Die besten Witze sind immer die verbotenen. Chilly Gonzales macht sich lustig über etwas Todernstes: über Musik. Über die Frackträger, die sich Beethoven’sche Zornesfalten antrainieren. Über die Großkünstler, die sich selbst mit dem weißen Schal strangulieren. Über das ganze Getue, das den Klassikbetrieb am Leben hält.

Der kanadische Klavierspieler nennt sich selbst The Musical Genius und nutzt seine stets ausverkauften Konzerte, um den Nimbus des romantischen Originalgenies zu vernichten. Das Publikum liebt ihn dafür, dass er sich wie eine feixende Blue Note zwischen Klassik und Pop klemmt. Er macht Klaviermusik so breitentauglich wie zuletzt nur Richard Clayderman. Doch während jener mit dem Traumschiff bis zum jüngsten Tag die Rentnerkaribik durchsegelt, orientiert sich Gonzales lieber an der revolutionären Salonkultur im Paris des frühen 20. Jahrhunderts. Dazu passen seine Auftritte in Bademantel und Hausschuhen.

Diesmal nur mit Puschen als Accessoire, schließlich befinden wir uns in Berlins größtem Buchladen und der Eintritt ist frei. Meister Chilly Gonzales hat zur Masterclass in die Hauptstadt geladen. Die Leute stehen Schlange zwischen Kalendern und Taschenbüchern. Die Anfangvierzigerinnen, die nach der Arbeit gern ein bisschen klimpern. Die Väter mit ihren netten Musikschultöchtern. Die Autogrammjäger, die Hausmusiker, die Jutebeutel-Studenten, die dankbaren Bewunderer. 200 können dem Spektakel zusehen, etwa noch einmal so viele harren in Hörweite aus. 20 Klavierschüler haben sich beworben, drei dürfen heute mit ihm den Hocker teilen. Große Aufregung.

Klavierstunden? Jetzt erst recht!

Chilly Gonzales, als Jason Beck geboren, ist ein Kulturphänomen, das im Stillen wuchs. Vor zehn Jahren erschien sein Album Solo Piano, das einfache, ruhige Klavierminiaturen im Stil von Erik Satie in einen Popkontext stellte, in dem er selbst als Studiomusiker und Arrangeur aktiv ist. Der studierte Jazzpianist erreichte Hörer, die man zuvor noch nicht einmal mit Turnschuh-Gutscheinen in den Kammermusiksaal der Philharmonie hätte locken können. Doch Gonzales weckte den Bürger in ihnen. Klavierstunden? Jetzt erst recht! Der großen Nachfrage wegen brachte Gonzales auch bald Notenhefte mit seinen Stücken heraus. Viele seiner Fans kennen keinen besseren Pianisten und können sich auch keinen besseren Lehrer vorstellen. "Es geht mir darum, dass die Leute an Musik teilhaben, anstatt drauf zu warten, dass sie ihnen jemand serviert." Gonzales möchte Menschen infizieren, Musik sei die beste Droge überhaupt, sagt er in seiner Garderobe vor dem Auftritt. "Der perfekte Song ist drei Minuten lang und enthält ein oder zwei suchterzeugende Elemente. Das ist die Religion von Pop, das ist meine Religion." Er praktiziert sie allerdings etwas unorthodox. Weil er die Klangfarben und Elemente der klassischen Musik so mag, aber ihm die Struktur immer zu anstrengend war, bringt er sie in Popform.

Statt wie in der Klassik Exklusivität zu behaupten, öffnet sich Gonzales der DIY-Kultur. Er appelliert an den Amateur: All das ist keine Kunst, Du kannst das auch! Sein neues Notenbuch Re-Introduction Etudes tritt den Beweis an. Anfang Juni erschienen, war die erste Auflage von mehreren Tausend Exemplaren schon nach einer Woche vergriffen. In der Notenverlagsbranche ein unglaublicher Erfolg. Tatsächlich ist es ein sehr liebevoll gestaltetes Etüden-Buch. Gonzales schreitet darin ein paar Grundsteine der Musiktheorie ab; Kadenzen, Begleitmotive, Rhythmisierung, Melodieentwicklung für Anfänger und Wiedereinsteiger. Es ist gedacht für alle, die irgendwann den klassischen Klavierunterricht hingeschmissen haben und alle, denen die Finger kribbeln, wenn sie des Meisters Alben hören.

So ging es Ivan, 31. Er ist heute einer der drei Schüler und hat sich mit Gonzales’ Stücken das Klavierspiel selbst beigebracht. "Es war ein Mammutprojekt", sagt er stolz. "Ich habe 2006 von ihm gehört, 2007 ein Keyboard bekommen, so ein Plastikding. Und dann hab ich gemerkt, dass es mit dem Klavierspielen klappt, nach zwei Monaten saß das erste Lied. Ein Jahr später habe ich mir dann ein E-Piano gekauft. Chilly Gonzales ist der Musiker, der mir am meisten bedeutet." Jetzt sitzt er mit zitternden Fingern neben seinem Idol am Konzertflügel, spielt die ersten Takte von Gogol und fängt sich gleich ein Donnerwetter ein. "Auf keinen Fall ins Publikum schauen, wenn Du spielst", schimpft der Lehrer. "Das ist so, als wenn Du mit Deiner Frau zusammen bist, aber dem heißen Feger mit dem dicken Hintern hinterherglotzt. Das Klavier ist Deine Frau. Bleib bei ihr." Lautes Gelächter.

