Die Musiker spielen, der Impresario lehnt sich zurück. © Steirischer Herbst

Das "Team Marcuse", wie Ebermann, Stadlober und Spechtl sich scherzhaft nennen, hat eine Collage entwickelt. Die beiden Musiker – Ebermann hielt sich nach einer Einführung im Hintergrund – spielen so enerviert wie aufrührerisch. Dazu tragen sie Auszüge aus dem Buch vor, ergänzen diese mit Kommentaren von Adorno, Sartre, Dutschke, mit Marcuse-Interviews, und auch mit eigenen Songs. Mitunter zeigen sie dazu Original-Filme aus Marcuses Leben: der Professor inmitten von Studierenden, der Professor beim Versuch, sich offensichtlich noch ohne Kamera-Erfahrung durch eine zaunlose, ganz kalifornische Vorstadtsiedlung zu bewegen.

Über die harten Dissonanzen deklamiert Stadlober immer wieder Passagen aus Der eindimensionale Mensch. Das hat mitunter Längen. Große Teile des Textes gehen im Lärm unter. Außerdem stecken die Marcuse-Textflächen naturgemäß voller Wertungen. Stadlober und Spechtl laden sie durch Boller-Bässe und Feedback-Fiepen noch künstlich mit Bedeutung auf. Und sie exponieren eine Wut, die man ihnen so ungebrochen nicht abnimmt: Es wird zwar deutlich, dass dieses Trio sich mehr fundamentale Opposition gegen den Kapitalismus wünscht und damit Marcuse folgt. Doch wirken dabei gerade die beiden Jüngeren Stadlober und Spechtl eher wie Schauspieler, die nach den Gefühlen von 1968 suchen.

Spannung entwickelt der Abend allerdings, wenn Stadlober und Spechtl auf ihre eigenen Tonalitäten vertrauen: Einzelne Songskizzen erinnern in ihrer Leichtigkeit an die jeweiligen Bands der beiden, an Gary und an Ja, Panik. Wenn sie eingängige Gitarrenharmonien anstimmen und Slogans wie "Ich halt' das alles aus" singen, verlässt der Vortrag die Sperrzone der Nostalgie und wird auf bestechende Weise gegenwärtig: Es fehlen uns die tragenden Utopien, um über das bloße Aushalten hinaus zu kommen. Hilft vielleicht nur noch die große Rede von der Besiedlung des Mars. "Ich spüre Luft von anderen Planeten", beschließt Spechtl den Abend. Nur ist ja die Besiedlung des Mars selbst schon wieder eine kapitalistische Initiative, in deren Licht die Erde wie ein zukünftiger Haufen Müll wirkt.

"Der eindimensionale Mensch wird 50" tourt vom 19. Oktober bis 15. November durch Deutschland.