Paris hat eine neue Philharmonie, aber steht dort auch genug neue Musik auf dem Programm? © Charles Platiau/AFP/Getty Images

Es ist, als bräche ein Ritter durch die Saalwand, aus einer anderen Welt, mit wehendem Helmbusch, auf wieherndem Ross, funkelnd und jubelnd, taufrisch und ohne Rostflecken, ein romantischer Traum vom Ritter, der alle Sehnsüchte der Romantik erfüllt, während die Fanfaren einem am Herzen reißen und von Europa träumen lassen. So kann es einem gehen mit dieser Sinfonie, der Zweiten von Théodore Dubois. Ein unglaubliches Stück, grandios und aus der Zeit gefallen – und unter den Tisch, vor gut hundert Jahren. Wer kennt bei uns überhaupt Théodore Dubois? Diese Frage wirft eine andere auf: Wird nicht ein bisschen zuviel Mozart und Mahler, Brahms und Beethoven gespielt? 

Zwar gibt es überall ambitionierte Reihen, Formate, Interpreten, und das Konzertpublikum ist vielleicht auch deswegen gewachsen. Aber hinter dessen Neugier bleibt die Entdeckungslust festbestallter Musiker zurück. Wer sich aus gegebenem Anlass anschaut, was die beiden großen Münchener Orchester in dieser Saison bislang spielten, kann sich fragen, ob dringender als neue Säle nicht neue Stücke gebraucht werden. Nicht nur zeitgenössische, überhaupt unvertraute. Das sogenannte Kernrepertoire drückt zu vieles an den Rand. Selbst die ortsansässige Süddeutsche, furios für einen Saalneubau engagiert, beklagt, dass hier "Klassikmainstream und der kalte Musikmarkt" dominieren.

Um den scheren sich die Ausgräber vom Palazzetto Bru Zane nicht, dem in Venedig arbeitenden Centre de musique romantique française. Sie können es sich leisten. Seit fünf Jahren holen sie mit millionschwerer Unterstützung einer französischen Industriellen Vergessenes ans Licht, und was sie gut finden, das lassen sie von besten Kräften einspielen, zuletzt gleich drei CDs mit Musik des vermeintlichen Zuspätromantikers Dubois (1837-1924). 1912 wurde seine Zweite Sinfonie uraufgeführt. In Zeiten eines Debussy und Strawinsky nahm man sie als hoffnungslos akademisch, eklektizistisch, gestrig wahr. Das Werk kam nicht durch. Jetzt aber klingt es wie eine Befreiung, vollkommen unverbraucht.

Erstickende Spielpläne

Wenn man hört, wie furios sich die Brüsseler Philharmoniker hineinstürzen in das, was Dubois aus Musiksprachen von Schumann und Brahms bis Franck und Saint-Saëns als Eigenes gewann – eine berauschende Quintessenz des 19. Jahrhunderts, wie sie nur nach dessen Ende gekeltert werden konnte –, spürt man erst recht, wie eng und erstickend viele Spielpläne sich ans Bewährte halten. Wenn die Münchner Philharmoniker zwischen all ihrem Brahms und Bruckner, Mozart und Mahler mal bis zu Prokofjew kommen, ist es bestimmt nicht seine zerrissene Sechste, sondern schon wieder die Symphonie classique.  

Wir wollen nicht verschweigen, dass auch zwei lebende Komponisten vorkamen und, mit Messiaen und Weill, zwei nicht überpräsente Tote neben den fünfzehn üblichen Verdächtigen. Aber man stelle sich mal eine Kunstszene vor oder einen Buchmarkt mit solchen Proportionen. Da würden dann hauptsächlich Romane von Balzac bis Thomas Mann neu aufgelegt und William Turner gezeigt. Beim Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks geht es etwas bunter zu, schon wegen der Reihe mit dem Warnschild "musica viva". Da hat das Orchester neulich an einem Abend drei neue Stücke gespielt, eines sogar von einer Frau.

Viele Außenseiter sind der großen Bühne gewachsen

Nichts spiegelt das Beharrungsvermögen vieler Orchester so wie die Tatsache, dass auf der Weltrangliste der Meistgespielten, die bachtrack.com kürzlich veröffentlichte, die erste Komponistin erst auf Platz 132 auftaucht: Die 83-jährige Sofia Gubaidulina, derzeit composer in residence bei der Sächsischen Staatskapelle. Die Dresdner müssen sich also nicht vorwerfen lassen, sie wollten nur Bruckner, und auch bei den Berliner Philharmonikern muss keiner mehr Pillen nehmen, ehe er Lachenmann, Haas oder Eötvös spielt oder eine Rarität von Martinu. Das eherne Rückgrat aber bleiben Partituren, die alle kennen. 

Es gibt gute Argumente dafür. Das Wiedererkennen, das Anknüpfenkönnen ist ein Bindemittel von Kultur überhaupt. An den Werken des "Kanons" wachsen die Interpreten und machen ihre je eigene Perspektive deutlich (und die ihrer Zeit) – wenn sie eine haben. Der Qualitätsanspruch aber, den das Kernrepertoire etabliert, kann in Entdeckerzeiten von YouTube gerade nicht gegen Aberhunderte Werke ohne Podiumspräsenz verwendet werden. Viele sind ihm gewachsen. Sie können den Kanon sogar infrage stellen: Die Ecksätze von Dubois' Zweiter sind, um mal historisch unkorrekt zu sein, packender, einleuchtender, schlackenloser als die meisten Sinfoniesätze von Robert Schumann.

Doch, auch die wollen wir weiter hören, auch in all den neuen oder erträumten Sälen von Paris bis London, über die mehr gesprochen wird als über die Musik selbst. Und Mozart bis Mahler und alle fünfzehn Sinfonien von Schostakowitsch wollen wir nicht missen! Aber auch die können ab und an Erholung gebrauchen und sehnen sich nach neuen Nachbarn aller Zeiten, und zwar solchen, die jederzeit und auf Augenhöhe daherkommen, nicht als Ausnahme und Marketingrisiko oder weil sie gerade Geburtstag haben. So könnte ausgerechnet der spätromantische Ritter Théodore an der Seite derer reiten, die ästhetisch weit von ihm entfernt sind, noch weiter aber von einem Platz in der Mitte des Konzertlebens: die lebenden Komponisten. Vielleicht wird aber der Rand die neue Mitte. In Cottbus wird seit Jahren in jedem Sinfoniekonzert ein Werk uraufgeführt. Die Auslastung ist dabei um 20 Prozent gewachsen.