Seine außergewöhnliche Begabung erregte bereits Aufsehen, da war er noch ein Kind. Mit neun Jahren, bei der Weltausstellung in New York, dirigierte er erstmals öffentlich: In kurzen Hosen und mit einem Stab, so lang wie sein Arm. Offenbar war er so gut, dass sogar Toscanini, sonst nicht gerade für Mätzchen bekannt, den Jungen einlud, sein Orchester zu leiten.

Lorin Varencove Maazel, 1930 bei Paris geboren und in Los Angeles aufgewachsen, war vielleicht das letzte genialische Wunderkind der Musik, "eine wunderbare Mischung aus Musikalität, Phantasie und Gedächtnis", wie der italienische Dirigent Victor der Sabata sagte. Dieses Wunderkind aber verglühte nicht. In 70 Jahren auf dem Podium leitete er auf der ganzen Welt 200 Orchester in mehr als 7.000 Aufführungen. Was für eine Laufbahn.

Es hätte anders kommen können. Als Maazel zu alt geworden war, um noch als Wunderkind herumgereicht zu werden, konzentrierte er sich auf die Geige. Er gründete ein Streichquartett und spielte 1946 bis 1950 bei den zweiten Geigen des Pittsburgh Symphony Orchestra. Nebenbei studierte er an der Abendschule Philosophie, Sprachen und Mathematik. Eine Lungenentzündung verhinderte die Teilnahme an einem Geigenwettbewerb – einer von vielen Glücksfällen, wie er rückblickend sagte. Denn es führte ihn zurück ans Pult.

Von Kollegen und Musikern bewundert

Die Jahre als einfaches Orchestermitglied waren nicht vergebens. Sie halfen Maazel, eine Schlagtechnik zu entwickeln, die von Kollegen und Musikern gleichermaßen bewundert wird. Es gibt ja auch unter berühmten Kapellmeistern einige, deren Technik zu Wünschen übrig lässt. Maazels war in ihrer eleganten Präzision unnachahmlich. Allerfeinste Nuancen konnte er ans Orchester übergeben mit einer unerschöpflichen Fülle kleiner Gesten. Musiker schwärmten davon, wie sicher und aufgehoben sie sich unter seinem Dirigat fühlen. Maazels späteres Markenzeichen, die durchdringende, orchestrale Brillanz, die er jedem ihm anvertrauten Klangkörper zu entlocken vermochte, entspringt dieser Sicherheit. Die Musiker blühten auf.

Maazel ging zunächst nach Rom. Hier wusste niemand von seiner Vergangenheit als Wunderkind. Doch auch in Europa fiel er rasch auf: Schon 1955 dirigierte er an der Mailänder Scala, wenig später holte ihn Wieland Wagner nach Bayreuth. In einer Zeit, da in den USA alle wichtigen Orchester von Europäern geleitet wurden, war er der erste amerikanische Dirigent, dessen Laufbahn in Europa begann.

Maazel wurde Chef der Deutschen Oper Berlin (1965-71) und des Orchestre National de France (1977-82). Seinen Posten als Direktor der Wiener Staatsoper verließ er 1984 allerdings frühzeitig und im Streit. Er ging auf Tournee, produzierte Fernsehfilme, gastierte in Salzburg, leitete die Orchester in Pittsburgh und Cleveland, spielte mehrere Hundert Platten ein. Maazel, so schien es, war überall.

Er trieb der Oper und dem großsinfonischen Standardrepertoire den Schwulst aus: Unter seinem Stab hatte rhythmische Akkuratesse immer Vorrang – sie war das Fundament der strömenden Linien. An schlechten Tagen war das Ergebnis von frappierender Ambivalenz: Immer aufregend und virtuos, aber manchmal leicht unterkühlt.

Am Pult wirkte Maazel oft, als sei er unterfordert, fast blasiert wie ein Dandy. Kaum, dass er überhaupt mal einen Schritt oder eine Drehung machte. Und selbst wenn es furios brodelte im Orchester, konnte es vorkommen, dass er lässig eine Hand aufs Geländer legte. Diese Haltung war zwar seiner Konzentration geschuldet – Maazel dirigierte selbst monströse Partituren wie Strawinskys Sacre auswendig. Aber sie irritierte seine Kritiker.

