Die Körpersäfte, ja. Und die Unterhosen. Oder die Koffer, um Himmels willen, die Koffer! Wird aufs Dritte Reich angespielt, sind es die abgewetzten Koffer der Deportierten. Gilt die Referenz der Coffee-to-go-Generation, zieht der Fliegende Holländer eben einen Rollkoffer hinter sich her. Und wie viele Nackte, Blutende, SS-Offiziere und Putzfrauen hat man nicht schon gesehen auf der Opernbühne! Schrecklich, oder? Wo doch Mozart an ein Schloss dachte und Wagner an ein Segelschiff! Wer selten in die Oper geht, weiß anscheinend umso besser, was Regietheater ist. Jedem fällt ein Beispiel ein, wenigen ein Hintergrund.

Und alle paar Jahre haut den Nostalgikern, die seit 1976 (Chereaus Ring!) das Abendland untergehen sehen, ein Intellektueller bestätigend die Faust zwischen die Gralskelche: Recht habt ihr! Die Regisseure schänden Texte und Töne, das Publikum wird zur Staffage – so wettert man gegen das, was in London als "Euro-Trash" gilt. Besonders heftig hat jetzt der Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken in der Neuen Zürcher Zeitung zugeschlagen. Er erinnert an das Bayreuth von 1943, als durch Aufmarschieren einer echten SS-Standarte auf der Bühne der Meistersinger dieses Werk missbraucht worden sei.

Und er sieht in jener Skrupellosigkeit "keinen grundsätzlichen Unterschied" zur Installation, in der Sebastian Baumgarten 2011 den Tannhäuser zerlegte stellvertretend genannt für die "Oper der Beliebigkeiten", gegen die der 50-jährige Renaissanceexperte Lütteken, bis an die Zähne bewaffnet mit Exempeln für "Auswüchse", zu Felde zieht. Damit ist nun allerdings ein Niveau erreicht, auf dem die Keule die Diskussion ersetzt und auch die Kenntnis dessen, von dem die Rede ist. Regietheater, eine destruktive Ideologie? Denunziert wird damit ein ganzes Metier, das sich etabliert hat wie vor 150 Jahren das des Dirigenten.

Den Dirigenten schützt die Partitur

Den schützt, und wenn er noch so schlampig, bequem oder eitel ist, die Autorität der Partitur. Dieses Provisorium, in dem ein Komponist seine Vorstellung fixiert, fordert aber Musiker, die sie weiterdenken, zu den Quellen und auf uns zu. Es ist kein Widerspruch, dass gerade die an historischer Aufführungspraxis interessierten Orchesterleiter, gründliche Partiturentzifferer, gern mit Regisseuren arbeiten, die zwischen den Zeilen lesen können. Oder ein Buch wie Der perfekte Wagnerianer, in dem George Bernard Shaw 1896 im Ring jene Kapitalismuskritik sah, die Patrice Chereau 80 Jahre später inszenierte.

Oder, noch älter, E.T.A. Hoffmanns Überlegung, ob zwischen Donna Anna und Don Giovanni nicht etwas anderes geschehen sei, als im Libretto festzumachen ist. Hoffmann, selbst Komponist, las in der Musik. Er ist der Ahnherr all jener, die ins Verborgene der Operngestalten einsteigen, so, wie mit Shaw der Blick auf deren gesellschaftliche Relevanz beginnt. In der Musiktheaterregie, die diesen Linien folgte, haben viele Werke neue Dimensionen hinzugewonnen. Aus kostümierten Sängerfesten wurden sie befreit zu einer Aktualität, der zuallerletzt am dekorativen Nachweis von Zeitgenossenschaft per Unterhose liegt.

Perspektivenvielfalt zulassen

Natürlich gibt es den auch. In dem Maß, wie sich ein Handwerk der Personenführung, ein Instrumentarium der Analyse, ein Vokabular der Stückerforschung bildete, entstanden Routinen, Moden, Strategien. Sogar ein und derselbe Regisseur liefert mal intensive Wahrhaftigkeit, mal ein Arsenal markenzeichenhafter Effekte. Auf letztere wird dann gern eine große Vielfalt von Perspektiven reduziert. Für Lüttiken ist daher nicht nur über Calixto Bieito alles gesagt mit "Nacktheit, Blutrausch, Körpersäfte aller Art". Er verlangt nach "Korrektiven", als leite Bieito eine Armee entfesselter Ignoranten.  

Jedes Metier muss sich befragen lassen über den Speck, den es ansetzt, den Leerlauf, der droht, die Arroganz. Wenn der Regisseur Herbert Fritsch es "so brutal, so gemein" findet, Don Giovanni mit dem Alltag zu verbinden (DIE ZEIT Nr. 40/2014), ist das erfrischend gegenüber einem gewissen Konsens. Aber auch sein Zaubertheater wird erst recht spannend neben all den Opernerkundungen, von denen nun der Musikprofessor weiß, sie gingen "in aller Regel an der Fallhöhe der Geschichten vorbei". Genauso könnte man einfach mal behaupten, Musikwissenschaft werde in aller Regel unter Umgehung der Praxis betrieben.

Behaglicher Kanon an den Bühnen

Die Lektüre der Spielpläne genügt indessen für den zutreffenden Befund, das Musiktheater richte sich "behaglich im Kanon" einer überschaubaren Zahl alter Werke ein. Das beklagt auch der Komponist Klaus Lang: "Da kann man sich zurückversetzen in die gute bürgerliche Zeit des 19. Jahrhunderts und kann sich dann noch total avantgardistisch fühlen, wenn sich jemand drei Zahnbürsten in den Mund steckt". Nachzulesen im frischen Band Zukunft der Oper, der spannende Diskussionen versammelt. Der Betrieb betreibt die Selbstbefragung längst auf einem Niveau, auf dem sich Polemik und Präzision vertragen.

Über keulenschwingende Grüße aus der Ressentiment-Abteilung könnte man also getrost hinweggehen. Nur teilen diese Meinung eben allzu viele Erholungsuchende, die es in der Oper "einfach nur schön" haben wollen – als dürfe Schönheit nicht mit Bewusstsein einhergehen. Aber selbst der 451. Rollkoffer bringt uns noch weiter als eine Angst vorm Theater, die sich als Werktreue ausgibt.