Konzentration auf die Musik ist Gonzales sehr wichtig. Er hasst Stehkonzerte und Open Airs, denn nur im Sitzen könne auch das Publikum aufmerksam zuhören. Bitte Ruhe, wenig Fotos, schon gar nicht mit Blitz. Da ist er nah an den Hustverächtern aus dem klassischen Konzertsaal, dessen habituelle Regeln er ja eigentlich hasst. Aber er vermittelt seine Bedürfnisse charmant und gewinnend. Es geht hier schließlich um Emotionen, und die muss man erst mal in sich finden.

Musikalische und verbale Pointen

Chilly Gonzales mit seiner Meisterschülerin Xenia © Rabea Weihser

Genau das ist Xenias Problem. In Sibirien, wo sie aufwuchs, sei sie zehn Jahre lang ungern zum Klavierunterricht gegangen. "Ich habe es nicht geschafft, damals etwas Leben in die Musik einfließen zu lassen", sagt die 30-Jährige. Jetzt soll sie mit Gonzales vierhändig vom Blatt aus dem neuen Notenheft spielen. Es braucht ein paar Anläufe, viele Achtel, viele wechselnde Vorzeichen. "Du versaust immer das Ende, aber ich mag Dich trotzdem", sagt er. Im Schnellkurs versucht er, Xenia die Grundlagen einer espressiven Ökonomie beizubringen. Nie zu viel Gefühl reinbringen, es stecke ja schon alles in der Musik selbst, Stichwort Strawinskys Objektivismus. "Michael Caine zeigt auch immer nur ein Gesicht. Weil die Zuschauer längst wissen, was in ihm vorgeht."

Chilly Gonzales setzt seine Mittel sehr sparsam und effektvoll ein. Er weiß, wann man Pointen bringt, verbal und musikalisch. Seine erfrischend-respektlosen Anekdoten schöpfen wie seine Kompositionen aus dem popkulturellen Erfahrungsschatz der vergangenen 30 Jahre. Er versteht es, Nirvana, U2, Ol’ Dirty Bastard neben Mozart, Beethoven und Chopin zu stellen. Sicherlich, zwischen ihm und Brahms liegen Welten, aber der Kanadier hat sich bewusst für die kleine Form entschieden, die den großen Gesten keinen Platz lässt. "Die Miniatur entspricht einfach meiner Aufmerksamkeitsspanne. So bin ich geprägt, ich kann nicht anders." Er feiert die Reduktion der Klaviermusik und nimmt Unterkomplexität in Kauf.


Aber muss es denn immer die reine Kunst sein? "Die Anzahl derer, welche einen wirklichen Genuss beim Vortrage einer Beethovenschen Sonate haben, ist zum Erbarmen gering, und eitel Heuchelei ist es bei vielen, wenn sie vor Entzüke (sic) die Augen verdrehen." Das schrieb der Gesellschaftskritiker Emil Rocco 1881 in seinem Benimmbuch, als sich in den bürgerlichen Wohnzimmern gerade die sogenannte Salonmusik durchgesetzt hatte. Der Absatz an Klavierliteratur für die höheren Töchter und sittsamen Ehefrauen stieg Mitte des 19. Jahrhunderts rasant. Daheim ging es nicht um Kompositionen um ihrer selbst Willen, nicht um Struktur und Form, sondern um Erbauung und Empfindung. Am erfolgreichsten waren Stücke, die mit einfachen Mitteln große Effekte hervorriefen.

Es habe schon seinen Grund, dass er keine fremden Stücke interpretiere, sagt Gonzales. Er komponiere entsprechend seiner Spielfertigkeiten, deshalb hielten ihn die Leute für einen Virtuosen. "Vielleicht sind Woody Allens Filme auch nur so gut, weil er seine Rollen immer selbst schreibt." Neben ihm sitzt jetzt der 33-jährige Eric. Seine Mutter ist Klavierlehrerin, aber der Sohn interessierte sich irgendwann doch mehr für Fußball. Nach dem Studium war ihm langweilig, er hat sich ein E-Piano gekauft. Jetzt bastelt er in seiner Freizeit ein paar Beats und verdient sein Geld mit Onlinemarketing. Es ist nicht so viel anders als 1850: Das urbane Individuum findet heute beim Klavierspiel eben unter Kopfhörern Zerstreuung und Selbstzweck im wörtlichen Sinn. Gonzales schmeißt seinen Schüler ins kalte Wasser, sie improvisieren zusammen. Nach drei Minuten ist alles vorbei. "Vielleicht ein bisschen kurz, aber es geht hier nicht um mich bei der Show", sagt Eric hinterher. "Er ist einfach ein extrem guter Entertainer."

Ist das nun die neue E-Musik? Im Grunde war Musik schon immer "nur" Unterhaltung. Es obliegt ganz dem Zuhörer, ob er sich von ihr lieber geistig oder emotional anregen lassen will. Gonzales jedenfalls tanzt auf seinem Pfad zwischen Effekt und Affekt, Ernst und Albernheit, Versenkung und Verausgabung, Theorie und Praxis, Klassik und Pop. Je mehr ihm folgen, desto besser für alle. Der Salon ist geschlossen, es lebe die Salonmusik.