Die Wirklichkeit und wie man sie zusammensetzt: Richard D. James, geboren 1971, ist Aphex Twin. © Warp/Rough Trade

Das wichtigste Rezept zum mythenumrankten Künstlerdasein lautet: Halte das Gefolge bei Laune, aber halte es auch auf Distanz. Richard D. James aus Cornwall in England, der als Aphex Twin die bedeutendste elektronische Musik der vergangenen 25 Jahre veröffentlicht hat, gehört in dieser Disziplin zu den Besten. Unregelmäßig versetzt er sein Publikum mit kleineren Neuigkeiten in Aufregung. Dann gibt er mal wieder ein Interview und bringt großes Erstaunen über die Hobbydetektive unter seinen Fans zum Ausdruck. Was wollen die nur von ihm, dem unbedeutenden Knöpfchendreher?

Rund um Syro, das erste Album von Aphex Twin seit 13 Jahren, hat James eine Ankündigungs- und Hinhalte-Kampagne ersonnen, die seine Meisterschaft in Sachen Selbstinszenierung dokumentiert. Erst stand über London ein Zeppelin in der Luft, bedruckt nur mit dem Aphex-Twin-Logo. Als nächstes tweetete James einen Link, der geneigte Computernutzer direkt ins Deep Web führte. Unter der Oberfläche des Netzes für Normalsterbliche, dort wo sich Hacker, Dealer, Auftragskiller und Spione gute Nacht sagen, wurde die Existenz von Syro in kryptischen Ausführungen bestätigt. Dann gab es, einfach so, den ersten Track.

Minipops 67 [120.2] [Source Field Mix] vollführt das Kunststück, beinahe alle Schaffensphasen von Aphex Twin in einem fünfminütigen Stück unterzubringen und gleichzeitig in eine neue Richtung zu weisen. Man hört die Erweiterungen des Ambient-Vokabulars, mit denen James zu Beginn der neunziger Jahre auf der Bildfläche erschienen war, Spielchen mit verfremdeten Sprech- und Gesangsstimmen, zerbröselnde Beats und tausend andere Geräusche, die es nie zuvor in einem Stück Musik gegeben hat.


Es steckt jedoch auch eine Sanftheit in Minipops 67, die Aphex Twin bisher fast gänzlich abging. James hatte immer ein Ohr für Melodie-Belohnungen, aber nie zuvor hat der Mann, der sich vor allem in den Neunzigern gern als Unmensch-Maschine mit verzerrter Fratze inszenierte, die Ecken seiner Kompositionen so liebevoll abgerundet und die Texturen der Beats in höherer Auflösung ausgestaltet. Syro gibt sich entspannt, als wolle es die Bedeutung des Moments allein durch seinen Sound unterlaufen. Könnte so ein elektronisches Alterswerk klingen?

James war nach dem unergründlichen Doppelalbum Drukqs (2001) recht plötzlich und beinahe vollständig verstummt. Gelegentlich widmete er sich Nebenprojekten und legte unangekündigt Platten auf. Während Künstler wie Radiohead, Skrillex und James Blake seine Errungenschaften weiter in den Mainstream hineintrugen, als es ihm selbst je gelungen war, wuchs der Mythos um Aphex Twin mit jedem Tag, der ohne neue Musik verging.

Neue Transparenz auf "Syro"

2011 und 2012 bespielte er plötzlich eine Handvoll größerer Festivals. Anfang dieses Jahres tauchte außerdem ein unveröffentlichtes Album auf, das er 1994 unter dem Pseudonym Caustic Window komponiert hatte. Nur fünf physische Exemplare sollen davon existieren. Die Fans legten per Kickstarter-Kampagne zusammen, kauften eines der Exemplare für knapp 50.000 Dollar und machten Caustic Window einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Ein seltener Sieg für die Hobbydetektive. Selbst Richard James war gerührt.

Dieser Umstand führt zu Syro und der zweiten Regel eines mythenumrankten Künstlerdaseins: Tu immer das Gegenteil dessen, was du eigentlich erreichen willst. Anstatt als J.D. Salinger der elektronischen Musik den Rückzug anzutreten, läutete James eine Phase der Transparenz ein. Auf dem Cover seines neuen Albums werden im Buchhalter-Stil alle entstandenen Kosten summiert. Das Artwork enthält eine Auflistung der 138 Synthesizer, Sampler und sonstigen Werkzeuge, die während der Arbeit zum Einsatz kamen. Warum Syro überhaupt veröffentlicht wird, hat James auch verraten: Er hat viel teures Equipment gekauft in den vergangenen Jahren, außerdem gab es eine Scheidung zu bezahlen.