Die Geigerin Anne-Sophie Mutter © Reuters/Joshua Roberts

Sie arbeiten für 20 bis 40 Euro pro Stunde, neun Stunden pro Woche sind das Limit, und länger als ein halbes Jahr währt ihre Sicherheit nie. Man kann sie dann einfach wegschicken. Wenn sie krank oder schwanger werden oder sich auf dem Weg zur Arbeit ein Bein brechen – Pech gehabt. Von Weihnachtsgeld können sie nur träumen, vom Streikrecht auch. Selbst mit weiteren Jobs verdienen viele weniger als die Hälfte dessen, was als Minimum gegen drohende Altersarmut gilt. Die Rede ist nicht von Saisonhilfskräften in unsozialen Weltgegenden, sondern von Hochqualifizierten, ohne die Deutschlands Weltruf als Musikland nur noch ein ferner Klang wäre. Man nennt sie "Lehrbeauftragte".

4.827 von ihnen gibt es an den 24 deutschen Musikhochschulen, an denen sie 30 bis 70 Prozent aller Lehrstunden für 21.000 Studenten sichern. Dort werden sie zwar überwiegend wie Saisonarbeiter behandelt, aber keineswegs so eingesetzt – fast jeder zweite macht seinen Job schon seit mehr als elf Jahren. "Der Stundenlohn ist unter aller Sau", erklärt eine Geigerin, "kein anderer Mensch würde eine zehn Jahre lange Ausbildung auf sich nehmen, um dann wirklich für Brotkrumen nicht mal in einer festen Anstellung zu sein." Es ist nicht irgendeine Geigerin, die das vor laufender Kamera sagt, und auch keine Lehrbeauftragte, sondern der deutsche Weltstar Anne-Sophie Mutter. Sie solidarisiert sich mit ihren Kollegen, die jetzt auf die Straße gehen.


"Ursprünglich", sagt Karola Theill, die Sprecherin der Lehrbeauftragten, "waren die Aufträge zur Ergänzung der Lehre an den Musikhochschulen gedacht. Es lohnt sich nicht, etwa für Bassklarinette eine feste Stelle einzurichten, und es war sinnvoll, dass Leute aus Orchestern nebenher in Hochschulen unterrichten." Doch Letztere sind längst eine Minderheit in der gewachsenen Zahl vertragsloser Hochschullehrer im Bereich Musik. Zwei Dritteln von ihnen gilt die Tagelöhnerei auf höchstem Fachniveau als existenziell wichtiger Teil des Einkommens. Gerade mal 8.000 Euro brutto für 270 Stunden im Jahr, überwiegend Einzelunterricht, die Vorbereitung nicht gerechnet? Da würden nicht nur Lokführer und Lufthansa-Piloten in hysterisches Gelächter ausbrechen.

Musiker zweiter Wahl?

Nun hat das Wort Lufthansa-Pilot entschieden mehr Sex als das Wort Lehrbeauftragter, in dessen Schatten man leicht überhört, dass da nicht etwa Gestrandete ein Gnadenbrot verzehren. Auch Preisträger sind unter ihnen, Mitglieder renommierter Ensembles – die freilich weder mit prallen Terminkalendern noch satten Gagen rechnen können. Karola Theill konzertiert als Liedpianistin schon mal mit Angela Denoke in Paris, ist aber auf ihre Lehrjobs in Berlin und Rostock angewiesen. Man wisse doch, hörte sie aus Funktionärsmund, auf was man sich als Musiker einlasse. Da spukt noch immer das Klischee von der brotlosen Kunst, und es spukt nicht nur, es prägt die Praxis. Wer nicht in Stellung ist oder berühmt wie Frau Mutter, der ist halt der "arme Poet".

Könnte es sein, dass man es im international bewunderten Musikland nicht so wichtig findet, auf welcher Basis die schönen Töne entstehen? "Respektlos" nennt Anne-Sophie Mutter die Abspeisung von Künstlern, deren zielgerichtete Ausbildung so früh wie in keiner anderen Branche beginnt und die ihren Abschluss an eben den weltweit begehrten Hochschulen machten, denen die Politik die Budgets knapp hält. Mit Ausnahme von Nordrhein-Westfalen übrigens, wo Geld für neue Hochschulstellen locker gemacht wird und es Mutterschutz und Mitbestimmung für die Lehrbeauftragten der Musik schon gab, ehe die sich in einer eigenen "Bundeskonferenz" organisierten.

85.000 akademische Tagelöhner

Ihnen sind mittlerweile die Sprachlehrbeauftragten gefolgt. Die Deutsche Orchestervereinigung mit ihren 13.000 Mitgliedern unterstützt ihre Forderungen, auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft. Da mögen Politiker fürchten, irgendwann den Forderungen sämtlicher 85.000 akademischer Tagelöhner in der Bundesrepublik gegenüberzustehen. Doch an den Unis wird kein Einzelunterricht erteilt, dort arbeitet kaum ein Freischaffender so kontinuierlich wie ein Professor. Die Musiker, die das tun, fordern nun Dauerstellen für Daueraufgaben, gleiches Geld für gleiche Arbeit, Mitbestimmung und eine höhere Grundausstattung der Hochschulen.

Denn den Akademien raten Politiker gern zur Selbstkannibalisierung: Sie sollten doch einfach mal besser mit dem Geld umgehen. Mancher Rektor reicht da den schwarzen Peter gleich an die Lehrbeauftragten weiter: Wer so eine Arbeit sein Leben lang mache, erklärte der Karlsruher Hochschulchef, der sei wohl anderswo "nicht akzeptiert" worden. Der Präsident der Frankfurter Hochschule schlug seiner Landesregierung jüngst vor, die Lehrauftragshonorare bis 2020 auf dem Stand von 1980 einzufrieren. Dann fiedelt mal schön!

An 20 Standorten werden die Musiklehrer am 6. November demonstrieren, in Hochschulen und vor Ministerien. Was daraus wird, das wird man irgendwann hören, soweit der Ruf dieses Musiklandes reicht.