Ganz im Salonmodus: Jason Charles Beck, 42, alias Chilly Gonzales © Alexandre Isard

Die besten Witze sind immer die verbotenen. Chilly Gonzales macht sich lustig über etwas Todernstes: über Musik. Über die Frackträger, die sich Beethoven’sche Zornesfalten antrainieren. Über die Großkünstler, die sich selbst mit dem weißen Schal strangulieren. Über das ganze Getue, das den Klassikbetrieb am Leben hält.

Der kanadische Klavierspieler nennt sich selbst The Musical Genius und nutzt seine stets ausverkauften Konzerte, um den Nimbus des romantischen Originalgenies zu vernichten. Das Publikum liebt ihn dafür, dass er sich wie eine feixende Blue Note zwischen Klassik und Pop klemmt. Er macht Klaviermusik so breitentauglich wie zuletzt nur Richard Clayderman. Doch während jener mit dem Traumschiff bis zum jüngsten Tag die Rentnerkaribik durchsegelt, orientiert sich Gonzales lieber an der revolutionären Salonkultur im Paris des frühen 20. Jahrhunderts. Dazu passen seine Auftritte in Bademantel und Hausschuhen.

Diesmal nur mit Puschen als Accessoire, schließlich befinden wir uns in Berlins größtem Buchladen und der Eintritt ist frei. Meister Chilly Gonzales hat zur Masterclass in die Hauptstadt geladen. Die Leute stehen Schlange zwischen Kalendern und Taschenbüchern. Die Anfangvierzigerinnen, die nach der Arbeit gern ein bisschen klimpern. Die Väter mit ihren netten Musikschultöchtern. Die Autogrammjäger, die Hausmusiker, die Jutebeutel-Studenten, die dankbaren Bewunderer. 200 können dem Spektakel zusehen, etwa noch einmal so viele harren in Hörweite aus. 20 Klavierschüler haben sich beworben, drei dürfen heute mit ihm den Hocker teilen. Große Aufregung.

Klavierstunden? Jetzt erst recht!

Chilly Gonzales, als Jason Beck geboren, ist ein Kulturphänomen, das im Stillen wuchs. Vor zehn Jahren erschien sein Album Solo Piano, das einfache, ruhige Klavierminiaturen im Stil von Erik Satie in einen Popkontext stellte, in dem er selbst als Studiomusiker und Arrangeur aktiv ist. Der studierte Jazzpianist erreichte Hörer, die man zuvor noch nicht einmal mit Turnschuh-Gutscheinen in den Kammermusiksaal der Philharmonie hätte locken können. Doch Gonzales weckte den Bürger in ihnen. Klavierstunden? Jetzt erst recht! Der großen Nachfrage wegen brachte Gonzales auch bald Notenhefte mit seinen Stücken heraus. Viele seiner Fans kennen keinen besseren Pianisten und können sich auch keinen besseren Lehrer vorstellen. "Es geht mir darum, dass die Leute an Musik teilhaben, anstatt drauf zu warten, dass sie ihnen jemand serviert." Gonzales möchte Menschen infizieren, Musik sei die beste Droge überhaupt, sagt er in seiner Garderobe vor dem Auftritt. "Der perfekte Song ist drei Minuten lang und enthält ein oder zwei suchterzeugende Elemente. Das ist die Religion von Pop, das ist meine Religion." Er praktiziert sie allerdings etwas unorthodox. Weil er die Klangfarben und Elemente der klassischen Musik so mag, aber ihm die Struktur immer zu anstrengend war, bringt er sie in Popform.

Statt wie in der Klassik Exklusivität zu behaupten, öffnet sich Gonzales der DIY-Kultur. Er appelliert an den Amateur: All das ist keine Kunst, Du kannst das auch! Sein neues Notenbuch Re-Introduction Etudes tritt den Beweis an. Anfang Juni erschienen, war die erste Auflage von mehreren Tausend Exemplaren schon nach einer Woche vergriffen. In der Notenverlagsbranche ein unglaublicher Erfolg. Tatsächlich ist es ein sehr liebevoll gestaltetes Etüden-Buch. Gonzales schreitet darin ein paar Grundsteine der Musiktheorie ab; Kadenzen, Begleitmotive, Rhythmisierung, Melodieentwicklung für Anfänger und Wiedereinsteiger. Es ist gedacht für alle, die irgendwann den klassischen Klavierunterricht hingeschmissen haben und alle, denen die Finger kribbeln, wenn sie des Meisters Alben hören.

So ging es Ivan, 31. Er ist heute einer der drei Schüler und hat sich mit Gonzales’ Stücken das Klavierspiel selbst beigebracht. "Es war ein Mammutprojekt", sagt er stolz. "Ich habe 2006 von ihm gehört, 2007 ein Keyboard bekommen, so ein Plastikding. Und dann hab ich gemerkt, dass es mit dem Klavierspielen klappt, nach zwei Monaten saß das erste Lied. Ein Jahr später habe ich mir dann ein E-Piano gekauft. Chilly Gonzales ist der Musiker, der mir am meisten bedeutet." Jetzt sitzt er mit zitternden Fingern neben seinem Idol am Konzertflügel, spielt die ersten Takte von Gogol und fängt sich gleich ein Donnerwetter ein. "Auf keinen Fall ins Publikum schauen, wenn Du spielst", schimpft der Lehrer. "Das ist so, als wenn Du mit Deiner Frau zusammen bist, aber dem heißen Feger mit dem dicken Hintern hinterherglotzt. Das Klavier ist Deine Frau. Bleib bei ihr." Lautes Gelächter.

Konzentration auf die Musik ist Gonzales sehr wichtig. Er hasst Stehkonzerte und Open Airs, denn nur im Sitzen könne auch das Publikum aufmerksam zuhören. Bitte Ruhe, wenig Fotos, schon gar nicht mit Blitz. Da ist er nah an den Hustverächtern aus dem klassischen Konzertsaal, dessen habituelle Regeln er ja eigentlich hasst. Aber er vermittelt seine Bedürfnisse charmant und gewinnend. Es geht hier schließlich um Emotionen, und die muss man erst mal in sich finden.