Es ist Dezember, und die Tage sind trüb und kurz. Herbert Grönemeyer hat eine neue Platte gemacht, und alle jubeln wie bestellt. Udo Lindenberg hat zuvor am Brandenburger Tor gesungen, was alle auch den Wahnsinn fanden. Ein Rapper namens Haftbefehl dichtet Zeilen wie "Die Freiheitsstatue ist 'ne Hure und ich fick sie", woran sämtliche Kulturteile seit Wochen alle denkbaren intellektuellen Klimmzüge aufführen und fragen, ob Haftbefehl derzeit wirklich die interessantesten Texte schreibt oder die langweiligsten, ob das Kunst oder Müll ist und bestimmt bald, ob Steuerbescheid nicht auch ein guter Name wäre oder vielleicht doch besser Strafzettel. Deutschen Sängern scheint es jedenfalls gar nicht so mies zu gehen, das ist die schöne Nachricht. 

Ganz oben auf dem Gipfel der deutschen Popmusik steht seit ein paar Jahren ein Doppelhaus, in dessen einer Hälfte Helene Fischer Hof hält, durch Werbespots für Kräuterbutter und Mittelklassewagen schwebt und von Millionen für ihre Lieder und auch ihre Gelenkigkeit bewundert wird, oder andersrum. Ihre Weihnachts-DVD ist inzwischen vorbestellbar, alles ist gut. Stünde nicht der Umzugswagen vor der anderen Doppelhaushälfte: die Band Unheilig zieht aus. Ihr Sänger, Der Graf genannt, war so etwas wie das schattige Gegenstück zu Helene Fischer. Mit beiden zusammen gibt es sogar ein Video, das man auf YouTube gucken kann

Da singen sie Unheiligs Ballade So wie Du warst, die im Refrain etwas nach Hallelujah von Leonard Cohen klingt und ansonsten nach einem vernieselten Begräbniswalzer. Auf dem Höhepunkt summt ein Männerchor die Melodie des Refrains und man blickt in unendlich gerührte Gesichter im Publikum – was übrigens die landläufige Reaktion auf Unheiligs Musik ist. 

Aus Aachen an die Spitze

Jetzt soll Schluss sein. Diese Woche erscheint das Abschiedsalbum. Es heißt Gipfelstürmer, ein Titel, der als Anspielung auf den Werdegang der Aachener Gothic-Rock-Band verstanden werden soll. Und ganz falsch ist es ja nicht. Mehr als drei Millionen verkaufte Alben, die erfolgreichste deutsche Rockband der vergangenen zehn Jahre.


Aber wie konnte es überhaupt soweit kommen? 

Unheilig ist SchlagerPlus. Über den Schlager heißt es oft, die Liedtexte müssten so allgemein sein, dass jeder sich angesprochen fühlen könne, sie bräuchten also gewissermaßen eine emotionale Anschlussfähigkeit. Und ja, das berühmte Schlager-Du kann sowohl die Gisela, die Rosi als auch den Karlheinz meinen, nur dass es bei solchem Stampfbratenschlager im Fernsehgarten meistens nur um Küsse, Rosen oder allenfalls um Gefühlsverwirrung während des letzten Strandurlaubs geht. Unheilig hingegen pflegen eher die Schauerromantik, die einst von Moritatensängern ausging, später von Rüschenblusen, Tropfkerzen und poetisch gemeinten Fotos von Industriebrachen in Ostdeutschland.     

Ihre Herkunft aus der Gothic-Szene verraten allenthalben generische, kaltherzige Sequenzermuster. Auf den letzten Alben wichen sie jedoch mehr und mehr den pompösen Balladen, die der Graf in seinem  Bassbariton vorträgt. Für die werden Unheilig in Deutschland geliebt. Und das nicht nur von einer seltsamen Parallelgesellschaft, die sich Plüschtiere an Rucksäcke hängt und rosa Strähnchen färbt. Nein, Unheilig ist die Mitte Deutschlands. Zu ihren Fans zählen Studienräte, Politiker und Schauspieler. So einfach ist das eben alles nicht.  

Beerdigungen, Taufen, Hochzeiten

Geboren um zu leben heißt zum Beispiel der bis heute größte Hit der Band. Eine Umfrage unter Bestattern ergäbe sicherlich, dass er einer der am meisten gespielten Songs auf Beerdigungen ist. Andererseits dürfte das auch für Taufen und Hochzeiten gelten. Man muss sich nur die Videos von den, selbstredend ausverkauften, Konzerten der Band ansehen: Tausende Menschen schwenken zu diesem Lied ihre Feuerzeuge in frohsinniger Ekstase und Selbstergriffenheit.

Im Wesentlichen hören sich Unheilig an, als spielte ein dramatisch gestimmter Johannes B. Kerner Rammstein nach. Obwohl man der Fairness halber sagen muss, dass Rammstein immerhin mal so lustige Verse gelungen sind wie "Ihr wollt doch auch den Dolch ins Laken stecken, ihr wollt doch auch das Blut vom Degen lecken", was irgendwie mit Sex zu tun hat. Und das Riefenstählerne ihrer Ästhetik konnte man mit Wohlwollen für Performancekunst halten oder es, wenn's denn sein muss, mit Ironie nehmen. Bei Unheilig hingegen hilft Ironie als letzter Rettungsring nicht.

