ZEIT ONLINE: Sie werfen der zeitgenössischen Popmusik vor, formal nichts Neues hervorzubringen. Mit dem Vorwurf sind Sie nicht allein. Steht es wirklich so schlecht um den Pop?

Mark Fisher: Ich würde sagen ja. Dazu ein Gedankenexperiment: Wenn man eine Zeitreise ins Jahr 1994 unternähme und ein paar Leuten ein beliebiges Popstück aus dem Jahr 2014 vorspielen würde – es würde keine Irritation auslösen, keinen Zukunftsschock. Höchstens würden sie fragen: "Was, in 20 Jahren klingt Popmusik immer noch so?" Spielte man hingegen jemandem in den siebziger Jahren Rave aus den Neunzigern vor, er wäre wohl ziemlich überwältigt vom Eindruck des Neuen bei dieser Musik.

ZEIT ONLINE: Was hören Sie denn zurzeit?

Fisher: Die Produktionen des Londoner Labels Blackest Ever Black zum Beispiel und das Mplex-Album vom vergangenen Jahr. Es gibt ja immer noch eine Menge interessanter Musik, aber der Punkt ist: Nichts davon gehört notwendigerweise ins Jahr 2014.

ZEIT ONLINE: Können Sie Beispiele nennen von aktuellen Bands, die besonders rückwärtsgewandt sind?

Fisher: Retro ist längst allgegenwärtig, das betrifft nicht nur einzelne Bands. Mir selbst wurde das unter anderem anhand der Arctic Monkeys klar. Als ich die zum ersten Mal im Radio hörte, dachte ich, sie wären eine Postpunk-Band aus den Achtzigern, die ich noch nicht kannte.

ZEIT ONLINE: Aber Retromusik hat es doch immer gegeben.

Fisher: Das stimmt. Aber in den vergangenen Jahren ist Retro zum beherrschenden Modus der popkulturellen Produktion geworden. Wir haben uns derart daran gewöhnt, dass es uns gar nicht mehr auffällt. Die Rolling Stones könnten dieses Jahr Headliner auf dem Glastonbury-Festival sein und niemand würde sich daran stören – vor 20 Jahren wäre das undenkbar gewesen. Wir erwarten heute gar nichts Neues mehr.

ZEIT ONLINE: Das klingt ein wenig nach: Früher war alles besser.

Fisher: Es geht mir nicht darum, eine vergangene Epoche zu idealisieren. Ich möchte nur zeigen, dass es praktisch das ganze 20. Jahrhundert hindurch Entwürfe einer Zukunft gab, die radikal anders war als die jeweilige Gegenwart. Auf das 21. Jahrhundert scheint das nicht mehr zuzutreffen. Die Zukunft spielt keine Rolle mehr.

ZEIT ONLINE: Was ist so schlimm daran, wenn es nichts Neues mehr gibt?

Fisher: Der Retromodus ist ein wichtiger Bestandteil dessen, was ich kapitalistischer Realismus genannt habe. Darunter verstehe ich die allgegenwärtige Auffassung, dass es keine Alternative zum Kapitalismus gibt. Wie Fredric Jameson gesagt hat, fällt es uns heute ja leichter, uns das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus. Ohne die Vorstellung von einer radikal anderen Zukunft wird es aber kaum möglich sein, den herrschenden Konservatismus zu überwinden, weder auf politischer noch auf kultureller Ebene.

ZEIT ONLINE: Gibt es noch andere Gründe für die Dominanz von Retromodus und kapitalistischem Realismus? Materielle zum Beispiel?

Fisher: Wenn man eine ganz einfache Erklärung für den kulturellen Konservatismus sucht, zumindest in Großbritannien, dann sind es die hohen Mieten und Hypotheken, vor allem in London. Sie zu bezahlen, verschlingt viel Energie. Dadurch gibt es fast keine Zeitlücken mehr, in denen man nicht unter Druck steht, Geld zu verdienen. Es bleibt keine Zeit mehr dafür, sich in eine Sache zu vertiefen.

ZEIT ONLINE: Und das ist so wichtig, um Neues zu produzieren?

