Beliebte Freizeitbeschäftigung im Spätkapitalismus: sich etwas Schönes kaufen und die Freude über Twitter, Facebook, Pinterest in die Welt schicken. Herbert Marcuse fände das furchtbar. Weil dieses Verhalten zeigt, wie effizient das Zusammenspiel von Technologie und Bewusstseinsstimulierung geworden ist. Immer enger haben sich die Maschen um das Individuum zugezogen, seit der Philosoph seinen Band Der eindimensionale Mensch – Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft im Jahr 1964 veröffentlicht hat. Der 1898 in Berlin geborene Philosoph aus jüdischer Familie, der 1933 in die USA emigriert war, dachte darin marxistische Kapitalismuskritik und Theorien des Unbewussten konzis zusammen.

Marcuse analysierte die Manipulation des Individuums, der wir uns nicht erst heute ausgesetzt sehen. Eine konstante, ja sogar "totale" Verführung gehe vom Kapitalismus aus, die zu einer "Gesellschaft ohne Opposition" führe: Das Individuum werde glücklich durch Konsum und identifiziere sich daher auch mit dem System. Eine Gegnerschaft existiere quasi nicht, da die überwältigende Mehrheit der Angepassten ja ihren Sinn im Wareneinkauf gefunden habe. So etwa, nur deutlich fundierter und eloquenter, sagt es Marcuse im Eindimensionalen Menschen. Er öffnete damit das Feld der Konsumkritik, das heute so aktuell ist: Der Kapitalismus kennt immer noch keine wirksame Opposition.

Da Marcuses Werk über die Jahre keineswegs an Relevanz verloren hat, wird sein Jubiläum jetzt gefeiert: Der eindimensionale Mensch wird 50. Die Idee zu diesem Bühnenprogramm stammt von einem Marcuse-Kenner. Thomas Ebermann, der 1951 geborene Publizist und Theatermacher aus Hamburg, gehörte in den achtziger Jahren zum ökosozialistischen Flügel der Grünen und war sogar Fraktionsvorsitzender im Bundestag. In der Zeit des Mauerfalls, als die Realos den innerparteilichen Machtkampf gegen die Fundis um ihn und Jutta Dittfurth für sich entschieden hatten, verließ Ebermann die Partei. "Ich wäre kein Parlamentarier geworden. Andere fanden sich in der Rolle besser zurecht", sagt Ebermann ohne jeden Anflug von Verbitterung. "Hingegen entdeckte ich, wie sehr die Kunst als Refugium taugen kann", fügt er mit seiner Erzählerstimme hinzu. Seit etwa zehn Jahren veranstaltet Ebermann die Vers- und Kaderschmiede im Polittbüro Hamburg mit Lesungen und theatralen Aufführungen.


Seine Inszenierung Der Firmenhymnenhandel am Hamburger Schauspielhaus feierte im Jahr 2012 Premiere und berief sich in ihrer Dramaturgie bereits auf Marcuses Kapitalismuskritik. Gegenstand waren die Exzesse der Corporate Culture. Management-Ideen wie Montagsappelle bei gehissten Unternehmensflaggen und Absingen hirnrissigster Konzern-Erkennungslieder sind Teil jener Prozesse, die nach Marcuse zur "Mimesis" des Individuums mit seinem Arbeitgeber beitragen – einem aktiven, ja selbstbewussten Konformismus.

Allerlei Unwägbarkeiten vor der Uraufführung

Am Firmenhymnenhandel wirkten auch die beiden Protagonisten mit, die nun im Marcuse-Programm neben Ebermann auf der Bühne stehen. Der Schauspieler Robert Stadlober, bekannt seit Filmen wie Crazy und Sonnenallee, spielte die Titelrolle. Andreas Spechtl, Sänger der Band Ja, Panik, coverte eine tatsächliche Unternehmenshymne. Auch Kristof Schreuf war mit dabei. Schreuf hatte Ende der achtziger Jahre als Sänger der Band Kolossale Jugend das Fanal gegeben für die Hamburger Schule. Für jene Bands mithin, die in den Neunzigern selbst noch so viel Kritische Theorie lasen, dass sie Marcuse zitieren konnten.

Schreuf gehörte eigentlich auch als vierter Part zur Performance-Gruppe Der eindimensionale Mensch wird 50. Stimmbandprobleme zwangen ihn allerdings dazu, den entscheidenden letzten Proben und damit der Uraufführung beim Steirischen Herbst in Graz fernzubleiben. Inzwischen steht fest, dass die aktuelle Tour durch Österreich, Schweiz und Deutschland ohne ihn stattfinden wird. Überhaupt sah sich die Truppe kurz vor der Premiere mit allerlei Unwägbarkeiten konfrontiert. Eine fertige Show mit gut geschmierten Abläufen war also beim Steirischen Herbst nicht zu erwarten.