Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker während des Konzerts zum 25. Mauerfalljubiläum © Monika Rittershaus

Es ist immer wieder ein magischer Moment, wenn ein Orchester vor Konzertbeginn sein chaotisches Stimmengewirr erzeugt, um dann auf den Einsatz der Solo-Oboe zu hören und mit dem Stimmton a für einen Moment einen harmonischen Klang hervorzubringen. In diesem Ritual, mit dem täglich Hunderte von Konzerten beginnen, findet sich schon die ganze Kraft des Klangkörpers, genannt Orchester, in dem sich bisweilen mehr als hundert Musiker mit ihren Instrumenten zu einem Klang, einer Schwingung und für die Dauer des Konzerts zum gemeinsamen Ausdruck einer Komposition vereinen.

Das Orchester, ein von seiner Zusammensetzung und seiner historischen Entwicklung her, seinen Aufgaben und Erfordernissen ebenso komplexes wie bedeutendes Gebilde abendländischer Kultur, verkörpert eine besondere Welt. Und eine fragile. Sie erlebte in den über 500 Jahren ihrer Geschichte Wandel und Krisen, Begeisterung und Gefährdung. So ist es sicher ein politischer Erfolg, dass im Dezember 2014 nun die deutschen Orchester (gemeinsam mit den Theatern) von der Deutschen Unesco-Kommission in die neue bundesweite Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurden.

Wird die Auszeichnung auch mehr Geld bringen?

Offen bleibt, ob das, wie gewünscht, zu besserer Absicherung und Finanzierung führen wird – wie es Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrats, der die Bewerbung angeschoben hat, forderte: "Die Aufnahme der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft ist ein großer Erfolg für die kulturelle Vielfalt in unserem Land. Damit sollte auch eine Trendwende für mehr Investitionen in diesen kulturellen Schatz verbunden sein – eigentlich eine Selbstverständlichkeit für die viertstärkste Industrienation der Welt."

Das Spektrum in Deutschland ist groß und vielfältig: Professionelle Symphonie- und Theaterorchester (rund 130 gibt es hierzulande, 560 weltweit), Laien- und Jugendorchester vereinen tausende Musikerinnen und Musiker. Orchestermusik gehört zu besonderen Ereignissen, wie 2014 das Mauerfalljubiläum, bei dem es fast im Stundentakt Orchesterkonzerte gab und kein Silvester ohne Beethovens Neunte. Orchester bespielen heute jeden nur entfernt geeigneten Raum – bis hin zur ausrangierten Schwimmhalle. Das Stadtbad Wedding in Berlin etwa.

Moderne Musik im alten Schwimmbad

An einem dunklen regnerischen Oktoberabend des vergangenen Jahres ist der Eingang in der Gerichtstraße kaum zu finden, zur Lounge-Musik warten im Foyer einige hundert junge Leute mit Bierflasche in der Hand auf den Einlass. Im ehemaligen Bad selbst, das von lilafarbenen Spots in sanftes Licht getaucht wird, sitzt man mit oder ohne Kissen auf den Fliesen und lauscht dem Violinkonzert von Arnold Schönberg, einem der herausforderndsten Werke der Musikgeschichte. Aber es ist genau das, was das Publikum wollte, jedenfalls wird am Ende laut Bravo gerufen. Das Ensemble Mini mit seinem Dirigenten Joolz Gale zeigt hier, dass das geht: schwierige Musik an junges Publikum vermitteln.

Und doch muss man sich Sorgen um die Zukunft dieser Kulturform machen. Sie steht unter großem wirtschaftlichen Druck – und das mit dramatischen Folgen. Allein in Deutschland sind in den vergangenen 20 Jahren fast 40 professionelle Orchester verschwunden. In Arbeitsplätzen ausgedrückt: Im Zeitraum von 1992 bis heute wurden gut 2300 Planstellen in Orchestern abgeschafft, das sind 20 Prozent aller in den sogenannten Kulturorchestern fest angestellten Musiker. Auch der Blick ins Ausland verheißt nichts Besseres, ob die Oper in Rom, der Dänische Rundfunk, die Orchester in den Niederlanden – überall wird reduziert und eingespart. Ein Paradoxon: Denn die ständig steigenden Besucherzahlen sind hoch wie selten zuvor in der jahrhundertealten Geschichte der Orchester.

Bis in die Zeit um 1500 geht es zurück, um deren Anfänge zu finden. Damals meinte Orchester instrumentale Musik, die von einer Gruppe dargeboten wird. Der Begriff "Orchester" ist freilich viel älter und bezeichnet im Griechischen das Halbrund eines Amphitheaters, den Tanzplatz, der für alle Zuschauer einsichtig ist. Heute sitzt nun in Amphitheatern ähnlichen Sälen wie der Berliner Philharmonie genau dort das Orchester. Die ersten Orchester aus dem 16. und 17. Jahrhundert kennen noch nicht diese Art und Form öffentlicher Konzertsäle, sondern spielen in Theatern, in Kirchen oder in den Prunksälen musikliebender Schlossherren. Ihre Aufgaben: Operngesang zu begleiten, den Gottesdienst auszuschmücken oder die Fürsten zu ergötzen. Die Musiker entstammten unterschiedlicher Herkunft und wurden kombiniert, die Stadtpfeifer und die Militärmusiker ergänzten die Streicherensembles.