Musikerkarrieren kennen viele Anfänge aber nur wenige Schlüsselereignisse. Udo Jürgens erlebt seines in München. Der angehende Musiker aus Österreich hatte sich mit ein paar Freunden in einer Pension eingemietet und die Haare auf halbstark frisiert, oder wie man in Österreich sagt: auf schlurfig. Es ist das München der fünfziger Jahre, die hier bis mindestens 1962 andauern, als bei den Schwabinger Krawallen die Twist-Jugend mit dem Polizeiknüppel verdroschen wird. Läden wie der ehemalige Offiziersclub P1 sind keine ehrenwerten Häuser, sondern Jazz-Schuppen, in denen man zu amerikanischen Rhythmen mit den Füßen wippen kann. Im Studio 15 sieht der junge Schlaks aus der Provinz das Gold der Saxofone blitzen und spürt das dumpfe Vibrieren des Kontrabasses. Größen wie Ella Fitzgerald und Nat "King" Cole haben hier schon gespielt. An diesem Tag jazzt hier nur Freddie Brocksieper, aber als Udo Jürgens zum ersten Mal diese Bühne betritt, hat er dennoch weiche Knie.

Pausenmusik soll er spielen, aber für ihn ist es ist eine Chance von der Sorte, die ein Leben verändern kann. Beherzt greift er in die Tasten des Flügels und vielleicht kann man ihn sich an diesem 30. September so vorstellen wie er später berühmt wurde: als der Mann am Klavier, den Kopf zurückgelegt, die Augen gern mal geschlossen und den Kopf halb zum Publikum gedreht. Wahrscheinlicher ist, dass er zuerst hochnervös und etwas zu angestrengt in die Tasten griff: C-Jam-Blues, dann All of Me in D-Dur. Wenig später hängt ihm die Haartolle aufgelöst ins Gesicht und der schweißüberströmte, von begeisterten Jazz-Fans umringte Gelegenheitsmusiker hat ein festes Arrangement. Es ist 1955 und Udo Jürgens gerade 21 Jahre alt geworden.

In seinem autobiografischen Roman mit dem Titel Der Mann mit dem Fagott, dessen Titel 2004 auf seinen Großvater anspielt, hat Jürgens diesen Abend als ein Schlüsselerlebnis beschrieben, auch wenn aus ihm dann doch kein Jazzer wurde, wie er an jenem Abend noch gehofft hatte. Stattdessen wurde er zu dem "Phänomen Udo Jürgens", als das ihn 1971 ein Buch behandelte, zu dessen Autoren auch der volksnahe Schriftsteller Johannes Mario Simmel gehörte.

Der große Ruhm beim Grand Prix

Geboren als Udo Jürgen Bockelmann in Klagenfurt in großbürgerlichem Hause, verwandt mit dem Dadaisten Hans Arp und dem Frankfurter Bürgermeister Werner Bockelmann, gehörte Jürgens noch der Hitlerjugendgeneration an. Die großdeutsche Organisation hätte fast die Musikerkarriere verhindert: Seit einer Ohrfeige, die ihm nach eigenen Angaben ein HJ-Führer wegen körperlicher Untüchtigkeit verpasst hatte, war er auf einem Ohr fast taub.

Er ließ es sich nicht anmerken. Später schrieb er Lieder für internationale Größen wie Frank Sinatra, Shirley Bassey und Bing Crosby. Er selbst wurde mit leichten Liedern berühmt. Sie besangen blondes Haar und das Bettchen einer Señorita, und scheuten auch keine endgereimten Refrain-Weisheiten wie "Polka gut für Trallala, Liebe gut für Hopsassa". Der ganz große Ruhm kam mit dem Grand Prix d'Eurovision 1966 in Luxemburg. Es war sein dritter Versuch. Diesmal gewann er mit Merci Chérie. Während der Auszählung der Stimmen habe er einen ersten Herzinfarkt erlitten, bekannte er später.

Der Grand-Prix-Ruhm war die Chance zur Neuerfindung. In den siebziger und achtziger Jahren entwickelte sich Jürgens konsequent weg vom Trallala und hin zum erzählenden Lied. Wenn er auch viele Varianten von Jazz, Folklore bis hin zum Schlager beherrschte, so war sein eigentliches Metier doch das deutschsprachige Chanson. Inhaltlich zielten Udo Jürgens' Lieder oft auf das Lebensweltliche. Es ging um Überfluss und Übergewicht (Aber bitte mit Sahne), das Altern (Mit 66 Jahren) und Gastarbeiter (Griechischer Wein). Seine Kritik traf scheinbürgerliche Spießigkeiten (Ein ehrenwertes Haus), Umweltverschmutzung (5 Minuten vor 12) und zuletzt das Patriarchat (Der Mann ist das Problem). Auch vor Drogenkonsum (Roter Mohn) und dem Kreml (Babuschkin) machte er nicht halt, weswegen selbst Konservative seine Lieder schätzen konnten.

Showbiz mit Edelkitsch

Udo Jürgens war kritisch, aber nicht radikal. Er zielte nicht auf Personen und war vom Agit-Rock Rio Reisers ebenso weit entfernt wie von den scharfen Anklagen Hannes Waders. Anders als dem ebenfalls vom Chanson kommenden Reinhard Mey, fehlte ihm der Liedermacher-Stallgeruch der Burg-Waldeck-Festivals, ebenso wie die Politisierung Konstantin Weckers. Jürgens' Metier blieben stets das Showbiz und die ganz große Geste, zu der Edelkitsch wie der weiße Satin-Smoking und der gläserne Flügel ganz selbstverständlich dazugehörten. Seine Auftritte in der ZDF-Starparade sind Legion, und selbst mit kritischen Zeilen erschien Jürgens in einem bunten Abend zwischen Fernseh-Ballett und Schunkeleinlage als der ernsthafte Mann am Klavier, der er war, durchaus im Rahmen.

Als häufiger Gast auf deutschen Talk-Show-Sofas unterhielt er das Publikum mit kleineren Bekenntnisse aus dem Privatleben wie dem zu einer kosmetischen Operation seiner Segelohren in jungen Jahren und einer zeitweiligen Nähe zur Wodka-Flasche unlängst bei Markus Lanz. Über wichtigere Themen wie seine zwei Scheidungen, uneheliche Kinder oder seinen als Steuerflucht gedeuteten Umzug in die Schweiz wollte er weniger gern sprechen und verzichtete daher auf eine typische Promi-Autobiografie, sondern wählte die Form des Familien-Epos, verfilmt 2011 in der ARD.