Man muss Maurice Summen nicht siezen, man kann gleich Dude zu ihm sagen. Wenn man das Büro betritt, von dem aus er das Indie-Label Staatsakt betreibt (Altbau, Erdgeschoss, gut unaufgeräumt), schauen einen erst einmal zwei erwachsene, bärtige Herren an. Der eine streitet vehement ab, irgendetwas mit der ganzen Sache zu tun zu haben, und der andere sagt wie zu seiner Verteidigung, er sei nur ehrenamtlich hier und Maurice komme bestimmt gleich.

Maurice Summen ist superpünktlich, das Interview findet in der WG-Küche des Gemeinschaftsbüros statt. Er macht "erst mal Kaffee" und rekapituliert dann das Interview mit James Last, das er kürzlich für die Berliner Zeitung geführt hat: Zwei Drittel des Gespräches hatten sich um die Ausmaße des menschlichen Darms gedreht: Acht Meter misst dieses Organ, das muss man sich mal vorstellen. Milch? Zucker?

Die Geschichte beginnt im Münsterland: Summen spielt in verschiedenen Bands, er liest die Popzeitschrift Spex und alles von dem legendären Popkritiker Lester Bangs und er kennt alle Plattenläden im Umkreis. Nach dem Abitur zieht er so umher und landet irgendwann in Köln, wo sich in den Achtzigern und Neunzigern die deutsche Pop-Avantgarde aufhält. Von hier aus bescheren Spex und Viva Zwei dem Popjournalismus ein Goldenes Zeitalter. Der Pop-Fan Summen wähnt sich am Ziel – bis er die ersten Konzerte besucht: Selbst während der Auftritte der interessanteren Bands stehen mehr als 30 Leute rum, die Hälfte vermutlich Journalisten. Deutscher Pop ist zu der Zeit medial extrem aufgebläht, von außen sieht er gigantisch aus. Wenn man allerdings drin ist, ist man doch wieder nur allein. Summen beschließt, dass es das noch nicht gewesen sein kann, und zieht nach Berlin.

Zentrale Anlaufstelle für ambitionierten Pop

Im Jahr 2003 gründet er im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg das Label Staatsakt – zu einer Zeit, als CD-Brenner und Napster gerade gemeinsam die Musikindustrie auflösen. Aus wirtschaftlicher Sicht geht es kaum irrsinniger. Trotzdem lässt es sich gut an: Er veröffentlicht auf dem Label das Debütalbum seiner eigenen Band Die Türen und verkauft die erste Auflage innerhalb von zwei Wochen. Es folgen Künstler aus dem erweiterten Freundeskreis, das Label wirft sofort in hohem Takt Alben auf den Markt. Während die Avantgarde-Pop-Labels L'Age d'Or und Kitty Yo aus verschiedenen Gründen eingehen, etabliert sich Maurice Summens Label zusehends als zentrale Anlaufstelle für ernsthaft ambitionierte Popmusik.

Heute vertreibt Staatsakt so viele Künstler, dass sie sich in Genre-Begriffen kaum mehr zusammenfassen lassen. Trotzdem ist eine Linie klar erkennbar und zwar in der Haltung. Die Staatsakt-Künstler nehmen die Wirklichkeit tendenziell als mangelhaft wahr, weshalb sie Texte schreiben, die dann eben umso vollkommener sein müssen: Jens Friebe, PeterLicht, der Sterne-Frontmann Frank Spilker und der Ja, Panik-Sänger Andreas Spechtl gehören zu den größten musizierenden Sprachzauberern, die in Deutschland gerade so rumlaufen. Sie verdichten Stimmungen, ironisieren Phrasen und beharren auf den Feinheiten, wie es nur richtige Dichter können. Und sie gehören alle zu Summens Zirkel.


Von dem Schriftsteller Marcel Beyer stammt die Beobachtung, dass wir seit dem 11. September 2001 in einem fundamentalistischen Zeitalter leben, das von jedem klare Bekenntnisse verlangt. Man kann immer nur für oder gegen etwas sein, dazwischen ist wenig Platz. Dem kleinbürgerlichen Anpassungsgeist unserer Epoche wirft Frank Spilker zum Beispiel diese Zeilen in die Speichen: Wie soll man euch Idioten das erklär‘n?/Ich bin, was ich bin, ich bin es gern. (...) Ich würd‘ gern noch nicht sterben/und euch damit zu ähnlich werden./Mein Sonnenschirm umspannt die Welt. Andreas Spechtl sekundiert auf dem jüngsten Album von Ja, Panik: Wo wir nicht sind, wollen wir nicht hin./Ein Satz, der sich von selber singt./ Auf dass man eines nicht vergisst/ Dieses Land hier ist es nicht.

Gleichzeitig kommen die Staatsakt-Textbegabungen nicht nur auf der Kurzstrecke zur Geltung, sondern offenbar auch über die Distanz: Unter den Künstlern, die das Label vertreibt, sind so viele Romanautoren und Essayisten, dass Maurice Summen genauso gut einen Verlag aufmachen könnte. Das Personal hätte er bereits beisammen.

Der enigmatische Berliner Musiker Hans Unstern hat seinem Album The Great Hans Unstern Swindle das Buch Hanky Panky Know How beim Diskurs-Verlag Merve zur Seite gestellt. PeterLicht hat gerade gleichzeitig ein Album und ein Buch veröffentlicht, die jeweils Lob der Realität heißen. Von Frank Spilker ist kürzlich der Roman Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen erschienen, und auch von Jens Friebe liegt ein Band mit Kurzgeschichten vor. Während sich der deutsche Durchschnittspopstar in Casting-Jurys setzt, diskutieren Staatsakt-Künstler über den Philosophen Herbert Marcuse auf Theaterbühnen (Andreas Spechtl) oder gewinnen renommierte Literaturpreise (PeterLicht).