Schwer zu sagen, was deprimierender ist: Aberdeen nachts oder Aberdeen tagsüber. Fakt ist, dass auch das Tageslicht kaum schöne Seiten der Kleinstadt im äußersten Nordwesten der USA zum Vorschein bringt. Auch wenn ein blaues Straßenschild am Ortseingang wiederholt auf den Scenic View, die schöne Aussicht hinweist – schön ist der dreckige Black River keineswegs, der sich seinen Weg durch eine surreale Landschaft aus grauen Baumstümpfen und Qualmwolken bahnt.

Die alte Blütezeit als prosperierende Holzfällerstadt liegt lange zurück. Heute zählen das örtliche Gefängnis und ein großer Supermarkt zu den wichtigsten Arbeitgebern in Aberdeen. Straßenschilder weisen auf Seniorenrabatte im lokalen Ramschladen hin. Auffallend viele Häuser stehen zum Verkauf oder warten auf handwerklich begabte Mieter, während ihnen die Jahreszeiten und der für die Region übliche Regen immer mehr zusetzen. Die typisch amerikanischen, silberglänzenden Briefkästen sind hier rostbraun.

In Aberdeen hat der Grunge seine Wurzeln, die wütende, dreckige Mischung aus Punkrock und Metal. Hier wuchs Kurt Cobain auf, der Frontmann von Nirvana, deren Musik eine ganze Generation geprägt hat. "Aberdeen owns Grunge", Aberdeen gehört der Grunge, sagte der Cobain-Biograf Charles R. Cross kürzlich bei einer Lesung in der Aberdeen Timberland Library. Das Dumme ist, dass das nur wenige so sehen wie er.

Kurt Cobains Elternhaus in der East First Street 1210 in Aberdeen ©Stefanie Brockhausen

Die Stadt hat ihre Schwierigkeiten mit dem berühmten Sohn. Ein Straßenschild am Ortseingang mit dem Schriftzug "Come As You Are" wurde erst errichtet, nachdem drei Jugendliche darauf aufmerksam gemacht hatten, dass es keine Erinnerung an Kurt Cobain gebe. Das war 2005, elf Jahre nach seinem Tod. 2011 gab es eine lebhafte Debatte darüber, ob die Young Street Bridge umbenannt werden solle.

Hier, nur zwei Straßenblocks von seinem Elternhaus entfernt, hatte Cobain als Jugendlicher viel Zeit verbracht. Der Vorschlag wurde abgeschmettert. Ein drogenabhängiger Selbstmörder als Vorbild? Der sich noch dazu immer schlecht über seine Heimatstadt geäußert hatte? Die überschaubare Schar der Brückenbefürworter konnte immerhin durchsetzen, dass nun ein kleiner Park an Cobain erinnert.

"Die Leute kommen aus der ganzen Welt hierher", sagt Tori Kovach, der direkt neben dem "Kurt Cobain Landing" genannten Park wohnt. Der 71-Jährige freut sich darüber. Er findet, Aberdeen sollte mehr tun. Dass der Sänger selbst seinerzeit schnellstmöglich aus seiner Heimatstadt verschwinden wollte, stört ihn nicht. "Er hat Generationen mit seiner Musik beeinflusst. Und er kommt von hier! Das dürfen wir nicht ignorieren."

Ein junger Mann mit breiten Schultern und Holzfällerweste, der sich nur Groffey nennt, winkt dagegen ab: "Wen interessiert das denn noch? Das ist 20 Jahre her. Und es würde ohnehin nichts in Aberdeen ändern." Auch wenn Groffey damit die Mehrheitsmeinung widerspiegelt, setzt allmählich doch ein punktuelles Umdenken ein. Der Bürgermeister Bill Simpson hat den 20. Februar zum Kurt-Cobain-Tag erklärt, an diesem Tag hatte der Sänger Geburtstag. Jetzt, wo die Nachbarstadt Hoquiam ebenfalls einen Kurt-Cobain-Tag hat, muss man offenbar schon aus Prinzip mithalten. Schließlich hat Cobain in Hoquiam nur wenige Monate seines Lebens verbracht, in Aberdeen dagegen knapp 18 Jahre.

Ein paar Straßenblocks von Cobains Elternhaus entfernt, im Aberdeen Museum of History, ist dem Sänger neuerdings eine kleine Ecke gewidmet. Die Familie Shillinger, bei der er als Jugendlicher zeitweise lebte, hat die beigefarbene Couch zur Ausstellung beigesteuert, auf der er seinerzeit schlief. Eine Künstlerin aus dem Ort hat eine Betonstatue erschaffen, das ist der neueste Coup in Sachen Erinnerungskultur. Ganz bestimmt war die Statue gut gemeint, aber sie schmeichelt dem Original keineswegs. Mancher Betrachter kann gut verstehen, warum sie viele Jahre lang unangetastet im Atelier seiner Macherin stand und Staub ansetzte, bis sich das Museum schließlich erbarmte. Eine gewisse Ähnlichkeit zu Jesus ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen, und die Träne, die ihm die Wange herunterkullert, ist eine Spur zu viel an Kitsch. Die Museumsmitarbeiterin Sharon, eine kleine Mittsiebzigerin in rosa Pulli, zuckt mit den Schultern. "Er war Linkshänder, das jedenfalls passt. Aber die Proportionen... wenn die Statue stehen würde, wäre er fast drei Meter groß."

Sharon erzählt lieber von Camping-Ausflügen und drückt dem Besucher zum Abschied drei zusammengetackerte A4-Blätter in die Hand. Die sollen zu einem Spaziergang einladen und verzeichnen alle Ecken der Kleinstadt, in denen Cobain mal gelebt hat, wo er jemals verhaftet wurde, oder Graffiti gesprüht hat. Natürlich kann man im Museum auch CDs, T-Shirts und Bücher kaufen. Dass sich mit Kurt Cobain Geld verdienen lässt – diese Erkenntnis ist in Aberdeen jetzt angekommen.