In den perfekt inszenierten Bühnenshows der Band steht der Graf meist in der Bühnenmitte, in weißem Hemd und schwarzem Gehrock und mit der Erhabenheit eines Sargträgers. Seine ausgebreiteten Arme schlängelt er in gebotener Theatralik auf und ab, während er sich angesichts des Emotionsüberschusses völlig verausgabt.  Denn dass es da um große Gefühle geht, daran besteht kein Zweifel. Auch wenn zunächst schwer zu sagen ist, um welche. "Alles, was schön ist, weicht einmal der Zeit, wie eine Blume, die sich öffnet im Sonnenstrahl der Dankbarkeit", singt der Graf im Lied mit dem Titel Zwischen Licht und Schatten, was die Pole vielleicht ganz gut umreißt, zwischen denen man irgendwie etwas fühlen soll: Erblühen und Vergehen, Leben und, ja, Tod. Memento Mori für Begriffsstutzige.

Tröstender Jedermanntiefsinn


Auf dem neuen und letzten Album Gipfelstürmer hat der Graf sich die Berge als Fluchtpunkt seiner Lyrik ausgesucht, weswegen im metaphysischen Höhengejodel vor allem der Horizont, der Himmel, der Weg, die Wolken, die Ewigkeit und der Kompass als Daseinsmetapher herhalten müssen. Unentwegt vergeht hier die Zeit, sie rauscht vorbei, fliegt davon oder ist gerade die unsere. Da wird einem ganz klamm.            

Aber: Fürchtet euch nicht, die Rettung naht. Unheilig produzieren gewissermaßen den Sound der Therapiegesellschaft, überall herrscht existenzieller Notstand, der behoben werden muss. Der Graf ist der Seelenheiler der Nation: "Jeder geht seinen Berg hinauf und will spüren, dass er wertvoll ist." Das verinselte Menschlein kann sich hier in ein wärmendes Bad aus Gefühlsschlacke fallen lassen.

Die Anrufungen und Beschwörungsformeln des Grafen klingen nach Durchhalteparolen, gerichtet auf ein Jenseits oder ein unerreichbares Diesseits, das hinter allen Zweifeln liegt oder irgendwo in Tolkiens Elbenreich, man weiß es nicht so genau: "Ein Lichtermeer fern von Sorgen wird einmal unser Zuhause sein." Und an der Discount-Esoterik der Texte hätten auch Unternehmensberater ihre Freude: "Manchmal hilft es, an seine Träume zu glauben" und "Vertraust Du Dir, wirst Du Berge versetzen".

Er lässt die Kinder zu sich kommen

Womöglich ist es der tröstende Jedermanntiefsinn solcher Zeilen, der da durch den Trockeneisnebel und die Glutamatgeigen donnert, der den Millionenerfolg von Unheilig erklärt: die Sehnsucht nach einer Art Stunde der unbedingten Gefühle, nach jemandem, der die Kinder zu sich kommen lässt. Unheiligs Lieder sind der schlagende Beweis, dass es Harmonien gibt, die immer funktionieren. Natürlich in Moll. Man könnte mit den Liedern auch Lebensversicherungen verkaufen oder Rubbellose der Aktion Mensch. Ohnehin wartet man die ganze Zeit darauf, dass während der Balladen jemand eine Spendenkontonummer einblendet. Diese Musik gibt sich damit zufrieden, Begleitgeräusch für sogenannte "magische Momente" zu sein, die sich das Fernsehen und seine Zuschauer so dringend wünschen, wenn dort jemand von schwerer Kindheit erzählt und plötzlich passabel Flöte spielen kann und sich ein Saal, berauscht von der eigenen Güte, klatschend erhebt.  

Unheilig machen Musik für Menschen, denen Worte wie "Kopfkino" und "Gänsehautfeeling" als Beschreibung dessen ausreichen, was in ihnen vorgeht. Die sich gern unter Wogen von überlebensgroßen Emotionen bestatten lassen, in denen alles verschwimmt, Dasein und Nichtsein, Augenblick und Ewigkeit, Verlust und Erneuerung, und am Ende auch Schlager und Pop. Und wo alles gleich groß aufgeplustert ist, bleibt auch alles gleichgültig. Noch nie klangen Leben und Tod so banal wie nach einem ganzen Album dieser Band. Das ist, kulturgeschichtlich besehen, vielleicht sogar eine epochale Leistung. Ein Jahr lang wird die Band noch auf Abschiedstour gehen, dann ist der Spuk vorbei.

Oben auf dem deutschen Popgipfel ist die Haushälfte nun fast ausgeräumt. Macht Helene Fischer bald einfach einen Wanddurchbruch und lebt dort künftig allein? Oder gibt's hier schon einen neuen Nachmieter: "Wein jetzt nicht, mir tut's genauso weh, wir kommen da schon 'raus", sang Herbert Grönemeyer einmal. Und so viel besser als Unheilig ist seine neue Platte übrigens auch nicht. Wirklich.