ZEIT ONLINE: Mr. Pallett, Sie kommen gerade aus der Berliner David-Bowie-Ausstellung. Haben Sie eine persönliche Verbindung zu ihm?

Owen Pallett: Ich mag seine Musik wirklich sehr. Er bedeutet mir viel. Ich wurde schon gefragt, inwiefern wir uns ähneln. Und das kann ich nicht beantworten, ohne ihn anzugreifen. Er frisst Kultur und kackt Produkte. Wenn ich mir diese Ausstellung ansehe, denke ich: Dieser Mann ist ein Monsterkapitalist. Ich respektiere ihn, aber wir haben nichts miteinander zu tun. Brian Eno und John Cale sind mir da näher.

ZEIT ONLINE: Mit Brian Eno haben Sie auch an Ihrem neuen Album In Conflict gearbeitet. Wie war das?

Pallett: Gut. Er ist ein ganz normaler Typ. Er hat gesungen, Gitarre gespielt und mir die Songs gemailt. Das war's. In manchen Kreisen heißt es, er habe Synthesizer gespielt und die Platte produziert. Das stimmt nicht. Ich finde, als Sänger ist er am interessantesten.

ZEIT ONLINE: Sie haben einen sehr abgeklärten Blick auf andere Musiker.

Pallett: Ja, ich habe in den letzten zehn Jahren viele Erfahrungen gesammelt. Habe mit Arcade Fire gespielt, Radiohead-Konzerten zugesehen und viele Fans getroffen. Mittlerweile habe ich verstanden, dass Leute, die Geld für Musik ausgeben oder auch über Musik schreiben wollen, ein bisschen soziopathisch sein müssen. Die einen sind unfähig erkennen, dass es eine menschliche Person ist, die da Musik spielt. Die anderen müssen ihre eigenen Ideen auf diese Person projizieren. Es gibt Musiker, die das ausnutzen.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Pallett: Zum Beispiel Radiohead. Die Musiker lassen den Projektionen anderer Raum und verlieren ihre Persönlichkeit. Sie isolieren sich von den Medien und den Fans, sodass diese, wenn man so will, katholische Beziehung anhält. Ich finde das schrecklich. Denn ich mag Menschen, ich veröffentliche immer noch Posts in Foren, ich antworte auf Twitter, ich versuche, zugänglich zu sein. Und es macht mir Angst, wenn ich sehe, wie die Leute Musik konsumieren. Weil ich das Gefühl bekomme, dieser Job sei der falsche für mich. Vielleicht sollte ich Koch werden.


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Es wirkt viel mehr so, als verstünden Sie ganz genau, wovon Sie reden. Für die Website Slate.com nehmen Sie zum Beispiel Songs von Lady Gaga, Katy Perry und Daft Punk nach musikanalytischen Kriterien auseinander. Sollte so Musikjournalismus aussehen?

Pallett: Nein, im Gegenteil. Die Herangehensweise dieser Artikel ist utopisch. Das funktioniert so auch nur mit Popmusik, nicht mit Rap, Drone, Ambient, Noise, Dance, House. Das geht nur mit Musik, die man auf Harmonien herunterbrechen kann. Es macht Spaß, so über Musik zu sprechen, aber das kann nicht die Grundlage von Musikkritik sein. Man hört etwas, das einem nicht gefällt, und erklärt dann mit Musiktheorie, warum es einem nicht gefällt. Das bedeutet aber nicht, dass das Stück schlecht ist. Man spricht nur über die eigene Reaktion. Die Musiktheoriebesprechung ist eigentlich eine falsche Form an sich. Wenn man einmal so weit ist, dass man solche Artikel lesen und verstehen kann, käme man selbst allein durch Hören zum selben Schluss.