ZEIT ONLINE: Herr Kramarz, seit Jahrzehnten analysieren Sie Popsongs. Jetzt wollen Sie in Ihrem neuen Buch erklären, Warum Hits Hits werden. Was haben Sie herausgefunden?

Volkmar Kramarz: Wir haben die ökonomisch erfolgreichsten Stücke der vergangenen fünf Jahre analysiert. Harmonien werden im Pop formelartig eingesetzt, das zeigt sich an den Musikstücken selbst und man kann es auch an der Reaktion der Hörer ablesen.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie mit Formeln?

Kramarz: Dazu zunächst ein Dreischritt: Wir Menschen können Intervalle – also zwei gleichzeitig erklingende Töne – sehr schnell als konsonant oder dissonant unterscheiden. Drei gemeinsam erklingende Töne nehmen wir schnell als Akkord wahr, im Fall von Dur und Moll wirken sie auf unser Gehirn sehr wohltönend, andere Dreiklänge tun das nicht. Ich sage nun: Bestimmte Kombinationen dieser wohlklingenden Dreiklänge lösen folglich auch Wohligkeit aus, andere Abfolgen aber nicht. Und diese wohligen Harmoniefolgen, die eben in der Popmusik ganz oft zu beobachten sind, bezeichne ich als Popformeln.

ZEIT ONLINE: Diese Wohligkeit, von der Sie sprechen – ist die kulturell erlernt oder tatsächlich physisch in jedem Menschen angelegt?

Volkmar Kramarz lehrt Musikwissenschaft und Sound Studies an der Universität Bonn. Sein neues Buch "Warum Hits Hits werden" ist kürzlich erschienen im Transcript Verlag. © privat

Kramarz: Menschen in aller Welt empfinden zum Beispiel das Intervall der Oktave als harmonisch. Eine Erklärung könnte sein: Wenn ein Mann, eine Frau und ihr Kind ein einstimmiges Lied singen, singen sie physikalisch gesehen völlig unterschiedliche Töne. Weil sie sich aber in Oktaven doppeln, dürfte die Evolution gesagt haben, das finden wir schön.

ZEIT ONLINE: Sie haben schon vor einigen Jahren die klassischen Formeln der Popmusik in einem Buch herausgearbeitet. Ein besonders populäres Beispiel ist der Pachelbel-Kanon.

Kramarz: Jede dieser Popformeln hat eine eigene Popularitätskurve. Der Pachelbel-Kanon war in den Sechzigern enorm beliebt und dann in den Achtzigern, Neunzigern noch mal wiedergekommen. Denken wir an Lemon Tree von Fool's Garden oder Go West von den Pet Shop Boys. Momentan ist die Formel nicht so häufig. In den Fünfzigern und Sechzigern dominierte das Bluesschema. Auch das finden wir heute eher selten in den Hitparaden.

ZEIT ONLINE: Was ist also heute tonangebend?

Kramarz: Heute haben wir sehr häufig die Durkadenz …

ZEIT ONLINE: … die Folge aus Tonika, Subdominante, Dominante, zum Beispiel D-Dur, G-Dur, A-Dur …

Kramarz: … und dazu die Tonika-Mollparallele in unterschiedlichen Kombinationen. Die Wucht der Durkadenz ist einfach nicht zu überbieten.

ZEIT ONLINE: Aber ob ein Song ein Hit wird, kann doch nicht allein von seiner harmonischen Struktur abhängen.

Kramarz: Ohne die funktioniert es jedenfalls nicht. Ich spreche immer von einer Pyramide, die auf dem Kopf steht. Die Spitze, auf der das Ganze ruht, ist die musikalische Komposition. Und wenn die keine wohlklingende formelartige Harmoniefolge aufweist oder einen gar schiefen amateurhaften Melodiegesang, geht es nicht. Dann kann man noch so viel Geld in Werbung und Videos investieren.

ZEIT ONLINE: Spielt nicht der Sound einer Produktion eine wesentliche Rolle? Die frühen Produktionen von Timbaland und Missy Elliot zum Beispiel waren ja alles andere als geradeaus und wohlig. Trotzdem wurden sie zu Hits und sogar stilprägend. Wie ist das möglich?

Kramarz: Auf Basis einer harmonischen Wohlkonstruktion kann man sich sehr schräge Sachen erlauben. Vier Basstöne allein können die besagten Akkorde einer Popformel darstellen. Darüber hinaus kann unser Gehirn sehr viel akzeptieren und nachverfolgen. Satellite von Lena zum Beispiel ist in der Urversion eine ganz schlichte Komposition. In Lenas Version wurden dann eine schräge, chromatische Linie eingebaut und scheinbar unpassende Töne. Aber das steckt unser Gehör alles in die Schublade "wohlig", weil die Formel stimmt.