Fisher: Ja, und es gibt so viele Dimensionen der gegenwärtigen Kultur, die diese vertiefte Auseinandersetzung verhindern. Vor allem natürlich das Internet mit seinen kurzen Aufmerksamkeitsspannen. Was noch hinzukommt, ist die gestiegene ökonomische Unsicherheit. Ich denke, der neoliberale Mythos, dass höhere Unsicherheit die Kreativität steigert, ist widerlegt. Bestimmte Formen der Sicherheit sind nötig, um neue, experimentelle Formen kultureller Produktion hervorzubringen.

"Der Sinn für unsere gebrochene Zeit"

ZEIT ONLINE: Die Situation, die Sie beschreiben, ist nicht auf Großbritannien beschränkt.

Fisher: Nein, es scheint hier nur extremer zu sein als in anderen europäischen Ländern. In Berlin gibt es immer noch mehr Zeit ohne Druck als in London, deswegen sind auch so viele britische Künstler nach Berlin abgewandert. Aber diese Unterschiede verschwinden langsam.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie denn kulturelle oder künstlerische Gegentrends zu Retro und kapitalistischem Realismus?

Fisher: Nicht wirklich. Ich glaube, das Beste, was wir zurzeit tun können, ist, die kulturelle Krise zu benennen. Wir können nicht einfach aus der gegenwärtigen Situation heraustreten und etwas Neues produzieren. Es ist ja nicht einfach so, dass niemand mehr etwas Neues schaffen will. Es sind vielmehr tiefsitzende kulturelle Bedingungen, die das verhindern.

ZEIT ONLINE: Was ist mit der hauntologischen Musik, über die Sie in den vergangenen Jahren viel geschrieben haben, also elektronische Musik von Künstlern wie Burial und The Caretaker?

Fisher: Was diese Künstler verbindet, ist der Sinn für unsere gebrochene Zeit, für den Verlust von Zukunft und Historizität. Unabhängig voneinander haben sie angefangen, sich mit Phänomenen wie Gedächtnis und Gedächtnisstörung zu beschäftigen. Ein besonderes Stilmittel ihrer Musik ist das Geknister, das beim Abspielen von Vinylplatten entsteht.

ZEIT ONLINE: Das anachronistische Moment wird bewusst ausgestellt.

Fisher: Genau. Als ich Burials Musik zum ersten Mal gehört habe, kam es mir vor, als würde ich durch den Londoner Rave-Untergrund der Neunziger laufen. Aber gleichzeitig vermittelt die Musik auch das Gefühl, dass Rave heute nicht mehr möglich wäre. Es ist wie durch Räume zu gehen, in denen früher Raves stattfanden und die heute brach liegen. Diese Melancholie und die Sehnsucht nach einer Zukunft sind charakteristisch für hauntologische Musik.

ZEIT ONLINE: Hauntology ist also ein Gegentrend zu Retro?

Fisher: Ja, aber er löst das Problem nicht. Hauntology führt die zeitliche Pathologie vor Augen, kann aber nicht selbst eine Zukunft hervorbringen.

ZEIT ONLINE: Erleben wir zurzeit vielleicht so etwas wie eine Übergangszeit?

Fisher: Historische Perioden sind ja erst im Nachhinein wirklich fassbar. Aber ja, ich denke, wir werden uns an die heutige Zeit einmal erinnern wie wir heute an die 1950er Jahre denken, an diese lange trostlose Wüste, in der alle darauf warteten, dass etwas Neues passiert. Auf ähnliche Weise warten wir heute auf den Bruch, auf die Ankunft des Neuen. Und ich hoffe, es dauert nicht mehr so lang.

ZEIT ONLINE: Popmusik hat ja eine entscheidende Rolle in der kulturellen Revolution der 1960er Jahre gespielt. Wird sie bei der nächsten kulturellen Revolution auch noch eine Rolle spielen?

Fisher: Es gibt viele Anzeichen dafür, dass Popmusik ihre zentrale kulturelle Rolle verloren hat. Dass sie nicht mehr so wichtig ist und nie mehr so wichtig werden wird, wie sie war. Verschwinden wird sie aber nicht, da bin ich mir sicher.