Gitarrist Uwe Hassbecker (l.) und Keyboarder Ritchie Barton im Silly-Studio in Münchehofe mit dem 1989er-Album "Februar", das die Missstände in der DDR ungewohnt deutlich anprangerte. © Tilman Steffen/ZEIT ONLINE

Das Problem war der Sex. Der Sex am Nachmittag. Die Rockband Silly probte schon im TV-Studio für ihren Auftritt, als ein Redakteur den Musikern verdeutlichte: Das Lied Bataillon d’Amour muss aus der Setlist raus. "Zwei schmale Jungenhände streicheln ihre Brust… ein warmer Hauch der Lust", schmachtet es in der zweiten Strophe. Brust? Lust? – fürs Nachmittagsprogramm war das den Tugendwächtern zu viel. "Alles Argumentieren half nichts", erinnert sich Keyboarder Ritchie Barton an den Vorfall Anfang November 1986. "Wir gaben nach."

Das Fernsehstudio stand nicht in Ostberlin, der Heimat Sillys, sondern in Mainz. Der Redakteur untersagte Bataillon d’Amour im Auftrag des ZDF, er war kein kommunistischer Funktionär. Da hatte das DDR-Regime Silly die Reisepässe für den Westen genehmigt – und dann dort auch Zensur? Silly-Gitarrist Uwe Hassbecker regt das heute noch auf: "Der Auftritt in Mainz war meine erste West-Reise. Ich habe damals die Welt nicht mehr verstanden."

Verbote von Texten kannten die Musiker aus ihrer sozialistischen Heimat. In Ostberlin steuerte eine Gruppe realitätsvergessener Autokraten, was die 17 Millionen DDR-Bürger zu sagen, zu sehen und zu hören hatten. Der Machtapparat der SED lenkte Wirtschaft, Medien und Kultur bis hinein in den letzten Dorfclub. 

Wer als Musiker in der DDR unbeschwert leben wollte, machte Schlager. Der Bedarf war enorm, der Rundfunk hatte eine Quote von 60 Prozent Ostmusik einzuhalten. Die Studios konnten für 1,5 Millionen Mark pro Jahr Rock und Pop produzieren, um die Hörer von den Westsendern wegzulocken. Amiga, das einzige Plattenlabel für Populärmusik, presste zwölf Millionen Langspielplatten pro Jahr. Der Erlös floss in ein dichtes Netz subventionierter Clubs, Kultur- und Jugendhäuser. Doch wer als Musiker kritisch sein wollte, bekam es mit der Zensur zu tun.

Sie saß unter anderem im Gebäude des DDR-Radios in Berlin-Oberschöneweide in einem Klinkergebäude, drinnen vertäfelte Aufnahmesäle, Tonstudios und braungraue Besprechungsräume. Walter Cikan war hier oberster Rock- und Popproduzent. Bis zum Mauerfall vermittelte er zwischen Künstlern und dem Regime und war zugleich dessen Vollzugsorgan. Mit zehn Redakteuren und Lyrik-Fachleuten saß Cikan einmal pro Woche vor einem Kassettenabspielgerät, aus den Lautsprechern tönten eingereichte Demo-Aufnahmen der Bands. Die sogenannte Lektoratskommission durchsuchte das Material nach musikalischen Schwachstellen und unerwünschten Themen. Sie lud die Texter vor, verlangte, anstößige Lyrik zu entschärfen und entschied schließlich, was ins Radio durfte und was nicht.

Während das Plattenlabel Amiga eher milde zensierte, unterstand der Rundfunk als Massenmedium direkt Honeckers engstem Machtzirkel, dem Zentralkomitee der SED. Etwa ein Viertel der eingereichten Stücke fiel hier durch – wegen handwerklicher Mängel oder weil den Zensoren Text und Thema nicht passten. Wer von Umweltproblemen, Mauerbau oder Freiheit singen wollte, schaffte es selten in die Öffentlichkeit.

Worauf Honeckers Stab gerade Wert legte und was unerwünscht war, stellte die SED-Führung Woche für Woche nach unten durch. Die Abteilung Agitation und Propaganda des Zentralkomitees schickte den Chefredakteuren von Funk und Zeitungen die sogenannte Argumentation, kurz Argu. "Darin war festgelegt, was die Partei der Bevölkerung nahe bringen wollte", erläutert Cikan. Seine Aufgabe war, diese Direktive durchzusetzen.

Das Lektorat leitete daraus ab, welche Themen ins Studio durften. "Ein Lied über Autoreifen hätten wir versucht, der Band auszureden", sagt Cikan. Sie waren in der Planwirtschaft Mangelware. "Und wir wollten doch nicht dem Feind unsere Schwachstellen zeigen." So waren Liedtexte über Neonazis oder Umweltprobleme tabu.