Er galt als der Teuerste seiner Zunft

Angefeindet wurde er auch für seine hohen Gagen (Maazel galt als der Teuerste seiner Zunft) und öffentlichkeitswirksame Aktionen. In London schlug er sich 1988 an einem Tag durch sämtliche Beethoven-Sinfonien. "Ungeheuer vulgär" sei das, schimpfte einer der wenigen Musikkritiker, die nicht aus Protest fern geblieben waren. 1990 dirigierte er im ehemaligen Todesstreifen die zweite Sinfonie von Mahler – vor einem spontan aus Ost- und West-Musikern zusammengewürfelten Riesenapparat. Im weißen Dinnerjackett machte er dabei eine blendende Figur.

Ein eitler Maestro und Jetsetter, der sich für seine Hochbegabung fürstlich bezahlen lässt – dieses Image setzte sich fest. Weniger bekannt sind Maazels Wohltätigkeitsaktivitäten (er organisierte Classic Aid, das Pendant zu Bob Geldorfs Live Aid) und sein Engagement für den Nachwuchs. 2009 gründete er gemeinsam mit seiner dritten Frau, der deutschen Schauspielerin Dietlinde Turban, auf seinem Landsitz in Virginia das Castleton Festival für junge Künstler. Zur Finanzierung versteigerte er seine kostbare Guadagnini-Geige von 1783, auf der er seit seiner Jugend spielte.

Bis zuletzt war Maazel umtriebig und voller Energie, aber ein Weltumarmer wie Leonard Bernstein oder eine öffentliche, gar politische Figur wie Daniel Barenboim war er nie. Er verstand sich durchaus als Dienstleister am Werk, die Demutsgeste aber lag ihm auch nicht. Sein Auftreten strahlte vielmehr ein sehr weltliches Selbstbewusstsein aus. Maazel liebte seine Tätigkeit und alles was damit zu tun hatte – auch die Macht und das Prestige, wie er freimütig zugab.

Und doch zeigte er mehr Distanz als üblich. "Ich habe einen wunderbaren Beruf. Aber ich bin nicht besessen", sagte er einmal. "Alles Erzwungene ist mir zuwider. All diese psychologische, religiöse oder professionelle Besessenheit langweilt mich."

Luxuriöse Vertretungsposten

Maazels Künstlerpersönlichkeit war komplexer, als es den Anschein hatte. Das machte es manchmal schwer, ihn zu mögen. In jenen Momenten aber, da der Unnahbare die Selbstbeherrschung verlor, war zu erkennen, wie sehr er verehrt, vielleicht sogar geliebt werden wollte. Vom Publikum. Aber eben auch: von den Musikern.

Als die Berliner Philharmoniker 1989 nicht ihn zum Karajan-Nachfolger bestimmten, sondern überraschend Claudio Abbado (ein Antipode in vieler Hinsicht), zeigte sich der Maestro tief getroffen. Patzig strich er alle Termine mit dem Orchester.

Danach wollte Maazel keine Posten mehr annehmen, sondern sich Zeit nehmen fürs Komponieren. Sein ehrgeizigstes Werk, die Oper 1984, wurde 2005 in London uraufgeführt. Aber wenn ihn der Ruf eines Spitzenorchesters ereilte, konnte Maazel einfach nicht Nein sagen. Zu seinen letzten Stationen kam er als luxuriöse Zwischenlösung: einer, der das Niveau hochhalten und das Repertoire erweitern konnte, bis ein jüngerer Wunschkandidat gefunden war. So war es in New York und zuletzt auch bei den Münchner Philharmonikern. Lorin Maazel gefiel das. Er genoss die Freiheit. "Ich will vom Leben noch etwas haben", sagte er. "Ich bin wohl ein später Ausbrecher aus meinem Beruf." Manche sagen, erst in diesen späten Jahren habe das Wunderkind seine besten Konzerte gegeben. 

Am 13. Juli verstarb Lorin Maazel, Vater von sieben Kindern, in Castleton Farms an den Folgen einer Lungenentzündung.