Da saß Franz Schubert also 1815 in Wien am Klavier und wollte schon aufgeben: "Wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen?" Aber es ging dann doch irgendwie: Wenn Beethoven die Schweinshaxe der Klassik ist, darf man Schubert wohl getrost als ehrwürdiges Wiener Schnitzel bezeichnen.

Einige Metzgergenerationen später stellte sich eine ähnliche Frage: "Was kann denn nach Lady Gagas Fleischkleid noch kommen?" Und wir haben das unbegreifliche Glück, die Antwort zu hören, noch bevor unsere Haxen das Gras von unten anschmachten.

Beim SXSW-Festival im texanischen Austin trat Lady Gaga auf einer Bühne auf, die von einem Chips-Hersteller gesponsert wurde – da verspürten bereits einige Beobachter ein Magengrimmen. Aber was dann da zu sehen war, legte zu den Koteletts vom MTV-Award 2010 noch ein Pfund drauf.

Lady Gaga saß am Schlagzeug in einer weißen Fleischerschürze und sang ihr Lied Swine, während neben ihr eine ebenso spärlich bekleidete junge Frau herumstakste, in den Händen eine Literflasche grünen Safts. Millie Brown, so ihr Name, trank beherzt und folgte dann ihrer Profession: Die selbst ernannte Kotzmalerin steckte sich zwei Finger in den Mund und erbrach das volle Grün auf Gagas Dekolleté. Schweinerei, passend zum Song.

Als würgereflexiver Jackson Pollock war Brown schon in den Musikvideos der Sängerin aufgetreten, jetzt also auf der Bühne. Und natürlich muss man sofort nach der Bedeutung einer solchen Performance fragen. Was wollen uns die Künstler damit sagen?

Nun wissen wir mittlerweile, dass Fleisch out und Gras in ist, fragen Sie mal in Berlin-Kreuzberg. Wir haben auch schon mitbekommen, dass Grünkohlsmoothies die neuen Grande-Decaf-Soy-Half-Fat-Latte-To-Go sind. Dass die Meinungsführer in New York und Los Angeles, welche Meinung sie auch immer haben mögen, sich allesamt grün trinken. Gemüsegrün – das ist übrigens auch die Komplementärfarbe zu Kotelettrot.

Wir sehen: Lady Gaga blickt dem Zeitgeist mal wieder tief in seine glasigen Augen, während sie ihm in die Weichteile haut. Wie hat es der Kollege Peter Richter einst so schön formuliert: "Erst die Umwälzung der Magengegend bringt die Umwälzung der Verhältnisse."

Gaga stülpt sich gerade selbst von innen nach außen und ruft eine Kunstrevolution aus: "Fuck you, pop music, this is art pop!", schreit sie gen Ende des Auftritts. Das hätte bestimmt auch Beethoven gefallen.