Von allen Aufnahmen, den schönen, schmerzhaften und legendären Einspielungen von Charlie Haden mit Ornette Coleman, Keith Jarrett oder Pat Metheney, mit seinem eigenen Quartet West und dem Liberation Music Orchestra, ist keine so bewegend wie der Auftritt der Haden-Familie in der David Letterman Show 2008 kurz nach der Veröffentlichung des Albums Rambling Boy.

Charlie Haden, bereits vom Tinnitus stark geschwächt, steht im Hintergrund. Vor sich das dunkel schimmernde Holz seines französischen Basses von 1840, tief und dunkel gestrichen.  Und seine Kinder. Seine Drillingstöchter spielen Cello und Geige, Freunde sind dabei und sein Sohn Josh Haden singt ein Spiritual. Es ist wie ein Vermächtnis.

Ein Vermächtnis, das einen Bogen schlägt. Von New York weit zurück in die Ozark-Berge und die Appalachen, in die dreißiger Jahre im Mittleren Westen und die Radio-Show der Haden-Family mit Hillbilly, Mountain Music und Spirituals. Charlie Haden, der damals als Cowboy Charlie bereits im Alter von 22 Monaten mit seiner sanften Kinderstimme die Hörer verzaubert, erkrankt 14-jährig an Polio und Lähmung der Stimmbänder und des Kehlkopfs und muss den Gesang aufgeben. Er beginnt zuerst einen typischen Country-Bass zu spielen, auch als Haus-Bassist der damaligen Fernsehshow Ozark Jubilee

Bis er eines Abends Anfang der fünfziger Jahre Charlie Parker bei einem Konzert der Reihe Jazz at the Philharmonic in Omaha hört und daraufhin diese für ihn neue Musik erlernen möchte. Erst 1957 ist es soweit. Der 20-jährige Charlie Haden schlägt sich mit seinem Ersparten nach Los Angeles durch, um am Westlake College zu studieren. Bei den sonntäglichen Jam Sessions im Hillcrest Club lernt er den Trompeter Don Cherry kennen und später den Altsaxofonisten Ornette Coleman, der nebenbei als Fahrstuhlführer arbeitet.

Charlie Haden ist sofort fasziniert von der unakademischen und vollkommen freien Musik, die jedoch lautstarke Abneigung unter den Zuhörern erzeugt und in deren Zusammenhang es zu wüsten Beschimpfungen und Schlägereien kommt, bei denen auch Ornette Colemans Saxofon zerbricht. So machen sich die Musiker auf nach New York und erregen dort sofort Aufsehen durch ihre Aufnahme The Shape of Jazz to Come mit der gebrochenen Schönheit der Komposition Lonely Woman und ihren Konzerten im New Yorker Five Spot Club.

Doch es ist schwer, mit dieser kompromisslosen eruptiven Musik zu überleben. Charlie Haden muss mehrmals in den Drogenentzug. Mit Keith Jarrett erschließt er die neue Folkbewegung für den Jazz, darunter Songs des jungen Bob Dylan. Hadens reduziertes Spiel erinnert an die Eisbergtheorie Hemmingways, das darunterliegende nur anzudeuten und nie zu erklären. Akkorde werden nicht gespielt, sondern impliziert, die Art Brut des Jazz.  Technisch unspektakulär werden komplexe musikalische Situationen in wenigen gezielt platzierten Tönen aufgelöst.

Revolutionsmusik mit dem Liberation Music Orchestra

Zunehmend politisiert und wütend über die Politik Amerikas der Minderheitendiskriminierung und des Vietnamkriegs, gründet Charlie Haden 1969 gemeinsam mit der Pianistin Carla Bley das Liberation Music Orchestra, das sich auf revolutionäre Freiheitshymnen verschiedener Länder und Epochen konzentriert. Mit einem Kollektiv aus 13 Musikern verwendet Haden hier zum ersten Mal seine Collagetechnik und überblendet die Musik mit Originalaufnahmen der Freiheitslieder.

Als das LMO Anfang der siebziger Jahre in Portugal auftritt, widmet er die Komposition Song For Che den Befreiungsbewegungen von Mosambik und Angola, woraufhin er festgenommen und das Konzert abgebrochen wird. Doch nur bei dringenden Aufgaben wird das LMO zusammengerufen. Während republikanischer Regierungen und zuletzt 2005 während der letzten Bush-Regierung mit dem Album Not In Our Name.

Nach der Rückkehr nach Los Angeles gründet Haden Mitte der achtziger Jahre das Quartett West mit Filmmusik der vierziger Jahre Hollywoods. Immer öfter zwingt ihn sein zunehmender Tinnitus bei Auftritten zu speziellen Ohrstöpseln und Stellwänden aus Plexiglas. Seinen größten kommerziellen Erfolg erzielt er mit der Duo-Aufnahme Beyond the Missouri Sky mit Pat Metheney 1997, einer ruhigen Hommage an die Musik seiner Kindheit.

Vorbild für Iggy Pop und Soft-Machine

Auch Iggy Pop und Soft-Machine-Sänger Robert Wyatt beziehen sich auf Haden. Der englische Sänger Ian Dury entwickelt das Thema von Sex and Drugs and Rock and Roll über Charlie Hadens Solo auf Ramblin´ einer Aufnahme der Ornette-Coleman-LP Change of the Century, schwebend auf der immer unverändert tief gehaltenen Tonlinie dieses Jahrhundertbassisten, dem Grammys und andere Auszeichnungen nur wenig bedeuteten.

In einem seiner letzten Interviews im Jahr 2009 wird er trotz seiner sanften leisen Stimme plötzlich eindringlich. Jeder, so betont er, trage von Beginn an die Geschichte des Universums in sich. Wenn wir improvisieren, berühren wir diese tiefen Orte in uns. Wenn ich spiele, möchte ich das Holz des Basses klingen hören. Ich möchte klingen wie ein Regenwald.

Zuletzt bereitet ihm ab 2010 ein unerwarteter Polio-Rückfall immer stärkere Schwierigkeiten beim Atmen und er zieht sich vollständig zurück. Am 11. Juli 2014 stirbt Charles Edward Haden mit 76 Jahren im Kreis seiner Familie in Los Angeles.