Johnny Winter ist tot. Am 16. Juli 2014 starb der Meistergitarrist des Blues, in Zürich, natürlich auf Tour. Sehr traurig ist diese Nachricht, doch nicht gänzlich überraschend. Er war ein zerbrechlicher Mensch. Fast nimmt es wunder, dass er seinem Körper 70 Jahre abgewann.

Johnny Winter lebte zwei musikalische Existenzen. 1968 veröffentlichte der Rolling Stone einen Rock-Report über Texas. Darin erschien "ein hundertdreißigpfündiger schielender Albino mit langem fließendem Haar, der so ziemlich die flüssigste Gitarre spielt, die man jemals gehört hat". Die rockstarsüchtige Musikindustrie schlug zu und baute Winter zur Ikone auf. Freilich bezeugte schon seine erste LP, dass der nahezu blinde Sohn eines Baumwoll-Plantagenbesitzers sich vornehmlich für Blues interessierte. Doch Winter füllte Hallen und Stadien, spielte 1969 beim Woodstock-Festival und belud, assistiert von seinem Gitarrenkumpel Rick Derringer, packende Platten mit Highspeed-Gitarre und effektvoll gekreischten Songs: Raised on Rock, Mind Over Matter, Rock And Roll Hoochie Koo

Der Absturz kam zum Ende der siebziger Jahre. Der Bluesrock wurde vom Thron der Popmusik gestoßen. Fortan ergab sich Winter seiner Herzenskunst. Mit Muddy Waters, dem Father of Blues, produzierte er vier Alben. Drei eigene schuf er für das Chicagoer Label Alligator, mit schwarzen Begleitern, die ihn völlig akzeptierten. Optisch freilich existierte auf Erden kein weißerer Musiker als Johnny Winter, ausgenommen sein jüngerer Bruder Edgar, dessen ekstatisches Live-Doppelalbum Roadwork die Winters bereits 1972 zusammengeführt hatte. Together tat das 1976 ein weiteres Mal.

1991 und 1992 veröffentlichte Johnny Winter Let Me In und Hey, Where's Your Brother?, zwei superbe Scheiben auf dem Virgin-Sublabel Pointblank. Dann wurden die Dinge schwierig. Winters langjähriger Drogenkonsum beschädigte die Virtuosität seines Spiels. Zudem geriet er an ein fatales Management.

Seine verblüffend dünne, glatte Hand

Ich habe Johnny Winter in guten und schlechteren Zeiten erlebt. Zweimal konnte ich ihn sprechen. Anfang der neunziger Jahre erzählte er von seiner Enttäuschung, dass Stevie Ray Vaughan, der texanische Held des Blues-Revivals, ihn niemals als Einfluss genannt habe. Aber Vaughan war tot; er starb 1990 in einem Hubschrauber, der eigentlich Eric Clapton befördern sollte. Das zweite Gespräch datiert vom Mai 2011. Winter hatte in Japan konzertiert, erstmals in seinem Leben. Er reichte mir seine verblüffend dünne, glatte Hand. Er schwärmte von Tokio, er zeigte sein neues Tattoo. Mit uns saß in Winters kleinem Bus Paul Nelson, sein neuer Manager und zweiter Gitarrist. Nelson wirkte um Winter geradezu mütterlich besorgt, auch im Konzert. Er füllte den Sound mit Volumen und verdichtete Winters Spiel. Johnny, der einstige Notenhäcksler, schien in Maßen erholt.

Letztmalig sah ich Johnny Winter im November 2012. In Neuruppin rummelte der Martinimarkt, mit Autoscooter, Suff und Riesenrad. Brandenburger Hippies und weiter gereiste Mattenträger fanden Asyl im bockwurstcharmigen Stadtgarten. Dort tappte unser Held auf die Kulturhaus-Bühne, nahm Platz und machte den geliebten Lärm, von Blackjack bis Dust My Broom. Zum Finale ließ er sich die gewaltige Gibson-Firebird-Gitarre reichen und fackelte Bob Dylans Highway 61 Revisited ab. Ich dachte: Wie lange noch? Nun wissen wir es.

2011 hatte ich Winter gefragt, was ihm Blues bedeute – die Kunst der Traurigkeit? "No", sagte Johnny, "it makes me happy. Wenn ich Blues spiele, geht es mir gut."
Wie uns, beim Hören. Das bleibt.