Die Klassik jammert. Sie jammert seit rund zwanzig Jahren und hat Gründe dazu, und natürlich hat sie zu kämpfen. Gegen Orchesterschließungen, für bessere Dozentenbedingungen, um das Publikum, für viel mehr aktuelle Musik im gewaltigen Bereich, den man so marmorn Klassik nennt. Auch in Literatur, Kunst und Kino wird ständig gekämpft, um Aufmerksamkeit und Mittel. Aber nirgends wird so viel gejammert. Das schaurige Lied vom Tod der Klassik, die zwischen Sparmaßnahmen und Volksverblödung, zwischen Starkult und Musealität dahinsiecht, ist zum Basso ostinato geworden, zum stets wiederholten Grundmotiv, das vielen Leuten die Ohren verstopft.

Die populärste Strophe dieses Liedes ist die vom Silbersee. Damit meint man die Leute ab fünfzig, die das Publikum dominieren, in aller Regel kein rabenschwarzes oder weizenblondes Haar mehr und nur noch lächerliche dreißig Lebensjahre vor sich haben. Selbst von Musikern werden sie abgetan wie ein Überbleibsel, um das man sich nicht zu bemühen braucht. So liegt die zweite Strophe nah, die vom aussterbenden Publikum, der als dritte die vom Innovationsstau auf allen Ebenen und als vierte die Katastrophe folgt: Im Zeichen der Gewinnmaximierung gerät besonders die empfindliche Musik so unter Legitimationsdruck, dass sie am Ende verröchelt.

Selten spricht ein Musiker so selbstbewusst wie der Cellist Nicolas Altstaedt, Leiter des Festivals in Lockenhaus: "Die klassische Musik ist was Existenzielles, Teil von uns. Das kann nicht zugrunde gehen. Wenn das zugrunde geht, sterben wir Menschen aus." Oder so gelassen wie Markus Hinterhäuser, designierter Intendant der Salzburger Festspiele: "Das Publikum ist für Neues viel empfänglicher, als man ihm zugesteht." Oder so unternehmungslustig wie Sonia Simmenauer, Agentin renommierter Musiker: "Es gibt nichts zu beweinen, aber viel zu tun." Stattdessen wird oft sogar noch geweint, wo es eher was zu lachen gibt, zum Beispiel in der Publikumsstatistik.

Aufstieg aus dem Download-Tal

Die ergibt eine deutliche Dissonanz zum zähen Lied vom Tod. Von 2005 bis 2012 ist die Zahl derer, die sich Konzerte der öffentlich finanzierten Orchester in Deutschland anhörten, von etwa 3,9 Millionen auf knapp 4,3 Millionen jährlich gestiegen, parallel zur Zahl der Konzerte selbst: von 8.653 auf 10.371. Denn natürlich haben sich die Institutionen berappelt seit dem späten 20. Jahrhundert, als eine arrogante, versteinerte Szene schwer vom Einbruch der CD-Verkäufe und der anschwellenden Sparwelle getroffen wurde, die seither 37 deutsche Orchester fortgespült hat. Es sind aber immer nur solche Defizitzahlen, mit denen der triste Basso ostinato beziffert wird. 

Dass dem Zusammenbruch der großen Plattenfirmen ein Aufstieg kleiner Labels folgte, die zwar kaum Gewinne machen, aber Produktionen von unglaublicher Vielfalt auf einem Durchschnittsniveau, auf dem man früher Sauerstoffgeräte angelegt hätte; dass die Berliner Philharmonie knallvoll ist, wenn Simon Rattle durch die Zufallsoperationen in Lutosławskis Zweiter Sinfonie navigiert; dass bei einem Auftritt des Artemis Quartett im selben Haus die teuersten und die billigsten Karten zuerst ausverkauft sind, also die für Bildungsbürger hier und Generation Y da; dass die jüngste Ruhrtriennale ihre 150 Veranstaltungen zu 90 Prozent ausgelastet sah – das alles hilft nichts gegen das Jammern.

Bloß nicht dem Rechtfertigungsdruck nachgeben

Im Gegenteil. Wer Beweise sammelt, hat erst recht verloren, der begibt sich nämlich in die Legitimierungsdruckkammer. Dort muss die Klassik erklären, warum sie klasse ist, nötig und begehrt und jeden Cent wert, da rechtfertigt sich die Ruhrtriennale für ihre 80 Prozent Subvention mit Umwegrentabilität und den Steuerleistungen der Mitarbeiter und Anzeigenäquivalenzwerten, und kein Mensch spricht mehr von Horizonten. Dort erklären Psychologen, dass Beschallung mit Mozart die Babys schlauer macht, und Wirtschaftsexperten, warum Kultur als Standortfaktor taugt. Dort legt sich der Hypochonder namens Klassikbranche lang und zählt ergeben seine Symptome.

Dabei könnte er kraftstrotzend stehen bleiben. Komponierte Musik ist die jüngste der älteren Künste, noch vor hundert Jahren nannte Ferruccio Busoni sie ein "Wunderkind". Diesem Kind haben freilich viele Akteure selbst den Frack wie ein Korsett angelegt. Spielen und lachen darf es oft nicht. Die Neue Musik, lästert der Komponist Moritz Eggert in seinem Bad Blog of Musick, führe sich auf wie die "picklige kleine Schwester der Klassik", per Hornbrille von der Welt getrennt. Und wenn an der Komischen Oper ein sinnfrei durchgeknallter Don Giovanni noch mehr Laufkundschaft ins Haus lockt, als eh schon dort verkehrt, wird es im Feuilleton gleich als "Hanswurstbude" abgekanzelt.

Man klammert sich am Bedeutenden fest, als sei es gefährdet – noch so ein Symptom der Hypochonder. Auch wenn die Plätze nicht gerecht verteilt sind, wie überall, gab es doch noch nie eine solche Menge von Interpreten mit Kompetenz für älteste wie neueste Musik, nie konnte man sie so schnell kennenlernen wie jetzt über das Internet. Dort etablieren sich auch neue Formen von Musikjournalismus wie beim MagazinVAN, dessen junge Gründer Klassik so rebellisch finden, wie Pop mal war. Pop, der große Angstgegner! Dabei ist das bloß der laute kleine Bruder eines Wunderkinds. Gemein, oder? Ja, aber die Klassik muss wohl mal boxen üben, um sich das Jammern abzugewöhnen.