Das gilt für sein Trio mit Bassist Stephan Crump und Drummer Marcus Gilmore mehr als für sein Sextett oder Holding It Down: The Veterans’ Dreams Project, seine Arbeit mit dem Spoken-Word-Poet Mike Ladd über die Traumata von Kriegsheimkehrern aus dem Irak und Afghanistan. Denn das seit elf Jahren bestehende Trio ist Iyers am besten eingespielte Formation und so etwas wie das Labor, in dem er die unterschiedlichsten Einflüsse miteinander reagieren lässt, auch wenn drei der schönsten, Vögeln gewidmete Stücke seines neuen Albums Break Stuff skelettierte Fassungen von Kompositionen für ein 20-köpfiges Ensemble sind, zu denen er sich von Teju Coles Roman Open City anregen ließ – mit dem Autor auf der Bühne.

Wenn Iyer in Hood dem Detroiter Minimal Techno von Robert Hood huldigt, geht es nicht um die akustische Imitation elektronischer Grooves wie bei Brandt Bauer Frick, sondern um die motivische Nutzbarmachung kleinster Intervall- und Rhythmusverschiebungen in einem Spiel von Beschleunigung und Verlangsamung, wie es Iyer mit seinem Trio schon auf dem letzten, noch bei ACT erschienenen Album Accelerando betrieb. Und wenn er in Mystery Woman ein Rhythmus-Pattern der karnatischen Mridangam-Virtuosin Rajna Swaminathan instrumentiert, ist er jedem erkennbaren Weltmusik-Crossover so fern, wie er dem Überlagerungsflirren einiger Kompositionen von György Ligeti nahe steht. Iyers Musik schlägt bruchlos den Bogen zwischen Club und Konzertsaal, Komposition und Improvisation – und verfügt bei alledem über eine lustvollen Körperlichkeit, deren organische Selbstverständlichkeit sich nur noch dadurch steigern lässt, dass man live erlebt, mit welcher anstrengungslosen Eleganz Marcus Gilmore seine polyrhythmischen Feuer legt, Stephan Crump Ostinati in Bewegung hält und Vijay Iyer aus dem Gewirr der Linien klar Artikuliertes herausmeißelt.

Das Ausgangsmaterial ist dabei oft von formelhafter Sprödheit, kommt aber außer in den traumweiten Vogelstücken gewöhnlich schnell in Fahrt. Taking Flight beginnt mit einer Folge auf dem Klavier Ton für Ton hingetupfter Quinten, die die Tastatur hinaufwandern und dann die Tastatur hinunter, bevor sich Nebentöne einschlechen und kleine Tonwirbel, in die sich erst das Schlagzeug einschaltet und wenig später der Bass, bis sich das Ganze nach und nach in einen reißenden Strom verwandelt.

Mit der klassischen Thema-Solochorus-Thema-Dramaturgie hat das alles nichts mehr zu tun. Es ist ein Kollektivereignis, das sich als Fortsetzung eines afroamerikanischen Erbes versteht. Am konventionellsten klingt es noch in Iyers Soloversion von Billy Strayhorns Blood Count. Schon John Coltranes Countdown wird zu einer Kenntlichkeit zerrupft, in der Schwung und analytischer Zugriff kein Widerspruch sind. Nicht zufällig nennt Iyer die dissonanten Ecken und Kanten von Thelonious Monk als sein pianistisches Erweckungserlebnis. Er baut sie, wie Work, eine Komposition des Meisters, zeigt, nur sehr viel virtuoser, abwechslungsreicher und jenseits ihrer funktionsharmonischen Stör- und Überraschungseffekte ein.

Die Strukturen sind bis zu Signaltönen reduziert

Es wäre verlockend, daraus ein Verblassen der lange prägenden europäisch-impressionistischen Klaviertradition abzuleiten, wie man es auch für den passionierten Monkianer Jason Moran beanspruchen könnte, mit dem Iyer am Bostoner New England Conservatory im vergangenen September eine aufschlussreiche Masterclass abhielt (dokumentiert auf YouTube). Schon auf Craig Taborn, den anderen bedeutenden Kollegen aus seiner Generation, mit dem er gelegentlich Duos spielt, würde es nicht mehr zutreffen. Die beiden finden in einer Kunstmusik zusammen, in der solche Unterscheidungen keinen Sinn mehr ergeben – abgesehen davon, dass die hallige, jeden konkreten Raum auflösende Tiefenstaffelung des ECM-Klangideals jede Musik auf ein fragiles europäisches Terrain zurückholt.

Weiter kommt man mit der Behauptung, dass sie alle nur aus verschiedenen Richtungen mit den ermüdenden Routinen des Compings, also den Einwürfen der linken Hand, die die Akkordfortschreitungen eines Stückes definieren, aufgeräumt haben. Schon Herbie Hancock fing bei Miles Davis damit an, diese Einwürfe offener und vieldeutiger anzulegen – wenn er sich nicht gleich auf die linke Hand setzte, um jeder Versuchung zu widerstehen, sie zu benutzen. Vijay Iyer würde sich auch auf klassisches Comping verstehen. Er will es nur nicht. Mit den ausgedünnten, bis zu reinen Signaltönen reduzierten Strukturen, denen sich auch die rechte Hand zuweilen unterwirft, hat er ein Vokabular geschaffen, das auf Break Stuff in seinem ganzen Reichtum zu hören ist und im Rahmen einer dramaturgischen Geschlossenheit aufleuchtet, wie sie kein anderes seiner Alben besitzt.

"Break Stuff" ist bei ECM erschienen.