Natürlich sind erst einmal alle Verlierer. Das Paar Björk Guðmundsdóttir und Matthew Barney, dessen Beziehung nach vielen gemeinsamen Jahren und der Geburt einer Tochter endete. Die selbstbestimmte Künstlerin, deren neues Album Wochen vor dem für März geplanten Erscheinungsdatum illegal im Internet zu finden war. Die Leaker, die sie keines Kommentars würdigte, als sie ihr Werk jetzt kurzerhand offiziell in digitaler Form veröffentlichte. Das MoMA in New York, auf dessen Björk-Retrospektive im März sich zeitgleich zur Albumveröffentlichung alle Augen richten sollten. Die voreiligen Reporter, die Kanye Wests und FKA Twigs' Mitstreiter Arca gleich zum alleinigen Produzenten von Vulnicura erhoben, nachdem sie ihn lobend auf Facebook erwähnt hatte, und die daraufhin unter Sexismus-Verdacht standen. Alle, die vor lauter Drumherum die Musik verpassen. Und Taylor Swift, weil sie nicht mehr die schönsten, selbstbewusstesten, am schlechtesten getarnten Trennungssongs schreibt.

Dreieinhalb Jahre ist es her, dass Björk die Grenzen des Musikalbums auslotete. Biophilia war eine App-Suite, ein interaktives Großwerk aus Wissenschaft, Events und Entdeckungen, mit dem die Isländerin zum hundertsten Mal zeigte, wie unendlich ihr Universum ist. Auf Biophilia stellte die Isländerin Musik als Phänomen aus, das sich theoretisch und praktisch zerpflücken lässt und dann wieder zusammensetzen, um damit naturwissenschaftliche Ideen zu erläutern. Und Björk, die in ihrer langen Karriere schon Punk und Pantomimin war, Hohepriesterin und Fabrikarbeiterin, Preisträgerin und Journalistenschreck, verschwand als Kuratorin fast ganz hinter ihrer Idee.

Ein Album später helfen Wissenschaft und Technik nicht weiter. Selbst Björk kann keine App erfinden, die Liebeskummer weniger schmerzhaft macht, deshalb heilt sie sich mit Vulnicura auf ganz altmodische, romantische Art. Das Albumcover zeigt sie als heilige Madonna in Latex unterm Strahlenkranz aus bunten Stacheln, die Arme geöffnet, auf der Brust eine klaffende Wunde in Vulva-Form. Vulnicura erforscht kein externes Universum, sondern das ihres eigenen Schmerzes, in dem sie so lange wühlt, bis sich aus den Narben Muster erkennen lassen. Und bis Matthew Barney, der aus Björks Sicht die Schuld an allem trägt, sich wünschen muss, er hätte sich nie mit ihr angelegt.


Ein Pop-Triptychon

Respekt und Würde sind die prominenten Themen auf Vulnicura. "Show me emotional respect", fordert Björk im ersten Song Stonemilker, um später in Family zu fragen: "Is there a place/ Where I can pay respects/ For the death of my family/ Show some respect", und ganz am Schluss in Quicksand zu orakeln: "Define her abyss/ Show it respect/ Then a celestial nest/ Will grow above." Die neun Songs, von denen der kürzeste drei und der längste mehr als zehn Minuten einnehmen, ergeben – passend zur Madonnen-Ikonografie – einen Triptychon: Die ersten drei spielen in den Monaten vor der Trennung, die nächsten drei in den Monaten danach, und die letzten schließlich in einer Zeit, die sich nicht mehr anhand der Trennung definiert. Bis dahin arbeitet sich Björk ausgiebig und leidenschaftlich ab an einer Beziehung und einem Partner, die ihr nicht genug gegeben haben, und durchläuft dabei alle Phasen: Verzweiflung (beim Versuch, eine gemeinsame emotionale Ebene zu finden), Hoffnung (dass es doch noch mal klappt), Resignation (weil es nicht klappt), Trauer (direkt danach), Wut (auf die ganze komplizierte Verkorkstheit), Stärke (weil es trotzdem weitergeht) und – schließlich – Akzeptanz. Barney ist der Stein, den sie immer wieder zu regen versucht und der doch nur kalt im Weg herumliegt, während sie klagt und tanzt und leidet und ihn schließlich überwindet.