart gearbeitet. Er war nach der Behandlung wegen seiner Schmerzmittel-Abhängigkeit voll auf der Höhe, fokussiert. Er schrieb an seinem Roman A Man In White und gab ein Konzert nach dem anderen. Aber Dad passte damals nicht in die Welt des Country. Er bekam nicht die Aufmerksamkeit, die er verdiente.