Die Wuppertaler Oper sei auf dem Weg "in die tiefste Provinz", glaubt die Ratsfraktion der Linken, Deutschlandradio Kultur fürchtet, "das zu Recht gerühmte deutsche Stadttheater" könne bundesweit "ins Wanken geraten". Was war geschehen? Das Wuppertaler Opernhaus hat die Verträge seiner zwölf Solisten und weiterer Künstler nicht verlängert und wird am kommenden Wochenende als einzige deutsche Oper die Saison ohne festes Sängerensemble eröffnen.

Das tun außerhalb Deutschlands etliche Häuser, von Amsterdam bis Mailand, von Brüssel bis Wien. Der erfolgreichen Brüsseler Oper etwa bleibt kaum etwas anderes übrig als das Modell der Stagione, also ein Spielplan, der die Stücke blockweise und nicht in wechselnder Folge präsentiert. Zum einen ist das Haus, eingezwängt in die dichte Brüsseler Bebauung, zu klein für tägliche Kulissenwechsel. Zum andern muss Oper in der Millionenstadt als Event auffallen. Die Bindung eines Publikums an vertraute Sänger, die es in wechselnden Rollen entdecken kann, spielt da keine Rolle. Umso mehr dagegen das künstlerische Profil des Hauses, das durch Verpflichten innovativer Regisseure in der Diskussion bleibt und in der Stückauswahl nicht dem Mainstream folgt.

Das freilich gelingt auch vielen Repertoirehäusern in Deutschland, während sich im neuen Wuppertaler Spielplan kein künstlerisches Risiko abzeichnet. Das Team um den bisherigen Generalmusikdirektor und nun auch Intendanten Toshiyuki Kamioka setzt die im Theaterjargon sogenannten ABC-Waffen ein: Aida, Bohème, Carmen, in diesem Fall ersetzt durch Tosca, Don Giovanni, Parsifal und weitere Schlachtrösser. Trotzdem – was soll so schlimm daran sein, wenn Don Giovanni neunzehnmal hintereinander von Gästen gesungen wird?

Viele große Karrieren begannen in familiär geführten Häusern

In kleineren Kommunen (und zu denen zählen viele der über 80 Musiktheater in Deutschland) ist die Mundpropaganda wichtig. Bis die wirkt, ist eine Stagione-Produktion oft schon vorbei – und anders als im Block lässt sich ein Ensemble aus Gästen nun einmal nicht bezahlen und organisieren. Zudem spricht es für das "deutsche Stadttheater", dass viele große Karrieren in familiär geführten Häusern begonnen haben. So können junge Sänger gerade in kleineren Städten wie Wuppertal ihren Weg finden, ohne sich gleich (wie etwa Rolando Villazón) auf freier Wildbahn zu verschleißen. Karrieren wie die der exzentrisch rockigen Sopranistin Simone Kermes oder die des weltweit als Gralsbote gefeierten Klaus Florian Vogt wären anders verlaufen ohne den Schutzraum, den ihnen kleinere Häuser wie die in Koblenz und Flensburg am Anfang gewährten.

Jungen Regisseuren wiederum bietet ein Ensemble vom alten Haudegen, der das ganze Haus kennt, bis zum Newcomer, der bereitwillig auf Herausforderungen reagiert, enormen Halt. Gerard Mortier, als visionärer Intendant an Musiktheatern in ganz Europa prägend bis zu seinem Tod im vergangenen März, sah im Stadttheater eine wesentliche Basis und Quelle für die Spitzenleistungen, von denen dann auch die großen Bühnen der Welt profitieren.

Andererseits schrumpfen die Ensembles an deutschen Bühnen ohnehin seit Jahren. Immer häufiger werden Gäste dazugekauft, was zu einer Art Semi-Stagione führt. "Das hat mit der finanziellen Anspannung an vielen Häusern zu tun", sagt Rolf Bolwin, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins. Die Zuschüsse wachsen weniger schnell als die tariflich festgelegten Kosten, und so trennt man sich am leichtesten von denen, die nur befristete Verträge haben: von Sängern und Schauspielern.